Humor braucht Nähe

15. April 2007, 17:00
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Fünf muslimische Mädchen sprachen mit dieStandard.at über Humor und Religion, Karikaturen und Österreich

Wien - Am Karikaturen-Workshop zum Thema "Lesen verleiht Flügel" des ehemaligen Akademieprofessors und Mittelschullehrers Wilhelm Dabringer in der Islamischen Fachschule für Soziale Bildung nahmen 25 Mädchen und Burschen zwischen 15 und 19 Jahren teil. Fünf der Mädchen sprachen mit Kerstin Kellermann über ihre Gedanken zu Humor und Religion, böse Geschwister-Witze und Karikaturen über Tiroler Bauern. Fazit: Humor ist ein Zeichen von Nähe. Karikaturen der jungen Frauen sind in der Bildstrecke links neben dem Artikel zu sehen.

dieStandard.at: Findet ihr, dass Humor in den Ländern verschieden ist? Gibt es einen speziell türkischen, arabischen oder österreichischen Humor?

Zeynep: Ich glaube nicht, dass es Unterschiede gibt in dem, was man lustig findet. Der Humor hängt vom einzelnen Menschen ab. Manche verstehen keinen Scherz – egal ob Türke, Araber oder Österreicher.

Sümeyye: Der Humor ist bei jedem Menschen verschieden, das hängt nicht von der Herkunft ab.

dieStandard.at: Ein türkischer Künstler hat erzählt, dass türkischer Humor viel philosophischer und tiefer sei als der österreichische.

Zeynep: Das stimmt für mich nicht. Z.B. mache ich gerne Scherze und meine Freundin versteht gar nichts. Dabei bin ich eine Türkin und sie ist auch eine Türkin. Vielleicht mag sie gerade keine Scherze, oder sie ist nicht gut drauf.

dieStandard.at: Macht ihr auch Witze übereinander?

Sümeyye: Wenn in der Schule jemand seltsam lacht, macht es gleich die ganze Klasse nach. Wir lachen die Person aus. Manchmal lacht sie selber dazu, manchmal geht sie einfach weg. Das mache ich nur mit Freundinnen - mit Leuten, die ich nicht kenne, lieber nicht. Wir machen eigentlich nur unter Mädchen Witze.

dieStandard.at: Wie seht ihr die Verbindung von Humor und Politik?

Sümeyye: Zeichner machen gerne politische Karikaturen, um die Politiker zu ärgern.

Hasret: In der Türkei gibt es das auch. Die nehmen die Politik zum Lachen her. Ein Politiker sagt etwas, die Karikaturisten zeichnen das viel lustiger und überspitzter, damit die Menschen sehen, was dahinter steckt und verborgen ist.

Zeynep: Ich würde schon gerne Karikaturen zeichnen, aber nicht über das, was ein Politiker oder meine Freundin gesagt hat.

dieStandard.at: Wie fandet ihr das, als in Dänemark in der Zeitung Karikaturen über den Propheten Mohamed publiziert wurden und es dagegen Demonstrationen gab? Und dann redet die ganze Welt darüber und nimmt das als Beispiel für die Humorlosigkeit des Islams?

Emine: Man soll keinen Spaß mit der Religion machen. Das gilt für alle Propheten.

Hasret: Das würde den Österreichern auch nicht gefallen, wenn wir so was machen. Den Österreichern ist auch Jesus oder das Kreuz heilig. Also allen Christen.

dieStandard.at: Glaubt ihr wirklich, dass den ÖsterreicherInnen das Kreuz so wichtig ist?

Sümeyye: Die würden sich schon ärgern. Aber nicht wegen dem Kreuz, sondern weil dass die Türken gemacht haben! (Großes Gelächter in der Runde) Aber stimmt doch!

dieStandard.at: Wenn ihr Karikaturen über ÖsterreicherInnen machen würdet, was würdet ihr als Beispiel nehmen? Findet ihr etwas lustig an Österreich?

Hicran: Ich würde Karikaturen über Tiroler Bauern machen. Wie sie so leben. Ich finde das Reden lustig, dieses "I hobs gmocht". Man versteht die Wörter manchmal überhaupt nicht, es hat nichts mit Deutsch zu tun.

Hasret: Eigentlich soll man mit Religion nicht spielen. Aber manche tun es. Wir haben Respekt gegenüber den Katholischen. Wieso haben die uns gegenüber keinen Respekt? In der Türkei dürfen die Glocken von den Kirchen läuten, hier dürfen wir so was nicht machen. In Österreich sehen viele den Islam als den Feind. Dabei sind alle Religionen gleich.

dieStandard.at: Wissen die ÖsterreicherInnen über den Islam Bescheid?

Hasret: Manche wissen gar nichts. Aber die fragen nicht, wie es ist. Manche kommen und behaupten, der Islam ist so oder so und beschimpfen uns, die reden sehr negativ. Die haben ihre Informationen von denen, die den Islam nicht mögen.

Sümeyye: Die denken, der Islam ist sehr streng und schlecht.

Emine: Es werden sehr viele schlechte Dinge im Namen des Islams gemacht. Terror wird oft mit dem Islam gleich gesetzt.

Hicran: Oder wenn irgendjemand ein Verbrechen begeht. Dann steht in der Zeitung gleich: ein Moslem. Verbrechen machen nur ein paar und dann wird das sofort mit dem Islam gleich gesetzt. Man erklärt das Verbrechen also falsch - auf falsche Weise.

dieStandard.at: Gelten die Muslime wirklich als streng und humorlos?

