"Die 81er Generation kennt keine Angst vor dem Militär"

15. Juni 2007, 18:26
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Der in Wien lebende Sozialarbeiter und Fotograf Mehmet Emir über das "Kurdischsein" in der Türkei und in Österreich

Wenn man den Kurden kulturelle Rechte gegeben und nicht nur versucht hätte, die Problematik mit militärischen Mitteln zu lösen, sähe die Lage in der Türkei heute völlig anders aus, meint Mehmet Emir. Einen Kurdenstaat kann sich der in Wien lebende Sozialarbeiter und Fotograf nur schwer vorstellen, weil sich Türken und Kurden in Ehen und Familien vermischt haben. Ein Interview von Kerstin Kellermann.

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Was verbindest Du mit dem Begriff "Kurdischsein"?

Mehmet Emir: Das Kurdische ist eine eigene Sprache und eine Lebensform - es kommt darauf an, ob du ein alevitischer, sunnitischer oder schiitischer Kurde bist. Das kurdische Alevitentum unterscheidet sich sehr stark vom türkischen oder arabischen Alevitentum.

Lebst du wie ein Kurde?

Mehmet Emir: Persönlich lebe ich wie ein Österreicher. Es stellt sich aber die Frage, wie lebt ein Österreicher? Viele sind von den Umständen im eigenen Dorf, von der Gesellschaft, in der sie aufwuchsen, sehr beeinflusst. Das wichtigste Spezifikum, warum ich mich als Kurde definiere, ist, dass ich ab dem ersten Mal, als ich zu reden begonnen habe, nur Kurdisch sprach. Mit sieben Jahren musste ich in meinem Dorf in eine türkische Schule gehen, ohne ein Wort türkisch zu können.

Dort kam man einfach schnell in eine türkische Schule, ohne zu wissen, wie einem geschieht. Die Lehrer engagierten, obwohl selbst Kurden, irgendwelche Schüler, die aufpassen sollten, dass die Erstklässler in der Freizeit ja nicht kurdisch reden. Einmal kam meine Kusine und stellte mir auf kurdisch eine Frage, aber da ich wusste, dass sie nicht türkisch kann, gab ich ihr überhaupt keine Antwort.

Für viele ÖsterreicherInnen ist "Kurdisch" ein mystischer Begriff. Assoziationen wie wild, räuberisch, ein Bergvolk, das auf Abenteuer aus ist, tauchen auf...

Mehmet Emir: Diese Leute leben in ihrer Fantasie, denn die haben nur Karl May gelesen, der selbst nie dort war.

Ein Klischee, das den kurdischen Mann betrifft, ist der wilde Kämpfer. Wie siehst du das?

Mehmet Emir: Wenn man uns in Ruhe lässt, können wir ganz normal leben, wie jeder andere auch. Nicht jeder kurdische Mann ist ein Kämpfer. Man sollte nicht die Bedingungen übersehen, die Menschen in eine gewisse Rolle treiben. Wenn man sich Palästina anschaut, haben die palästinensischen Kinder keinerlei Angst vor dem Militär oder der Polizei, die werfen Steine, obwohl sie sehen, dass die anderen bewaffnet sind. Und wenn man in einer Region lebt, in der die Militärpräsenz sehr stark ist, wo im Gebiet tagtäglich Militäroperationen zu erleben sind, hat man keine Angst mehr. Überhaupt ist die Generation nach 1981 mit Militärpräsenz aufgewachsen, daher kennen sie überhaupt keine Angst vor der Polizei. Die trugen selbst dazu bei, dass sie zum Alltag wurden.

Wenn das Wetter schön wird, finden in unseren Bergen immer noch lauter Militäroperationen statt. Es geht ja nicht nur darum, dass die Soldaten gegen die PKK kämpfen und ihre Operationen durchführen, sondern es ist so, dass das normale Volk, das vielleicht nichts mit der PKK zu tun hat und nicht so radikal ist, über den gleichen Kamm geschert wird. Jetzt ist es ein bisschen anders geworden.

Gibt es ein typisches Bild der Kurdin?

