Krimischiene: In der Baugrube oder am Lastwagen

16. April 2007, 13:18
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Michael Baden/ Linda Kenney: "Thriller Skalpell No 5" - Kate Atkinson: "Liebesdienste" - Jarkko Sipilä: "Die weiße Nacht des Todes" - Michael Gruber: Das Totenfeld

In der Baugrube

Geschrieben wurde der flotte Thriller Skalpell No 5 (Deutsch: U. Wasel, K. Timmermann, € 18,50, Blessing) von einem Ehepaar, das einschlägig tätig ist. Michael Baden, Gerichtsmediziner, sowie seine Frau Linda Kenney, Anwältin, sind - zumindest was den Beruf angeht - die Spiegelbilder von Manny und Jack. Die beiden bekommen miteinander zu tun, als just an einem Platz, wo ein Einkaufszentrum entstehen soll, mehrere Skelette gefunden werden. Die Überreste deuten auf Misshandlung und Mord hin. Die Bauarbeiten müssen eingestellt werden, was einer ganzen Reihe von Nutznießern und Korruptionisten nicht passt. Es folgt ein Overkill an Anschlägen, Beweisstücke verschwinden, und Mitwisser werden umgebracht. Das bewegt sich teilweise auf Splatter-Niveau und ist so knochenfetischistisch wie Kathy Reichs. Das Autorenduo hat aber auch einen sarkastischen Humor, was dem gruseligen Plot ganz gut Paroli bietet.

Am Strand

Im düsteren Edinburgh ereignet sich eine Schlägerei zwischen zwei Autofahrern. Der eine geht mit dem Baseballschläger auf den anderen los, ein Zeuge wirft seinen Laptop nach dem Irren, rettet den Angegriffenen und macht sich selbst zum Gejagten. Zur selben Zeit langweilt sich der Ex-Polizist Jackson Brodie bei Spaziergängen. Als er am Strand eine Frauenleiche findet, die ihm allerdings von der hereinkommenden Flut entrissen wird, ist es mit der Besinnlichkeit vorbei. Kate Atkinson ist eine wunderbare Erzählerin. Aus Parallel- und Nebenhandlungen, Abschweifungen und Rückblenden entwirft sie ein hochkomplexes Rätselspiel und brilliert in ihren illusionslosen Betrachtungen von Beziehungen. Diese ätzenden, tiefschwarzen Liebesdienste (Deutsch: Anette Grube, € 20,50, Droemer) sind ein grandioses Beispiel dafür, was man aus dem Genre machen kann.

Im Lastwagen

Im ausgebrannten Sattelschlepper aus Estland wird eine verkohlte Leiche gefunden. Der Mann ist mit einer Überdosis Heroin getötet worden. Angeblich hat er in einem finnischen Gefängnis gesessen, aber etwas stimmt da nicht, denn im Knast kann sich keiner an ihn erinnern. Ganz übel wird es, als die finnische Polizei herausfindet, dass der Tote weder Brummifahrer noch Drogendealer, sondern Under-cover-Polizist war. In den eigenen Reihen wird doppeltes Spiel getrieben. Und Ermittler mit Namen wie Takamäki und Mäki versuchen durchzublicken, was da wirklich los ist. Sprachlich zwar nicht herausragend, ist Die weiße Nacht des Todes (Deutsch: G. v. Schrey-Vasara, € 9,10, rororo) von Jarkko Sipilä dennoch eine spannende Geschichte zwischen Helsinki und Tallinn: Globalisierung ist überall, und im Waffenschmuggel sowieso.

Auf dem Balkon

Zufall, dass der Polizist Jimmy Paz gerade vor Ort ist, als ein Mann von einem Balkon stürzt. Zufall auch, dass eine anscheinend von religiösem Wahn Besessene im Zimmer des Toten aufgefunden wird. Alles sonnenklar, so scheint es den Cops in Miami. Aber dann wird das exilkubanische Duo Paz und Monroe aufgefordert, der Sache nachzugehen. Der Ermordete war ein Erdölhändler aus dem Sudan, die verrückte Emmylou Dideroff gibt den Ärzten Rätsel auf, und der ehemalige Meeresbiologe und Redenschreiber fürs Weiße Haus, Michael Gruber braucht 556 Seiten, um einen verzwickten Fall zu klären. Er bringt Elemente zusammen, die erst nicht zueinanderzupassen scheinen, aber dann doch ein Ganzes ergeben. Das Totenfeld (Deutsch: Silvia Morawetz, € 25,60, Zsolnay) ist ein mehrdimensionales Universum voll Voodoo und gnostischem Kampf zwischen Gut und Böse. (Ingeborg Sperl/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

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    buchcover: zsolnay
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