Wer stirbt hier eigentlich?

Redaktion
13. August 2007, 20:33
  • Wenn es eng wird, mitten im Achten: Angelika Niedetzky in der sechsten Folge, die am Dienstag ausgestrahlt wird.
    foto:orf/petro domenigg

    Wenn es eng wird, mitten im Achten: Angelika Niedetzky in der sechsten Folge, die am Dienstag ausgestrahlt wird.

Daily Soap? Sitcom? Witzfiguren oder Identifikationsfiguren? Über das absehbare Identitätsproblem von "Mitten im Achten" - Von Christian Schwarzenegger

Simma bei "CSI Josefstadt?" Mit diesem leicht angegrauten Gag des ubiquitär einsetzbaren Erfolgsformats, quasi CSI Überall, wurde in der ersten Folge von Mitten im Achten nach einem Lacher gefahndet.

In der Tat würde ein bisschen CSI-Feeling der Sendung nicht schaden: Denn ähnlich wie den Protagonisten in besagter Szene ist bislang nicht nur dem Publikum, sondern offenbar auch den Machen, dem eifrig bewerbenden Sender, den Programmzeitschriften und der Kritik nicht ganz klar geworden, womit sie es bei der vielleicht gar nicht so "scheenen Leich" eigentlich zu tun haben.

Eine der größten Verwirrungen, die sich bei dem vorgeblichen Kernstück der ORF-Reform bisher offenbart hat, ist jene, ob Mitten im Achten nun als Daily Soap oder als Sitcom angelegt ist. Im schlampigen Sprachgebrauch mag diese Differenz verloren gehen, es ist aber doch daran zu erinnern, dass es sich um zwei spezifische Genres handelt und daher auch ganz spezifische erlernte Erfahrungen und Erwartungen des Publikums im Umgang mit den Formaten ausgebildet sind und bedacht werden wollen.

Lachspur - Ja? Nein?

Allein die Diskussion, ob man nun eine Lachspur (Gelächter aus dem Off, Anm.) einspielen solle oder lieber doch nicht - sie verdeutlicht die Orientierungslosigkeit und das Dilemma. In einer Daily Soap würde das nicht passieren, in Sitcoms ist es (nervenaufreibender) Usus. - Indiz für eine Daily Soap also?

Warum jedoch ist dann aber die Pointenfrequenz derart zwanghaft hoch angesiedelt, dass man den "lustigen Trankler" - übrigens eine in dieser Form typisch österreichische Serienfigur, die durchaus interessante Rückschlüsse auf das Soziotop, dem sie entstammt, zulässt - mitten im Wirtshaus sogar noch Witze erzählen lässt? Doch ein Sitcom Versuch?

Ein Blick auf die Besetzung: skurrile, überzeichnete Personen mit einer gesunden Mischung aus Selbstüberschätzung, Jämmerlichkeit und "so enttäuscht vom Leben"-Attitüde, sowie, Frau Niedetzky möge verzeihen, einer prolligeren, dafür aber faderen "so würde sich Peggy Bundy 2007 vielleicht kleiden"-Figur.

Möglicherweise durchaus brauchbare Typen, denen es allerdings noch an Kontur fehlt. Kontur, die den Witz, den die jeweiligen Rollen einbringen sollen, weniger beliebig und austauschbar, sondern zum Ausfluss eines Persönlichkeitsprofils werden ließe. Indiz pro Sitcom.

Daneben aber, die Jugendlichen als glattpolierte Lifestyle-Epigonen, durchmodelliert und bis zur Preisgabe jeder Authentizität in "Biografierequisiten" aus dem Sortiment des Ausstattungssponsors gewandet. Sie sollen vielleicht jene Role-Models für Heranwachsende sein, an deren Lebenswelt sich parasoziale Erfahrungen sammeln und Selbstentwürfe erproben lassen, Beziehungskonstellationen und Handlungsoptionen an idealisierten Situationen mit vagem Realitätsanspruch nachvollzogen werden können.

