"Jeder kann sich mehrfach anstecken"

17. Jänner 2008, 12:17
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Gebärmutterhalskrebs ist selten - wie sinnvoll ist die Impfung? Im STANDARD-Interview der Onkologe Elmar Joura

Der Onkologe Elmar Joura sprach mit Edda Grabar über die tatsächliche Wirksamkeit der HPV-Impfung, relevante Studienergebnisse und fahrlässige Vorbehalte.

STANDARD: Es gibt derzeit einen Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs. Empfehlen Sie Ihren Patientinnen, sich impfen zu lassen?

Joura: Eindeutig ja. Sehen Sie, Gebärmutterhalskrebs beginnt unmerklich. Und obwohl Gynäkologen allen Frauen ab dem zwanzigsten Lebensjahr dringend raten, jährlich zur Krebsvorsorge zu gehen, weil man krebsartige Veränderung in sehr frühen Stadium entdecken und gut behandeln kann, sehe ich sehr häufig Tumoren in fortgeschrittenen Stadium. Etwa ein Drittel der Patientinnen wird dieses Karzinom nicht überleben. Mit dieser Impfung läge ein Großteil dieser Frauen nicht bei uns in der Klinik.

STANDARD: Eine erst kürzlich veröffentlichte amerikanische Studie kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass lediglich knapp über drei Prozent Amerikanerinnen mit genau den vier Virenstämmen infiziert sind, gegen die die Impfung wirkt. Macht sie dann eigentlich immer noch Sinn?

Joura: Selbstverständlich. Erstens widerspricht dies der europäischen Datenlage nicht. Darunter fallen nämlich jene 500 Frauen, die jährlich an Gebärmutterhalskrebs erkranken und von denen etwa 180 sterben. Zweitens besagt die Studie ebenfalls, dass weitere 17 Prozent bereits wenigstens einmal mit einem der krebserregenden Viren infiziert waren.

Das bedeutet: Jeder kann sich mehrfach anstecken, ohne genügend Abwehrkräfte zu bilden. Mit jeder neuen Infektion steigt das Risiko, Krebs zu entwickeln - somit macht eine Impfung also auch bei älteren Frauen Sinn.

STANDARD: In Österreich gibt es aber Stimmen, zum Beispiel aus dem Umfeld des Frauengesundheitszentrums in Graz, die Frauen vor unüberlegten Impfungen warenen. Es gebe keine Langzeituntersuchungen, lautet das Argument.

Joura: Ich halte diese Auffassung für verantwortungslos. Die internationalen Empfehlungen lauten, gerade junge Frauen zu impfen. Der Impfstoff wurden an etwa 25.000 Frauen zwischen 16 und 26 Jahren über viereinhalb Jahren getestet. Die Beteiligten zeigten einen nahezu vollständigen Schutz vor eben den riskanten zwei sowie zwei weiteren Virenstämmen.

Nebenwirkungen gab es kaum. Langzeitstudien kann es bei einem neuen Medikament deshalb grundsätzlich nicht geben, damit können unerkannte Nebenwirkungen nicht restlos ausgeschlossen werden. Frau Groth wiederholt wohlbekannte Einschränkungen der Ärzte und gibt sie als eigene Warnungen heraus.

STANDARD: Ein Faktum ist aber, dass die Impfung sehr teuer ist. Sie kostet 208 Euro, erst mit drei Injektionen besteht Vollschutz. Übernimmt die Krankenkasse die Behandlung?

Joura: Nein, leider müssen Patientinnen hier noch selbst dafür aufkommen. Derzeit streitet man sich unter den Gesundheitsverantwortlichen, welche Jahrgänge überhaupt geimpft werden sollen. Es wird wohl - ähnlich wie in Deutschland - darauf hinauslaufen, dass für junge Mädchen zwischen neun und sechzehn Jahren die Kosten übernommen werden.

Die Apotheken haben im Übrigen die Preise auf 155 Euro gesenkt. Der Preis ist zwar immer noch hoch, aber ich bin guter Hoffnung, dass sich das ändern wird, da im Herbst dieses Jahres ein zweiter Impfstoff zugelassen wird. Damit kommt der Markt in Bewegung.

STANDARD: Wie können Frauen, die sich noch nicht impfen lassen wollen oder es sich einfach nicht leisten können, am besten schützen?

Joura: Ich möchte einen weit verbreiteten Irrtum hier gleich einmal vorwegzunehmen: Frauen können sich nicht mit Kondomen schützen. Im Gegensatz zu anderen Geschlechtskrankheiten wie etwa Aids werden Papillomaviren nämlich nicht über Körperflüssigkeiten, sondern über den Kontakt der Haut weitergegeben. Ohne Impfung bieten regelmäßige Pap-Abstriche tatsächlich die beste Vorsorge.

Ich vergleiche das gern mit dem Autofahren und seinen Sicherheitsmaßnahmen. Ohne Gurt lebt man fahrlässig, ohne Vorsorge ebenfalls. Mit Sicherheitsgurt stößt dem Fahrer deutlich weniger zu - den Frauen, die zur Vorsorge gehen, auch. Aber ein Airbag, oder bei HPV die Impfung, bieten noch mal 80 Prozent mehr Schutz. Und niemand würde ernsthaft behaupten, dass man mit einem Airbag auf den Sicherheitsgurt verzichten kann. (Edda Grabar/MEDSTANDARD/16.04.2007)

  • Zur Person
Elmar Joura ist Oberarzt an der Station für onkologische Gynäkologie am AKH in Wien.

    Zur Person
    Elmar Joura ist Oberarzt an der Station für onkologische Gynäkologie am AKH in Wien.

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