Götterdämmerung für New Economy

28. Juli 2000, 21:10

Investoren flüchten in den sicheren Hafen der traditionellen Aktien - Einbruch bei Nokia und Amazon

Angesichts unsicherer Ertragserwartungen der Technologiewerte haben viele Investoren ihren Weg in den sicheren Hafen der Old Economy, sprich traditionelle Werte, zurückgefunden. Besonders der Absturz der Aktien von Amazon.com und Nokia am Donnerstag ließ bei Analysten die Alarmglocken läuten.

Während der technologielastige Nasdaq Composite Index Donnerstagnacht um 3,7 Prozent nach unten rasselte, konnten Blue Chips der Industriewerte zulegen. Pharma-, Öl-, Versorger- und Einzelhandelstitel wurden stark nachgefragt.

Mit dem Blick auf die Schlusskurse jenseits des großen Teichs warfen auch die Investoren in Europa Technologiewerte auf den Markt. In Frankfurt mussten Epcos, Siemens und SAP am Freitag nach Verlusten vom Vortag nochmals Abschläge hinnehmen und führten die Liste der Verlierer an. Epcos fiel um über drei Prozent, ebenso SAP, während Siemens mit einem Minus von weniger als zwei Prozent mit einem blauen Auge davonkam.

Zuvor hatte schon die Tokioter Börse am Freitag durch Verluste bei den High-Tech-Werten um gut zwei Prozent eingebüßt, der Nikkei-Index hat zum ersten Mal seit Mai 1999 die psychologische Widerstandslinie von 16.000 Punkten durchbrochen.

Auslöser der Flucht der Anleger aus dem Technologiebereich war eine Gewinnwarnung des finnischen Telekom-Riesen Nokia gewesen. Die Folge: Die Aktie des Unternehmens fiel in Helsinki mit einem Minus von 21 Prozent. In New York musste Nokia noch mehr Federn lassen, minus 25 Prozent. Durch die Verkaufswelle schmälerte sich der Börsenwert des führenden Funktelefonherstellers um 56,9 Mrd. Euro (fast 783 Mrd. S). Auch die US-Konkurrenten Motorola oder Texas Instruments kamen unter Druck. Aber unter der unerwarteten Gewinnwarnung des finnischen Konzerns litt der gesamte Technologiesektor, besonders die Halbleiterbranche. Am Freitag nützten einige Investoren den Einbruch zur Schnäppchenjagd, Nokia konnte sich leicht erholen.

Als ob dies nicht schon genug Hiobsbotschaften gewesen wären: Auch der US-Onlinehändler Amazon hat die Händler mit enttäuschenden Zahlen geschockt. Nun machen sich viele Investoren Sorgen, ob der Internethandelsriese, der im zweiten Quartal einen deutlich höheren Verlust hinnehmen musste als im Vergleichsquartal 1999, in absehbarer Zeit in die Gewinnzone kommen kann. Die Amazon-Aktien fielen daraufhin um über 17 Prozent auf ein neues Jahrestief.

Die Bank Austria rät in der Schwächephasen zum Positionsaufbau in Technologiewerten: "Wir würden zwar mit Neuengagements eventuell noch eine Stabilisierung abwarten, sind aber prinzipiell der Meinung, dass Schwächephasen zum Aufbau von Qualitätswerten genutzt werden sollten". Damit will die Expertin Anleger offenbar über entstandene Verluste trösten.

Nach der Kurserholung um 17 Prozent im Juni konzentrierten sich die Anleger jetzt wieder auf die Schattenseiten der Technologiebranche. Befürchtet werde, eine Verlangsamung des US-Wachstums könnte zu einer Abkühlung der Gewinndynamik führen. Obwohl die Ergebnisse für das zweite Quartal in den USA bis jetzt besser als erwartet ausgefallen seien, würden die Schätzungen für das Gewinnwachstum im dritten und vierten Quartal revidiert. (red)

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