Der alte Krampf

Doch um solche Möglichkeiten zur empathischen Ankopplung zu bieten - was ja wesentlich den Erfolg von Formaten wie Gute Zeiten Schlechte Zeiten etc. ausmacht - wird den hohlen Charakterschablonen zu wenig Raum gegeben: zu unbarmherzig verrinnen die Sekunden, bis das nächste Witzchen untergebracht werden muss.

Das Identifikationspotenzial von Figuren ist für den Erfolg von Serien maßgeblich, Charaktere müssen nicht mit einer äußeren Wirklichkeit korrespondieren, aber sie müssen innere Stimmigkeit aufweisen. Das heißt, sie müssen als plausibel erlebbar sein: Was sie tun und wie sie sich geben, das alles muss miteinander in Verbund stehen.

Nachdem nicht geklärt ist, in welcher Art Serie sich die Charaktere befinden, ist diese innere Stimmigkeit aus Formaterwartung, Charakterstilisierung und Handlung nahezu verunmöglicht.

Der ORF begeht hier zudem - wie zuletzt beim, dem krampfhaft jedem jeweils interpretierten Lied angepassten, Charakterstyling bei Starmania beobachtet - den immergleichen Fehler: Das subtile Auslösen von Verstehensleistungen, bei denen Bedeutungen angedeutet und Assoziationen abgerufen werden können, soll durch direktes "Zeigen" ersetzt werden.

Kommunikative Codes und Symbole werden derart plakativ und konzentriert übergestülpt, dass die entstehenden Charaktere zu hilflosen Verkörperungen von gar nichts mehr werden, die aber bewusst wie etwas ausschauen sollen.

Lokalkolorit?

Die sozial durchaus vorhandene Ordnungs- und Orientierungsfunktion durch Kleidung und die (stereotypen aber funktional dennoch wichtigen) weiterführenden Schlüsse über die Person können so nicht entwickelt werden, und wo man den Versuch unternimmt, es doch zu tun, werden die Erwartungen durch das Verhalten der Charaktere nicht eingelöst und enttäuscht.

Die Figuren bleiben schal, die Oberfläche erhält keine Tiefe, die Identifikation misslingt - selbst wenn als Zeichen der Lokalisierung statt "Arsch" "Oasch" gesagt wird. Während die Serie selbst (noch) keine Identität beanspruchen kann, weil sie nicht weiß, was sie sein will, haben die Figuren keine Identität, weil sie nicht wissen, wie man glaubwürdig ist - was sie sein wollen.

Eine solche Identität zu suchen, sich für eine zu entscheiden und diese dann glaubwürdig zu verfolgen, das wird die Herausforderung für die Macher von Mitten im Achten sein, wenn sie gegen die reiche Konkurrenz bestehen wollen.

Sollte sich - was zu prognostizieren jetzt noch grob verfrüht wäre - die Serie in absehbarer Zeit am Seziertisch finden, so soll das CSI doch wenigstens feststellen können, um wen es sich bei der Leiche gehandelt hat. (Christian Schwarzenegger/DER STANDARD; Printausgabe, 14./15.4.2007)

Zur Person
Der Autor Christian Schwarzeneggerist Mitarbeiter am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien sowie Mitherausgeber der Fachzeitschrift "medien&zeit".
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Hallo!

Ich finde, dass MiA auch nicht (viel) schlechter ist als amerikanische Sitcoms und Soaps, lediglich die "österreichische" Sprache lässt uns unmittelbar offenbar werden, was für ein Schwachsinn diese Fernsehsendungen generell sind. Ich werfe die provokante These in die Runde, dass selbst Al Bundy auf Wienerisch nicht ankommen würde. Was hinzu kommt ist, dass das Konzept von MiA bereits einige Jahrzehnte alt sein dürfte - lediglich weniger durchdacht als Mundl...

über mia eine ausführliche analyse zusammenzubringen

ist schon ein hartes stück arbeit, gibt es doch in wahrheit gar nichts zu dieser sendung zu sagen.

und was der rudle eigentlich im orf macht, nachdem er kabarettistisch schon ein gefährlich uninteressante performance abliefert, ist nach wie vor ein mysterium.

das testbild

ist lustiger als diese vertrottelungs-sendung ala wiener orf.

