"Da kann Österreich nichts dafür"

18. April 2007, 17:46
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Nasser Elhayek, ein eingebürgerter Palästinenser, erzählt die Geschichte seiner staatenlosen Familie

"Ich möchte auch über gute Seiten in Österreich reden", sagt Nasser Elhayek, heute österreichischer Staatsbürger, noch bevor das Interview begonnen hat. Er hat Platz genommen im Büro der Bassena - dem BewohnerInnenzentrum des Stadteils "Am Schöpfwerk" in Wien. Es ist Mittwoch - der Gratisbazar ist heute geöffnet. Zwischen Elektrogeräten, T-Shirts, Stöckelschuhen und einem Stofftier Marke "Mon Chi Chi", tummelt sich zirka ein Dutzend der über 5 000 BewohnerInnen des Gemeindebaus. Es sind vor allem Frauen mit ihren Kindern gekommen - die meisten mit Migrationshintergrund. " Am Schöpfwerk leben zirka 250 arabische Familien", schätzt Elhayek. Seine Familie ist eine davon.

Vier Millionen palästinensische Flüchtlinge

Elhayek war noch nicht geboren, als seine Eltern 1960 aus Gaza City nach Libyen flüchten mussten. Heute liegt die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge und deren Nachkommen bei zirka vier Millionen. Die meisten von ihnen leben im Libanon, in Syrien, im palästinensischen Gazastreifen und im Westjordanland. Bis heute blieb die Forderung vieler PalästinenserInnen, an ihre Heimatorte zurückzukehren - auch wenn diese mittlerweile in Israel liegen oder zerstört sind - unerfüllt. Im palästinensischen Autonomiegebiet, Kanada, USA, Deutschland und Österreich - Elhayeks Familie ist auf der ganzen Welt verteilt.

"Hier ist es super"

1985 - Libyen. Nasser Elhayek studiert seit einem Jahr Mathematik. Und er will raus - etwas Neues entdecken. "Die kommunistischen Länder haben damals uns Palästinenser unterstützt", sagt Elhayek. Der junge Mann bekam ein Stipendium und ging für ein Jahr nach Nordhausen, eine zirka 50.000 Einwohner zählende Stadt in der damaligen DDR. Nach Ablauf des Studienaufenthalts kehrte er zurück, doch bald erhielt er einen Anruf. "Komm' her, hier ist es super", forderte ihn ein Freund auf. Die Rede war von Österreich. Ein Land, von dem er so gut wie nichts wusste. Zunächst erhielt er für einen Deutschkurs das Visum, später inskribierte er an der Universität. Damals sei es, im Gegensatz zu heute, für Staatenlose noch einfach gewesen, ein Visum zu erhalten, meint der dreifache Vater. "Es hat mir von Anfang an gefallen", erinnert sich Elhayek an jenen Septembertag im Jahr 1987, als er in Wien-Schwechat gelandet ist. Er mag die Landschaft, die Lebensqualität und das Gesundheitssystem in Österreich. "Die Leute genießen das Leben hier, das beeindruckt mich", erzählt Elhayek.

Bald machte sich Elhayek in der Gastronomie selbstständig. Auch das sei damals noch viel einfacher gewesen. Als offiziell Staatenloser war er nach fünf Jahren berechtigt, die österreichische Staatsbürgerschaft zu beantragen. "Ich war überglücklich als ich wusste, ich darf für immer hier bleiben", sagt der heute 40-jährige Mann. Als "weniger einfach" bezeichnet er das österreichische Steuersystem - sein Unternehmen ging in Konkurs - er zog nach New Jersey um seinen Cousin in dessen Supermarkt zu unterstützen. Bald verliebte er sich in eine gebürtige Palästinenserin mit kanadischer Staatsbürgerschaft. Doch nach vier Jahren in den USA ergriff ihn das Heimweh - gemeinsam mit seiner Frau ging er nach Österreich.

Staatenlose Eltern

Mittlerweile leben auch Elhayeks Eltern in Österreich - als Staatenlose mit einem ägyptischen Reisedokument für palästinensische Flüchtlinge. Ein Dokument, das in vielen Ländern nicht anerkannt wird. "Sie haben eine Aufenthaltsgenehmigung, eine eigene Krankenversicherung und leben hier nicht auf Kosten des Staates", versucht Elhayek präventiv den ihm offensichtlich bestens bekannten Vorurteilen entgegenzutreten. Als Staatenlose sind für sie Reisen ins Ausland schwer bis unmöglich. Entweder sind hohe Kautionen zu hinterlegen oder die Einreise bleibt ihnen gleich verwehrt.

Seine Mutter ist an Krebs erkrankt und wird von der Familie betreut. "Ich fühle mich ihr verpflichtet, sie muss bei uns wohnen, ich könnte meine Eltern nicht einfach alleine lassen". Derzeit lebt Familie Elhayek zu siebent in einer zirka 80 Quadratmeter großen Wohnung. Am privaten Wohnungsmarkt sei es für ihn unmöglich, die so dringend benötigte größere Wohnung zu finden. Als er sich etwa einmal auf eine Zeitungsannonce hin wegen einer Wohnung erkundigte, hieß es am Telefon: "schon vergeben". Einer Bassena-Mitarbeiterin mit Deutsch als Muttersprache, die kurze Zeit später dort anrief, wurde die Immobilie in den schönsten Tönen offeriert.

Vorurteile seit 9/11 verstärkt

Elhayek fühlt sich als österreichischer Staatsbürger nicht oft mit Rassismus konfrontiert. "Durch die Anschläge auf das World Trade Center, die ich ebenso wie jede andere Form des Terrorismus vehement verurteile, kam es allerdings zu einer massiven Verschärfung der Fremdengesetze, unter der viele meiner Bekannten leiden," erzählt Elhayek. Der eloquente Mann, der ehrenamtlich für www.alwatanvoice.com und www.arabtimes.com als Journalist arbeitet, sucht bezahlte Arbeit. Auch bei der Arbeitssuche spürt er die oben beschriebenen Ressentiments. "Aber das Arbeitsmarktservice setzt sich sehr ein für mich, ich darf einen Computerkurs machen".

Derzeit versucht er, für seine Eltern die Daueraufenthaltsgenehmigung zu bekommen. "Der Antrag wurde kürzlich abgelehnt, wir werden berufen", informiert Elhayek. Das staatenlose Paar hat seine Tochter, die sich im palästinensischen Gazastreifen aufhält, schon seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Die Chancen für ein Wiedersehen stehen jedoch schlecht, denn nach der Ausreise aus Israel habe seine Schwester derzeit keine Möglichkeit zur Rückkehr in ihre Heimat, so Elhayek. "Aber da kann Österreich nichts dafür", betont er. (burg/derStandard.at, 19. April 2007)

  • Familie Elhayek lebt wie rund 250 Familien arabischer Herkunft Am Schöpfwerk in Wien. Frau Elhayek ist kanadische Staatsbürgerin.
    foto: privat

    Familie Elhayek lebt wie rund 250 Familien arabischer Herkunft Am Schöpfwerk in Wien. Frau Elhayek ist kanadische Staatsbürgerin.

  • Nasser Elhayek ist 1987 in Wien-Schwechat gelandet. Heute hat er die österreichische Staatsbürgerschaft. Seine offiziell staatenlosen Eltern leben nun ebenfalls in Wien.
    foto: privat

    Nasser Elhayek ist 1987 in Wien-Schwechat gelandet. Heute hat er die österreichische Staatsbürgerschaft. Seine offiziell staatenlosen Eltern leben nun ebenfalls in Wien.

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