"Das Leben ist ein Spiel, oder?"

13. April 2007, 19:03
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Der zukünftige Chef der Casinos AG, Karl Stoss, spielt schon mal Poker und rubbelt Lose auf, aber nur privat - Ein STANDARD-Gespräch

Was ihm Glück bereitet (anderen im Kasino beim Spielen zuzuschauen) und warum er noch immer ans Glücksspielmonopol glaubt, eruierte Renate Graber.

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STANDARD: Sie sind seit Jänner im Casinos-Vorstand. Pokern Sie schon? Ist total in Mode.

Stoss: Ja, mit meinen Kindern ab und zu. Man hat mir sogar einen Pokerkoffer geschenkt.

STANDARD: Sie sollen im Mai Casinos-Chef Leo Wallner beerben, er hat nie gespielt. Sein erstes Rubbellos hat er im Vorjahr, bei einem Interview mit mir, aufgemacht. Ich habe Ihnen also ein Los mitgebracht ...

Stoss: Ich hab das schon oft gemacht, meist bei meinen Wochenendeinkäufen. Muss ich Ihnen morgen ein neues Los bringen?

STANDARD: Nein, aber wir teilen den Gewinn.

Stoss: Nein, Sie bekommen alles. Schaut schon gut aus: Wir haben sechs Euro, voilà.

STANDARD: Danke, die spende ich. Also: Sind Sie ein Spieler?

Stoss: Nein, warum sollte ich einer sein? Ich spiele aber gern, wir haben früher daheim sonntags Karten gespielt: Jassen, da ging's um die Ehre.

STANDARD: Ehre ist Ihnen wichtig. Als Sie Leo Wallner gefragt hat, ob Sie sein Nachfolger werden, meinten Sie, diese Frage sei Ihnen "eine Ehre". Ich finde, der Begriff passt gar nicht zum Glücksspiel.

Stoss: Finden Sie. Gerade wie das Glücksspiel in Österreich positioniert ist, trägt es die Handschrift Wallners; ich empfinde es echt als Ehre, für ein Unternehmen, das auch international so hohes Ansehen hat, arbeiten zu dürfen.

STANDARD: Noch mal: Warum sind Sie keine Spielernatur?

Stoss: Ich habe viele andere Formen gefunden, in meinem Leben glücklich zu sein.

STANDARD: Macht das Spielen glücklich?

Stoss: Wenn die Leute gewinnen, sind sie sehr zufrieden, ja glücklich, je nach Höhe des Gewinns ...

STANDARD: ... die meisten verlieren aber. Sie haben sich heute Abend schon viel mit dem Glück beschäftigt, die Casinos haben eine Bücheredition zum Thema präsentiert. Laut einer darin erwähnten Statistik bedeutet für 72 Prozent der Österreicher "Freunde treffen" Glück, für 54 Prozent "Sex" und 48 Prozent "Schlafen und Dösen". Wo ordnen Sie sich ein?

Stoss: Ich habe es immer gern, wenn ich andere glücklich sehe. Das ist für mich die größte Form des Glücks. Ich geh auch manchmal abends ins Kasino, schaue zu, wie die Leute spielen.

STANDARD: Das kann jemanden glücklich machen? Das klingt doch verflixt nach Kasino-PR. Ich hatte erwartet, Sie sagen, "Meine Familie, das Bergsteigen machen mich glücklich".

Stoss: Ich bin ja auch glücklich, wenn ich einen schwierigen Berg erstiegen und einen wunderbaren Ausblick habe, man sich auf dem Gipfel "Bergheil" wünscht. Mich macht auch glücklich, wenn ich in Tibet oder Bhutan oder Nepal unterwegs bin, meine Bergausrüstung den dortigen Führern schenke oder den Kindern ein Zuckerl oder einen Kuli, und sehe, wie sie sich freuen. Und es bedeutet unglaubliches Glück, die Geburt eines gesundes Kindes miterleben zu dürfen.

STANDARD: Das beruhigt mich. Haben Sie den Cho Oyu, den sechsthöchsten Berg der Welt, eigentlich schon erklommen? Wollen Sie ja so gern.

Stoss: Nein, was fällt Ihnen ein, 8201 Meter, da müsste ich mich sehr professionell vorbereiten. Ich bin erst bei den 6000ern, mein höchster Berg war der Cotopaxi in Ecuador, der höchste aktive Vulkan der Welt. Da steigt man über Schnee und Eiswüsten hinauf, oben raucht es raus und stinkt nach Schwefel. Unheimlich.

STANDARD: Nur noch kurz zum Glück. Sie nennen Ihre Edition "Anleitung zum Glücklichsein". Kostet 270 Euro, muss man sich auch leisten können.

Stoss: Ja. Wobei viele Leute meinen, Glück sei nicht käuflich erwerbbar, aber das stimmt nicht ganz. Man kann auch eine Zeitlang glücklich sein, wenn man ein schönes Auto erworben hat oder eine Uhr, ein schönes Schmuckstück für die Frau.

STANDARD: Sie verdienen jetzt rund 500.000 Euro brutto im Jahr, welches Glück kaufen Sie drum? In Ihrer Edition wird Schnitzler zitiert: "Glück gibt's nicht. Überhaupt diese Sachen, von denen am meisten g'redt wird, gibt's nicht, etwa die Liebe, das ist auch so was."