Hasret: Manche Menschen sagen, dass die Muslime dumm und schmutzig sind und stinken. Dabei sind bei uns Sauberkeit und Freundlichkeit sehr wichtig. Das gehört zu unseren Pflichten. Wir müssen immer nett und freundlich sein. Auch wenn jemand nicht stinkt, sagen sie, du stinkst. Dabei, wenn du mit einem Freund streitest, darfst du bei uns nur drei Tage nicht mit ihm reden. Wir müssen gegenseitig nett sein und wenn man sich streitet, sollte man sich innerhalb von drei Tagen wieder versöhnen.

dieStandard.at: Wie sieht es mit bösen Witzen aus? Mit Sarkasmus?

Hasret: Böse Witze machen nur böse Menschen... (Alle lachen)

Sümeyye: Mit den Geschwistern kann man schon böse Witze machen, aber nicht mit Leuten, die fremd sind. Wenn du Leute gut kennst, dann kannst du lustig sein. Wir kennen einander und sind lustig untereinander.

Hasret: Viele sagen auch, dass die muslimischen Mädchen zu früh heiraten. Das stimmt gar nicht für unsere Religion.

Emine: Das ist Tradition und nicht Religion.

Hicran: Wenn die Leute sagen, du bist 12, du musst heiraten, dann denken sich alle, dass die primitiv sind. Wir entscheiden, was wir wollen.

dieStandard.at: Aber war das für deine Mutter und Großmutter auch schon so?

Hicran: Ja, meine Mutter hat auch erst mit 22 Jahren geheiratet. Es hängt von der Familie ab. Wenn man in einem Dorf lebt, soll das Mädchen mit 14 oder 15 heiraten, wenn sie kein Zimmer hat. Wenn sie in der Stadt wohnt, wird sie einen Beruf haben.

Hasret: Wenn man die Religion sehr gut kennt, weiß man, dass das Mädchen selber entscheiden muss.

Sümeyye: Das hat mit der Religion nichts zu tun, das ist von den Menschen.

dieStandard.at: Habt ihr schon was vom Wiener Schmäh, dem speziellen Humor in Wien, gehört? Das Granteln, wo man so tut, als ob man schlechte Laune hat?

Sümeyye: Wir wissen nicht, was Wiener Schmäh ist.

Hicran: Ich glaube, der Humor hängt vom Wetter ab. In Österreich ist es so kalt und das geht auf die Menschen. Es überträgt sich. Sie sind kalt zueinander. In der Türkei ist es so schön und die Menschen sind meistens warm und positiv zueinander.

Zeynep: Was ich noch sagen wollte: Wir haben Respekt vor den Österreichern. Und wir wollen auch, dass die uns respektieren. Es gefällt uns nicht, wenn wir auf der Straße gehen und die beschimpfen uns.

Hasret: Nur weil zwei Türken etwas machen, sind nicht alle so. Wir sehen auch viele Österreicher, die saufen und betrunken auf der Straße gehen. Wir sagen auch nicht, jeder Österreicher ist so.

Sümeyye: Es gibt auch Österreicher, die nicht Alkohohl trinken. Das ist verschieden. In der Türkei gibt es auch Leute, die trinken und welche, die nicht trinken.

dieStandard.at: Es gibt einen Unterschied zwischen Humor und Respekt. Humor beinhaltet eine gewisse Nähe, oder? Aber die habt ihr mit ÖsterreicherInnen nicht.

Hicran: Die Witze sind irgendwie anders. Ich besuchte die HBLA in Linz und ich war die einzige Türkin da. Mit einer Albanerin verstand ich mich am besten. Es war so kalt bei den Österreichern. Die sind so zurückhaltend.

Zeynep: Ich war auch die einzige Türkin in der Klasse. Ich habe mich aber mit den Österreichern gut verstanden.

Sümeyye: Wir waren drei türkische Mädchen und ein Junge. Der war auch Türke, aber der war nicht lustig. Die Österreicher schimpften über unsere Religion und wir stritten mit ihnen.

dieStandard.at: Wenn in Kärnten böse Witze über Slowenen gemacht werden, dann wird erwartet, dass man zurück redet. Dass einem etwas zur Ablenkung und für den Selbstrespekt einfällt.

Sümeyye: Wenn sich jemand über den Islam lustig macht und wir reden zurück, dann werden viele gleich so aggressiv. Ich sage immer etwas zurück! Wenn sie zu mir "Scheiß Türke" sagen, dann sage ich, was willst du, du Schwabe!

Hicran: Du Tschuschn-Schwabe! (lacht)

Sümeyye: Ich kann es nicht aushalten, ich muss immer etwas zurück sagen.

Hicran: Wenn sie hinter mir Scheiß-Muslim sagen, dann drehe ich mich um und sage, würde es dich freuen, wenn ich zu dir "du Scheiß Christ" sage? Ich finde es wesentlich, die überlegen zu lassen, an unserer Stelle zu sein und einmal nachzudenken.

Hasret: Wenn wir zurück schimpfen, wird es noch schlechter. Wenn wir aber sagen, wieso denkst du, das es so ist, dann kehren wir das vielleicht um. Wenn man Schimpfwörter sagt, wird es noch schlimmer, denn dann denken die, wenn eine das so macht, sind alle so. Man muss immer höflich stehen bleiben und das erklären.

Hicran: Manche verstehen das einfach nicht.

Hasret: Dann lass sie einfach gehen! Wir müssen schon schauen, dass wir das Denken von den anderen ändern können. Die sollen wissen, dass es nicht so ist, wie sie denken.

Hicran: Es gibt auch nicht so viele Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei uns, wie behauptet wird. Das hängt von der Familie ab. Meine Mutter arbeitet zum Beispiel, mein Vater auch und wer als erster zu Hause ist, kocht. Die helfen sich gegenseitig.

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