Wir tanzen Carpaccio

13. April 2007, 17:00
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Eine neue Trattoria am Rand der Wiener Innenstadt wirkt unauffällig - bis zwischendurch das Licht gedämpft wird und Wirt und Koch rührende Show-Einlagen bieten

Der Franz-Josefs-Kai zwischen Rudolfsplatz und Schottenring war gastronomisch bislang eine ziemliche No-Go-Zone. Unten am Wasser ist seit Jahren Baustelle, oben, wo die Innenstadt recht abrupt in urbane Ödnis ausfranst, konnte sich niemals so etwas wie eine Restaurantszene verankern. Was da an Lokalen überlebt, weckt denn auch eher Assoziationen mit der Peripherie als mit dem Stadtzentrum.

Vor gut zwei Wochen aber hat hier eine kleine Trattoria aufgesperrt, die ganz erstaunlich gut besucht ist. Bis in die fortgeschrittenen Abendstunden wird in der vom Gehsteig einsehbaren Küche intensiv gearbeitet, und im Gastraum scheint es richtig lustig zuzugehen - das, was man früher einmal "feuchtfröhlich" nennen durfte.

Die "Trattoria da Marcello" wird von Derya Cetinsözlü betrieben, der sich als Veteran der italienischen Restaurantszene entpuppt. Dass der Mann aus Istanbul kommt, stört nicht weiter - schließlich ist die überwältigende Mehrheit der "italienischen" Gaststätten des Landes in nicht-italienischer Hand. Sein Partner und Koch Antonio Maione ist dafür Neapolitaner, und gemeinsam haben die beiden schon einige Lokale eröffnet und wieder zugesperrt. Davon zeugen Berichte aus Boulevardzeitungen der 1990er, die Derya gerne präsentiert.

Auftritt mit karierter Schürze

An diese vergangenen Zeiten erinnert auch die Speisekarte. Carpaccio etwa gibt es in sieben verschiedenen Varianten, darunter auch eines vom Thunfisch mit gegrillten Steinpilzen, was keineswegs als Scherz gemeint ist - schließlich wird es in irgendwelchen fernen Wäldern sicher gerade Herbst. Die Pilze haben die Reise über den Äquator recht gut überstanden und schmecken durchaus okay - ein Schelm, wer an Kioto denkt. Das "Octopus-Carpaccio auf Rucola-Kugeln" klingt verwegener, als es ist: gepresster und dünn aufgeschnittener Krake, der über eine halbkugelig aufgehäufte Portion der senfwürzigen Blätter drapiert und mit ordentlich Knoblauch gewürzt ist - uff.

Die Pasta hingegen ist recht ordentlich. Linguine Vongole werden, wie sich's gehört, in Weißweinreduktion geschwenkt, bis die Muscheln (viele!) gerade geöffnet und zart und fleischig sind. Auch Spaghetti Puttanesca mit Sardellen, Oliven und Kapern sind mit sicherer Hand gefertigt, die Pasta al dente, die Salsa pikant und aromatisch - warum statt Kapernblüten die Beeren verwendet werden, bleibt freilich ein Rätsel. Die eigentliche Attraktion aber offenbart sich, wenn mittendrin plötzlich das Licht gedimmt wird, worauf "Marcello" und Antonio (mit kariertem Tischtuch als Schürze...) ihren Auftritt haben. Unter dem Gejohle der Stammgäste wird zu Italo-Hadern wie "Gloria" im Halb-Playback gejault und mit den Hüften geschwungen, bis alle Peinlichkeits-Grenzen gefallen sind. Das hat etwas Rührendes und zeugt von einem Einsatz für den Gast, den viele hier sehr zu schätzen wissen. (Severin Corti/Der Standard/rondo/13/04/2007)

Trattoria da Marcello
Franz-Josefs-Kai 43
1010 Wien
Tel.: 01/968 22 55
Mo-Sa 11.30-15 und 18-23.30
VS € 3,50-13,50 HS € 5,90-18,50

Gerhard Wasserbauer
  • Peinlichkeit ist nur ein Wort. Bei "Marcello" wird gejault und mit den Hüften geschwungen.
    foto: gerhard wasserbauer

    Peinlichkeit ist nur ein Wort. Bei "Marcello" wird gejault und mit den Hüften geschwungen.

  • Das Essen schmeckt wie vor vielen Jahren.
    foto: gerhard wasserbauer

    Das Essen schmeckt wie vor vielen Jahren.

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