Was heisst da, Frau Niedetzky möge verzeihen. Haben Sie, werter Herr Journalist, nicht bedacht, dass sich die Frau Niedetzky die Garderobe höchstmöglich nicht selber ausgesucht hat? (ebensowenig wie wahrscheinlich Peggy Bundy in den 80ern)???

Eine inhaltliche Diskussion dieses Schmarrens ist überflüssig.

Wrabetz will, zumindest die beiden ORF Kanäle betreffend, offenbar doch die haupt ZIB durchgeschaltet sehen.
Daher spielt man am anderen Kanal einen Brechreiz verursachenden Schmarren. Auf Grund der angespannten Budgetären Situation beim ORF wäre ein Testbild jedenfalls die bessere Lösung.

Herr Schwarzenegger, waren Sie das mit der 700 Seiten langen Magisterarbeit? ;-)))))))

Zu "Mitten im Achten" hätten 2 1/2 Worte gereicht: So 'n Schaaß.


sehr guter artikel, der es auf den punkt bringt!

eine serie in der NICHTS stimmt: weder die soziale schicht, noch die situationen, noch die plots, noch die charaktere, noch die sprache, noch der witz.
es hat keine authentizität. statt dessen ist alles
berechenbar "pseudo".
ständig erklären alle mitwirkenden, wie sehr da der schmäh rennt. er muss sich irgendwo am set verrennt haben, bis zu den zuschauern kommt er nicht.

hat die drehbücher keiner gelesen? hat das niemand abgenommen, bevor man es ausstrahlt?
finden die macher das witzig und lorenz, der strahlemann?
da geht wirklich seltsames vor am küniglberg bzw. in einem studio mitten in liesing...

genau

stereotypisch bis zum speiben. Ich bin 27 und habe nach meiner bisherigen Fernseh-Guck-Karriere schon derartig genug von Stereotypen, dass ich auch die Hollywood-Kino-Stereotypen schon lange nimmer durchdrück. Deshalb liebe ich "Six Feet Under". Für mich war der Möchtegern-Comedy-Effekt klar, als ich Rudle, Nidetzky und Schmiedl im Cast las. Von denen hatte ich aber schon längst wieder genug.

Also die neue Staffel

der Simpsons gefällt mir nicht so besonders. Erstens mag ich nicht, dass sie die Staffel nun MIA nennen. Ich mein, warum die jetzt die Serie auf Maude-Itchy-Agnes Skinner umtaufen? Wer weiß was? Zweitens schaut der Homer irgendwie zu indiligend aus und die Marge, na ich weiß nicht!

dieser kommentar passt sich dem niveau von mia bestens an

sehr stolz muss er auf sich gewesens ein der herr schwarzenegger

interview mit peter kern in der "diepresse":

Gestern habe ich kurz diese Serie geschaut, „Mitten im Achten“ – da bring ich mich lieber um! Ein Rückschritt der Kultur um Jahrzehnte. Und dass man damit auch noch protzt. Da findet keine Reform statt, sondern ein Missbrauch von Reform.

...tja, so geht es vielen...

Respekt für den Autor

Ich wollte mir ja (zumindest) 3 ganze Folgen ansehen, bevor ich ein Urteil über mi8 fälle. Aber nach 2 ~6 minütigen Versuchen habe ich das Handtuch schmeißen müssen, da habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten. Also Respekt für den Autor, der für seine Analyse länger (von Berufs wegen?) durchhalten musste.

Lachspurallergie

Ich weiß, wie ich klein war und das Lebn schwarz-weiß, wars mir schon sehr hilfreich, daß mir vorgelacht wurde.

Heutzutage müßte ich dafür schon ein Spiegelneuronenbombe in den Rachen werfen.

