Knut und Knute

15. April 2007, 21:30
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"Süüüß!", oder: Anmerkungen zu einem "Problembären" der sentimentalen Art - von Wiglaf Droste

Er ist unzweifelhaft äußerst niedlich, der kleine Berliner Eisbär, den sie auf den boulevardtauglichen Namen "Knut" tauften. Er ist drollig, er ist, was manche Menschen "süß" oder "süüüß!" nennen, sein Anblick löst beim Publikum Empathie und regelrechte Affektaufwallungen aus. Gegen ihn, den "Knut" Genannten, will ich nichts sagen. Schließlich bin ich selbst Sternzeichen Eisbär: grimmig, flauschig und schnell.

Zu gut gecastet

Und doch ist Knut zur Knute geworden, zur Geißel. Vielleicht, weil er eine Idee zu gut gecastet ist? Weil er die ihm zugedachte Rolle als "Superstar" allzu perfekt bedient? - wobei das Wort "Superstar" zu Zeiten, in denen Dieter Bohlen als Musiker gilt, ohnehin eine üble Invektive ist. Aber was wissen sie davon bei Bild, BZ, Vanity Fair und den anderen Überflüssigkeitsorganen, die den Rummel um ein Eisbärenjunges im Berliner Zoo anfachen, um gleichzeitig von ihm zu leben? Ob Bohlen, Knut oder die Gewaltaprikose Angela Merkel - den Plakativmedien ist alles wurscht und also gleich recht, wenn es nur massenverkaufstauglich ist.

"Ich möchte ein Eisbär sein", sang Stephan Eicher (oder französisch: Stéphane Äschär) mit seiner Band Grauzone vor gut 20 Jahren; wer wollte diesen Wunsch heute noch hegen oder teilen?

Glücklich unfrei

Ein Leben als so genannter Medienstar scheint mir überhaupt nicht attraktiv: immerzu Remmidemmi, nie hat man seine Ruhe, überall sind Kameras mit den daran hängenden mauloffenen Glotz-, Anstarr-, Draufhalte- und Abschussmenschen, und nirgends kann man mehr unerkannt und ungestört ein Eis essen. So gesehen hat Knut Glück, dass er eingesperrt und nicht in Freiheit lebt; im Zoo sind die Besuchszeiten streng geregelt. Ein weiterer Vorzug ist sicherlich, dass Knut nicht lesen kann; ob es ihm gefiele, wenn er wüsste, das Bild ihm geistverlassen einen "knuten Tag" wünschte?

Vor Projektionen soll man sich hüten und Tiere nicht vermenscheln. Ein Bär ist ein Bär, punktum; er hat eine Bärennatur, der er folgt. Ob er aber als "Problembär" angesehen und behandelt wird oder ob man ihn zum Zeitungsaufmacher und zum Pin-up-Helden macht, darauf hat ein Bär keinen Einfluss. Der im Frühsommer 2006 zum Medienbären gemachte und "Bruno" genannte Braunbär wurde so lange konsequent entniedlicht, bis man ihn "zum Abschuss freigab".

Kitsch vs. Grausamkeit

Die Kehrseite des Kitsches ist die Grausamkeit. "Bruno" hat hinter sich, was "Knut" vielleicht noch blüht - sollte er, älter, größer und stärker geworden, einem der ihn bedrängenden Auf- und Zudringlinge einmal genervt eine Bärentatzenschelle verabreichen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich das Geschrei über die "blutrünstige Bestie" vorzustellen, erhoben von identisch denselben Medialmutanten, die vorher die Welt mit einer Schmuse- und Kuscheltierwelle von Tsunamistärke überschwemmten.

Beide Bärengeschichten, die von "Bruno" und die von "Knut", erzählen nichts über Bären, aber sehr viel über die menschliche Rasse.

Der Gipfel der Schöpfung präsentiert sich einem Bärenbaby so sentimental wie brutal, verlogen und bigott. Während alles dafür getan wird, dass die Eisbären aussterben, wird einer von ihnen zum Weltstar gekürt. Gefragt hat man ihn selbstverständlich nicht, denn es geht nicht um ihn - er hat seinen Betrachtern zu dienen, die sich in ihm spiegeln und ihre Liebesunfähigkeit an ihm abstreifen wollen. Die Bereitschaft zu ehrlich empfundener, also komplett geheuchelter Zuneigung ist dabei genauso groß wie die Entschlossenheit, das Objekt der Begierde bis zum letzten Cent kommerziell auszuwringen. Der Knutkitsch gleicht dem Papst-Benedikt-Kitsch; allerdings haben die Knut-Devotionalen, die hastig auf die Wühltische gefeuert werden, den Vorteil, wesentlich hübscher zu sein als die papistischen Souvenirs. (DER STANDARD print, 14.4.2007)

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    "Süüüüß!" Und: "Knuten Tag!" Ein kleiner Eisbär als "Superstar" für mediale "Überflüssigkeitsorgane"

  • Zur Person

Wiglaf Droste war unter anderem Mitarbeiter der "taz" und des Satiremagazins "Titanic". Er lebt als Journalist, Polemiker, Schriftsteller und Sänger in Berlin
    foto: nikolaus geyer

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    Wiglaf Droste war unter anderem Mitarbeiter der "taz" und des Satiremagazins "Titanic". Er lebt als Journalist, Polemiker, Schriftsteller und Sänger in Berlin

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