Mehmet Emir: Wir leben in einer Zeit, in der man geringe Möglichkeiten hat. In der Stadt, aus der ich komme, gibt es keinen Menschen, der über 25 bis 50 Jahre alt ist, der nicht einmal geschlagen bzw. verhaftet wurde, oder dem kein Verwandter gestorben ist. Die Frauen stehen nicht am Rande, sondern sind ebenfalls von der Situation total betroffen. Es gibt hauptsächlich Bäuerinnen, aber in den kurdischen Städten liegt der Frauenanteil an den Universitäten gleich hoch wie der der Männer. Die kurdischen Frauen haben sicher keine klassischen weiblichen Rollen übernommen und sind nicht der Passivität verhaftet, sondern genauso diesen Repressalien ausgesetzt wie die Männer.

Herrscht in Bezug auf kurdische Flüchtlinge eine Ambivalenz vor? Im Sinne von: Wir nehmen Kurden auf, aber denken, was wollen die überhaupt in Österreich?

Mehmet Emir: Es gibt Unterschiede in Bezug auf das österreichische Volk und die Regierung. Die in der Regierung sind, kennen doch die ganze Kurden- bzw. Nahostpolitik. Es hängt schließlich nicht vom normalen Volk ab, ob man kurdische Flüchtlinge aufnimmt oder nicht. Auf der anderen Seite ist es auch nicht unbedingt das normale Volk, das die Waffen in die Krisenregionen verkauft. Das passiert auch wieder auf einer höheren Ebene.

Das ist das Paradoxe: Auf der einen Seite nimmt man Flüchtlinge auf, auf der anderen Seite wird mit dem Verkauf von Militärausrüstung Kapital geschlagen, indem man der Türkei Waffen verkauft. Österreich trägt nichts zum Waffenhandel bei, ist aber an anderen Projekten stark beteiligt, z.B. bei den Staudammbauten im türkischen Kurdistan. Diese ganzen Kredite, die zur Verfügung gestellt und dort investiert werden, sind eigentlich Steuergelder der Österreicher. Das hat man immer gemacht, denn man tätigte auch in der Zeit, als die Türkei nicht demokratiepolitisch regiert wurde, Investitionen.

Kurden wird oft der Vorwurf des Nationalismus gemacht, weil sie in einem eigenen Staat leben wollen.

Mehmet Emir: Wenn man den Kurden zumindest ihre kulturellen Rechte gegeben und nicht nur versucht hätte, das Ganze mit militärischen Mitteln zu lösen, sähe die Sache völlig anders aus. Die einen sagen, es gibt acht Millionen Kurden, die in der Türkei leben, die Kurden sagen, es sind über 20 Millionen. Ich sage mal 15 Millionen. Es ist eines der größten Völker auf der Welt, das man versucht hat einfach auszuradieren.

Bis vor kurzem sagte man, es gibt keine Kurden, es gibt nur Bergtürken. Man versuchte eine Assimilation mit allen Mitteln. Man verhaftete sogar 15 vom kurdischen Volk gewählte Abgeordnete, da im Parlament kurdisch gesprochen haben. Ihre Immunität war sehr schnell weg. Sie wurden zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt – die berühmteste von ihnen ist Leyla Zana. Aber auf der anderen Seite stelle ich mir einen Kurdenstaat sehr schwer vor, weil sich die Türken und Kurden so vermischt haben. Es gibt so viele Ehen und die sind auf die ganze Türkei verteilt. In Istanbul allein gibt es über eineinhalb Millionen Kurden. Ich glaube, es geht nicht nur um die PKK, sondern auch um die Kurden. Was für Rechte will man den Kurden geben? (Kerstin Kellermann, derStandard.at/17.4.2007)

Zur Person: Mehmet Emir ist Profifotograf, macht Ausstellungen in der Türkei und Österreich und studiert an der Akademie der Bildenden Künste "Kontextuelle Malerei". Nebenbei arbeitet er in Wien als Sozialarbeiter. Auf seinen Wunsch hin wird er selbst nicht beim Interview abgebildet.

Zur Autorin:
Gastautorin Kerstin Kellermann ist Redakteurin der Zeitschrift "art in migration" und "ständige freie Mitarbeiterin" beim Augustin.
  • Fotos von Mehmet Emir aus der Serie "Meine Reise nach Hause". Emir zeigt seine Fotoshow am 22. Mai im Aktionsradius Augarten, 20 Uhr.
    foto: mehmet emir

    Fotos von Mehmet Emir aus der Serie "Meine Reise nach Hause". Emir zeigt seine Fotoshow am 22. Mai im Aktionsradius Augarten, 20 Uhr.

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    foto: mehmet emir
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