Das Saarland grüßt Burgund

16. April 2007, 13:10
posten

Ludwig Harig entwirft einen angeblich "wahren" Roman der Freundschaftskunst: "Kalahari"

Es herrscht eine Stimmung des traulichsten Einvernehmens im neuen Roman Ludwig Harigs - der doch immerhin mit einem südwestafrikanischen Sehnsuchtswort im Titel für das Fernweh, für die Aufkündigung einer im allzu Naheliegenden verwurzelten Bodenständigkeit wirbt.

Doch das Biografische, im Werk des bald 80-jährigen Harig traditionell Anlass zu subtilsten Textverschränkungen aus Vorgefundenem und Nachbereitetem, ist wiederum nur Vorwand: Wie einen Paravent schiebt der saarländische Urheber dieses "wahren" Romans die Biografie seines burgundischen Freundes Roland Cazet vor eine gemütvoll durchlittene Nachkriegszeit. Nichts darf in Kalahari demgemäß beim Nennwert genommen werden: weder der kurze Abriss der Sippengeschichte derer von Cazet, die als kleine Dorfschullehrer im Umland von Dijon den Prämissen einer strikt aufklärerischen Erziehungslehre zu willfahren suchen, noch die zahlreichen Europafluchten eines notorischen Dandys und Einzelgängers, der auf den Spuren des Waffenhändlers Rimbaud nach Äthiopien und Abessinien auswandert, sich auf Tahiti an die Spuren Paul Gauguins heftet und auch sonst nach geeigneten Aneignungsmethoden sucht, die ihm eine Handhabe über die Welt vermitteln könnten. ( Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

Welt aber, so legt es der prosaische Fallensteller Harig nahe, wird quasi nur vor Ort besessen. Zwischen ihm und Cazet entsteht in den 1940-/50er-Jahren eine nicht anders als innig zu bezeichnende Herzensfreundschaft, die - horribile dictu - zwischen saarländischen Würstchen mit amtlichem "Kartoffel- salat" eine tief empfundene Regionalität atmet: über die Bruch- und Verwerfungslinien des ehemals tief problematischen deutsch-französischen Verhältnisses hinweg.

Darf das auch wirklich alles wahr sein, was uns Harig als Chronikschreiber einer teilerfundenen Doppel-Familiengeschichte auftischt? Massive Zweifel scheinen mehr als angebracht. Das notwendig abstrakt gebliebene Kräftemessen der Väter in den Gräben vor Verdun zeitigt ein erstaunliches wechselseitiges Verständnis - in der schönsten Nachträglichkeit derer, die sich am Nierentisch an den Delikatessen des neu entstandenen Überflusses gütlich tun.

Papa Cazet bewundert anlässlich einer Fotobetrachtung das Geschick der Deutschen, es sich auch im letzten Erdloch möglichst wohnlich und bequem einzurichten. An den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg bewundert Roland die Neigung zu rhythmischem Stiefelgeklapper und Chorgesang, während die Episode eines hilfesuchenden Juden, der durch den Verkauf eines Teppichs zu dringend benötigtem Geld für das Überleben zu kommen trachtet, einige hässliche, geradezu atembenehmende antisemitische Stereotypen zeitigt.

Alles in Nachkriegsbutter? Nicht im Geringsten. Harig malt ein mit Exotika aufgepepptes Idyll, dem in keiner Sekunde zu trauen ist, das eher von der europäischen Neigung erzählt, in einer vergleichsweise kleinteiligen Kulturlandschaft mit den eigenen Beschränkungen kein Auslangen finden zu wollen. Dem entspricht stilistisch ein Schulmeisterlein-Ton, den sich Harig immer dann einzusetzen bemüht, wenn er den besonders gemütlichen Teil der freundschaftlichen Zusammenkünfte schildert: Dann knattern die verrutschten Präpositionen, da wird dann "gegen das Verharren an althergebrachten Vorstellungen" aufgetrumpft, und man möchte nicht gerne glauben, dass der Max-Bense-Schüler über die altfränkischen Schlacken seines Erzählens etwa nicht Bescheid wüsste.

Monsieur Cazet aber, der möglicherweise bloß eingebildete Herzensfreund, stirbt einen elenden Tod durch Unterleibskrebs - nicht ohne vorher die französische Multikulti-Gesellschaft nicht noch ausgiebig gescholten zu haben. Ein Potemkin'sches Dorf mitten im Saarland - wo gibt's denn das!? (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

  • Ludwig Harig, "Kalahari. Ein wahrer Roman". € 20,50/214 Seiten. Carl Hanser, München 2007.
    buchcover: hanser

    Ludwig Harig, "Kalahari. Ein wahrer Roman". € 20,50/214 Seiten. Carl Hanser, München 2007.

Share if you care.