Wer stirbt hier eigentlich?

  • Wenn es eng wird, mitten im Achten: Angelika Niedetzky in der sechsten Folge, die am Dienstag ausgestrahlt wird.
    foto:orf/petro domenigg

    Wenn es eng wird, mitten im Achten: Angelika Niedetzky in der sechsten Folge, die am Dienstag ausgestrahlt wird.

Daily Soap? Sitcom? Witzfiguren oder Identifikationsfiguren? Über das absehbare Identitätsproblem von "Mitten im Achten" - Von Christian Schwarzenegger

Simma bei "CSI Josefstadt?" Mit diesem leicht angegrauten Gag des ubiquitär einsetzbaren Erfolgsformats, quasi CSI Überall, wurde in der ersten Folge von Mitten im Achten nach einem Lacher gefahndet.

In der Tat würde ein bisschen CSI-Feeling der Sendung nicht schaden: Denn ähnlich wie den Protagonisten in besagter Szene ist bislang nicht nur dem Publikum, sondern offenbar auch den Machen, dem eifrig bewerbenden Sender, den Programmzeitschriften und der Kritik nicht ganz klar geworden, womit sie es bei der vielleicht gar nicht so "scheenen Leich" eigentlich zu tun haben.

Eine der größten Verwirrungen, die sich bei dem vorgeblichen Kernstück der ORF-Reform bisher offenbart hat, ist jene, ob Mitten im Achten nun als Daily Soap oder als Sitcom angelegt ist. Im schlampigen Sprachgebrauch mag diese Differenz verloren gehen, es ist aber doch daran zu erinnern, dass es sich um zwei spezifische Genres handelt und daher auch ganz spezifische erlernte Erfahrungen und Erwartungen des Publikums im Umgang mit den Formaten ausgebildet sind und bedacht werden wollen.

Lachspur - Ja? Nein?

Allein die Diskussion, ob man nun eine Lachspur (Gelächter aus dem Off, Anm.) einspielen solle oder lieber doch nicht - sie verdeutlicht die Orientierungslosigkeit und das Dilemma. In einer Daily Soap würde das nicht passieren, in Sitcoms ist es (nervenaufreibender) Usus. - Indiz für eine Daily Soap also?

Warum jedoch ist dann aber die Pointenfrequenz derart zwanghaft hoch angesiedelt, dass man den "lustigen Trankler" - übrigens eine in dieser Form typisch österreichische Serienfigur, die durchaus interessante Rückschlüsse auf das Soziotop, dem sie entstammt, zulässt - mitten im Wirtshaus sogar noch Witze erzählen lässt? Doch ein Sitcom Versuch?

Ein Blick auf die Besetzung: skurrile, überzeichnete Personen mit einer gesunden Mischung aus Selbstüberschätzung, Jämmerlichkeit und "so enttäuscht vom Leben"-Attitüde, sowie, Frau Niedetzky möge verzeihen, einer prolligeren, dafür aber faderen "so würde sich Peggy Bundy 2007 vielleicht kleiden"-Figur.

Möglicherweise durchaus brauchbare Typen, denen es allerdings noch an Kontur fehlt. Kontur, die den Witz, den die jeweiligen Rollen einbringen sollen, weniger beliebig und austauschbar, sondern zum Ausfluss eines Persönlichkeitsprofils werden ließe. Indiz pro Sitcom.

Daneben aber, die Jugendlichen als glattpolierte Lifestyle-Epigonen, durchmodelliert und bis zur Preisgabe jeder Authentizität in "Biografierequisiten" aus dem Sortiment des Ausstattungssponsors gewandet. Sie sollen vielleicht jene Role-Models für Heranwachsende sein, an deren Lebenswelt sich parasoziale Erfahrungen sammeln und Selbstentwürfe erproben lassen, Beziehungskonstellationen und Handlungsoptionen an idealisierten Situationen mit vagem Realitätsanspruch nachvollzogen werden können.

Der alte Krampf

Doch um solche Möglichkeiten zur empathischen Ankopplung zu bieten - was ja wesentlich den Erfolg von Formaten wie Gute Zeiten Schlechte Zeiten etc. ausmacht - wird den hohlen Charakterschablonen zu wenig Raum gegeben: zu unbarmherzig verrinnen die Sekunden, bis das nächste Witzchen untergebracht werden muss.

Das Identifikationspotenzial von Figuren ist für den Erfolg von Serien maßgeblich, Charaktere müssen nicht mit einer äußeren Wirklichkeit korrespondieren, aber sie müssen innere Stimmigkeit aufweisen. Das heißt, sie müssen als plausibel erlebbar sein: Was sie tun und wie sie sich geben, das alles muss miteinander in Verbund stehen.

Nachdem nicht geklärt ist, in welcher Art Serie sich die Charaktere befinden, ist diese innere Stimmigkeit aus Formaterwartung, Charakterstilisierung und Handlung nahezu verunmöglicht.

Der ORF begeht hier zudem - wie zuletzt beim, dem krampfhaft jedem jeweils interpretierten Lied angepassten, Charakterstyling bei Starmania beobachtet - den immergleichen Fehler: Das subtile Auslösen von Verstehensleistungen, bei denen Bedeutungen angedeutet und Assoziationen abgerufen werden können, soll durch direktes "Zeigen" ersetzt werden.

Kommunikative Codes und Symbole werden derart plakativ und konzentriert übergestülpt, dass die entstehenden Charaktere zu hilflosen Verkörperungen von gar nichts mehr werden, die aber bewusst wie etwas ausschauen sollen.

Lokalkolorit?

Die sozial durchaus vorhandene Ordnungs- und Orientierungsfunktion durch Kleidung und die (stereotypen aber funktional dennoch wichtigen) weiterführenden Schlüsse über die Person können so nicht entwickelt werden, und wo man den Versuch unternimmt, es doch zu tun, werden die Erwartungen durch das Verhalten der Charaktere nicht eingelöst und enttäuscht.

Die Figuren bleiben schal, die Oberfläche erhält keine Tiefe, die Identifikation misslingt - selbst wenn als Zeichen der Lokalisierung statt "Arsch" "Oasch" gesagt wird. Während die Serie selbst (noch) keine Identität beanspruchen kann, weil sie nicht weiß, was sie sein will, haben die Figuren keine Identität, weil sie nicht wissen, wie man glaubwürdig ist - was sie sein wollen.

Eine solche Identität zu suchen, sich für eine zu entscheiden und diese dann glaubwürdig zu verfolgen, das wird die Herausforderung für die Macher von Mitten im Achten sein, wenn sie gegen die reiche Konkurrenz bestehen wollen.

Sollte sich - was zu prognostizieren jetzt noch grob verfrüht wäre - die Serie in absehbarer Zeit am Seziertisch finden, so soll das CSI doch wenigstens feststellen können, um wen es sich bei der Leiche gehandelt hat. (Christian Schwarzenegger/DER STANDARD; Printausgabe, 14./15.4.2007)

Zur Person
Der Autor Christian Schwarzeneggerist Mitarbeiter am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien sowie Mitherausgeber der Fachzeitschrift "medien&zeit".
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