Stier unter lauter Bullen

14. April 2007, 16:57
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Die Uraufführung von Dimitré Dinevs Stück "Das Haus des Richters" am Akademietheater lässt Regisseur Niklaus Helbling fragen: Was ist ein Mythos ganz ohne Götter?

Wien - Dimitré Dinevs bisherige Figuren entstiegen dem gar nicht engen Pferch von Romandeckeln: Wunderliche kommunistische Systemerhalter, die in Dinevs furiosem Werk Engelszungen in die quasi mythische Welt des Staatssozialismus entrückt wurden - ehe sie auffuhren in den westlichen, den Wiener Konsumhimmel.

Dinevs erstes Stück für das Wiener Akademietheater, die Auftragsarbeit Das Haus des Richters (Uraufführung heute, Samstag, 19 Uhr), ist ein anderer, deutlich verwinkelterer Pferch: "Mythen sind doch einfach gute Geschichten", erklärt Uraufführungsregisseur Niklaus Helbling (47), ein Schweizer: "Eben solche, die die Anforderungen der Zeit gut überstanden haben!"

Helbling ist ein beredter Schelm - und darüber hinaus ein wundersamer Schaubühnensystemiker. In seiner letztjährigen Adaption von Michail Bulgakows Meister und Margarita brachte er ohne besondere Aufwandsleistung die verteufelten Verhältnisse im revolutionären Moskau gleichsam von selbst zum Schwingen. Auf billigen Teppichen, zwischen abgeschlagenen Schulkästen, in abgetragenen Milizuniformen wurde im Burg-Kasino das Elend des Totalitarismus gleichsam mit grazilem Spielbein transzendiert.

Heute sitzt er über einem deutlich finstereren Stoff: Dinevs erstes "großes" Stück paraphrasiert den Minotaurus-Mythos. Ein angesehener Richter sperrt seinen einzigen männlichen Nachkommen vor der Welt weg; lässt ihm ein Haus als Labyrinth erbauen, um einer unklaren Bedrohung der Gesellschaft durch das Kind vorzubeugen.

"Wie bringt man ein Labyrinth auf die Bühne?", fragt Helbling. Und er spürt zugleich einem Mangel nach: "Ein Mythos ohne Götter, wie geht das?"

"Die Original-Stier-Sexgeschichte findet ja nicht statt, sondern es geht um Betrug", so Helbling. Erzählt würde "die Geschichte von zwei Drecksäcken": dem Richter als Kerkermeister und einem Labyrinthbaumeister, der, wie man früher vielleicht gesagt hätte, als "Gastarbeiter" fungiert.

"Im Grunde", erzählt Helbling, "handelt es sich um zwei Kriminelle. Was ist die Hybris dieses so genannten Richters - eines Machthabers also -, das zu dem 'Es', diesem Ausdruck des Verdrängten, im Keller führt?"

Niemals naseweis

Helbling verwahrt sich gegen vermeintlich sichere Einsichten auf dem Theater. Er beschreibt seinen Inszenierungsstil als "Versuch, das Geheimnis des Textes spielerisch weiterzureichen". Es würde einem von dem gebürtigen Bulgaren Dinev "der Mythos nicht in den Kopf genagelt. Die Figuren entwickeln rasch ein Eigenleben - man kann ihnen hinterhergehen." Solche Texte, sagt Helbling, finde man nicht so einfach in der Gegend herumliegen.

Und der Dichter, in den Inszenierungsprozess mit einbezogen - ist er mit Einwänden vonseiten der Regie gedeihlich umgegangen? Helbling lächelt. Er habe eine Strichfassung angefertigt und der Autor sei kolossal bereitwillig auf alle Anregungen eingegangen.

Tschechow sei in dem Stück enthalten; der zweite Akt erinnere ein bisschen an den Athener Wald im Sommernachtstraum. Das Konzept des Labyrinthbaus aber atme die Stickluft einer Rudolf-Steiner-Hölle - eines anthroposophischen Gefängnisses.

Helbling selbst lächelt verschmitzt hinter seiner Brille hervor: Wien sei für ihn - einem "Zürcher Protestanten" - schon eine "unglaubliche Stadt". "Betritt man beispielsweise das Kunsthistorische Museum, sieht man am Boden ein Labyrinth ..." Man könne sich von der Kaiserstadt unentwegt anstecken lassen. Distanz bleibt indes spürbar. Die Zukunft werde sich für ihn, Helbling, noch weisen. Die Burg-Direktion ab 2009? Er habe bei Matthias Hartmann "schon siebenmal gearbeitet. Ich mache gerne einen Schritt nach dem andern." Soll heißen: Über seine Gesprächsbasis mit Hartmann müsse sich niemand besorgt zeigen.

Mit Bachler wird noch verhandelt: "Es dürfte Sie wenig überraschen, wenn ich sage: Es könnte sich um einen Shakespeare handeln!" (Ronald Pohl/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

  • Niklaus Helbling, Zürcher Geburtshelfer für das neue Stück eines aus Bulgarien gebürtigen Autors: "Wo endet der Mythos, wo beginnen die Geschichten?"
    foto: standard/regine hendrich

    Niklaus Helbling, Zürcher Geburtshelfer für das neue Stück eines aus Bulgarien gebürtigen Autors: "Wo endet der Mythos, wo beginnen die Geschichten?"

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    Martin Reinke (rechts) als "Der Meister" und Daniel Jesch als "Iko" in das "Das Haus des Richters"

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