Wie wärs mit der Lachspur auf TeletextSeite 777 für Gehörgeschädigte, sonst lachen die ja auch nix,

oder bin ich jetzt a bissi neben meine Patschen ?

Die meisten Serien sind in den ersten Folgen etwas planlos. Erst nach einer weile Entwickeln sich die Charaktäre. Merkt man wenn man sich bei wirklich langlebigen Serien wieder mal die ersten Folgen anguckt. Da ist vieles oft nicht mehr so stimmig wie in den letzten Staffeln.

damit sich charaktere entwickeln können

müssten sie wenigstens im ansatz vorhanden sein ...

na ja,

der orf content ist halt thematisch der touristischen österreich werbung untergeordnet. da kommt halt so was wie MiA raus, mit stereotypen aus dem modernisierten lueger-habsburger-wien.

Eben: Orientierungslosigkeit ist nur ein Ausdruck von ....

Retrolook

nach 50 Jahren Sound of Music in Amerikaanisch sogenannten "Nicht-slang" ausm 8.Hieb.

Wir werden einfach "wegschauen"

MiA find ich sehr gut!

Es freut mich, dass nicht aus dem Off "vorgelacht" wird!

MiAhat das Zeug zum Serienhit, nicht heute, nicht in einem Monat, aber längerfristig, davon bin ich wirklich überzeugt.

Ich finde MiA besser als alle bisher ausgestrahlten US-Sitcom!

auch sie, ein opfer

gehrerscher bildungspolitik?

dass nicht aus dem off gelacht wird,

finde ich auch gut! allerdings wird auch nicht vor dem schirm gelacht. haderer hat im profil ein schönes cartoon, wo die darsteller von MIA auf der bühne nach einem witz suchen...

natürlich kann man sagen: die sendung is ja a witz!

ob sich die figuren entwickeln können, werden wir sehen. 25 folgen sind ja schon gedreht und täglich kommt 1 dazu, also der zug ist schon auf schiene, mit volldampf in die falsche richtung.

tomi, der einzige mia-fan, in verkleidung ? ;-)

besser...

als simpsons? malcolm?

keine ahnung.. mir fehlen bei mia der humor, der inhalt, die persönlichkeiten, die interessanten charakteren...

eigentlich alles,d as eine sendung ausmacht...

interessant dass es jemanden gibt der es wirklich mag... was gefällt ihnen? die unnatürlichen dialoge? die brachialen pointen die alle nicht lustig sind? die holprigen szenen bei denen die schauspieler (womöglich trotz talents) wie letztklassige laiendarsteller wirken?

Natürlich ist die Sendung noch holprig und mitunter unrund, aber sie hat was typisch Österreichisches, das mag ich. Hoffentlich bleibt es dabei, keine "Off-Lacher" serviert zu bekommen.

"...der humor, der inhalt, die persönlichkeiten, die interessanten charakteren... "
Umgekehrt find ICH bei Simson und Malcolm nichts, wovon sie hier schreiben, aber auch diese Serien haben Fans, voller Respekt.

"Unnatürliche Dialoge" ...TV ist immer unnatürlich, muss überzeichnen, sonst wirds sehr schnell langweilig, ausser es handelt sich um Info-Sendungen (Doku, Nachrichten, ...).

"Brachiale Pointen" ...eher erkenne ich typische Pointen unserer Gesellschaft, das mag oft nicht lustig sein, zur Erinnerung dazu, "Ein echter Wiener geht nicht unter".

wagen sie es ja nicht,

den mundl mit mia zu vergleichen!!!

was ist daran, bitte, typisch österreichisch?

"dolce vita", kaisermühlen blues", "ein echter wiener", "trautmann", "ma 2412" , auch die neue "liebe familie", das hat(t)e was typisch österreichisches.
MIA ist ein schas, figuren im luftleeren raum mit einer künstlichen sprache, unnatürlichen bewegungen, hölzernem spiel. schlechte drehbücher, abstruse situationen, miese regie.
sooo gehts nicht. weder für junge , noch für alte zuseher. MIA rauscht voll an allen zielgruppen vorbei.

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