Stoss: Es gibt Glück, und es gibt Liebe. Und ich kaufe mir wenig, mich macht es glücklich, Zeit zu haben.

STANDARD: Ja, aber Sie wollen immer gleich "das Maximum aus der Zeit herausholen".

Stoss: Nein.

STANDARD: Doch, sagten Sie einmal in einem Interview.

Stoss: Das klingt so materialistisch. Ich freu mich diebisch, wenn ein Termin ausfällt und ich Zeit finde für etwas Schönes: dasitzen, nachdenken, im Web surfen.

STANDARD: www.summitclimb.com?

Stoss: Nicht so oft, ich bin ja kein Fanatiker. Ich mache zwar oft Bergtouren mit Freunden, aber auch Urlaube mit meiner Familie. Da gehe ich dann tauchen, danach wird viel gespielt mit den Kindern: Karten, Schach, Fuß- und Volleyball. Immer spielen, das Leben ist ein Spiel – oder?

STANDARD: Nein, es ist todernst.

Stoss: Aber man kann auch Spaß haben im Leben und im Beruf.

STANDARD: Sicher doch. Sie wollten ja Fremdenführer werden, wurden Berater, waren im Vorstand der PSK, der RZB und zuletzt sehr kurz bei der Generali. Jetzt verkaufen Sie Glücksspiel – ein großer Sprung.

Stoss: Eigentlich nicht, weil ich die Aktionäre der Casinos AG und Lotterien gut kenne, ob Bawag-Chefs, den Chef von Schelhammer & Schattera, die Chefs der Versicherungen. Und sicher fragen Sie mich gleich nach meinem Netzwerk, weil ich als großer Netzwerker verrufen bin.

STANDARD: Frage ich nicht. Bawag-Käufer Cerberus dürfte das 36-Prozent-Paket an den Lotterien verkaufen, die Casinos haben ein Vorkaufsrecht. Schon Gespräche?

Stoss: Nein. Mir ist die jetzige, vielfältige Anteilsstruktur die liebste, ich würde mir wünschen, dass das so bleibt. Mehr wird man aber erst nach dem Bawag-Closing wissen.

STANDARD: Generali ist Teil des Österreich-Konsortiums, das sich an der Bawag beteiligt. Sie haben das angeleiert, wie viel, oder besser wie wenig, werden die Österreicher halten? Gehen Sie in den Bawag-Aufsichtsrat?

Stoss: Die Beteiligung steht noch nicht fest, und über ein Aufsichtsratsmandat wurde nie eine Silbe verloren. Ich habe mehr als genug zu tun.

STANDARD: US-Fonds Cerberus darf die Bawag retten, aber CVC nicht Böhler-Uddeholm kaufen. Was sagen Sie dazu?

Stoss: Finde ich höchst unglücklich, eine scheinheilige Debatte. Man kann nicht 's Fünferli unds Weckli haben: Ob Banken, Böhler oder Casinos: Wir haben große Erfolge durch Akquisitionen im Ausland, da können wir doch nicht ausländischen Unternehmen verbieten, dasselbe hier in Österreich zu tun. Wir spielen mit dem Feuer und schreien dann plötzlich um Hilfe, wenn es zu brennen beginnt.

STANDARD: Wallner ist per Stiftung an den Casinos beteiligt, kaufen Sie sich auch ein?

Stoss: Steht nicht zur Diskussion. Aber wenn Wallner mich fragte, würde ich nicht Nein sagen. Doch der Fall wird zu 99,9 Prozent nicht eintreten, daher verkopf ich mich gar nicht – Sie würden sagen, ich grüble nicht darüber nach.

STANDARD: Verkopfen müssen Sie sich aber übers Glücksspielmonopol. Das wird fallen.

Stoss: Glaube ich nicht. Weil der Monopolgeber, die Republik Österreich, sehr gut beraten ist, die jetzige Situation aufrechtzuerhalten, vor allem aus ordnungs- und sicherheitspolitischen Gründen.

STANDARD: Konkurrenten wie Novomatic, aber auch die EU sehen das anders. Sie stecken den Kopf in den Sand.

Stoss: Tue ich nicht. Auch EU-Binnenmarktkommissar McCreevy verlangt nur transparente Entscheidungen, es ist jeder Nation überlassen, ob sie völlig liberalisiert oder ein Monopol aufrechterhält.

STANDARD: Wie wahrscheinlich ist es, dass es das Monopol in fünf Jahren noch gibt?

Stoss: Subjektiv betrachtet sehr wahrscheinlich, objektiv weiß ich es nicht: Die Bestrebungen, das Monopol aufzubrechen, sind massiv.

STANDARD: 2012 werden die Lizenzen erneut vergeben. Was tun Sie, wenn die Casinos sie nicht mehr bekommen?

Stoss: Dann bauen wir unser internationales Geschäft aus.

STANDARD: Es gibt 200.000 Spielsüchtige, bei den Casinos haben 86.000 Leute Spielverbot. Sie rechtfertigen das Monopol so, dass der Monopolist die Gefahren des Spiels am besten begrenzt. Ein im Wettbewerb stehender Unternehmer könnte das doch auch.

Stoss: Nicht so gut wie wir. Wir sind nicht auf Gewinnmaximierung bedacht, stellen Mittel zur Verfügung für die Prophylaxe von Spielsucht, für soziale Zwecke, für kulturelle Projekte, für Sport.

STANDARD: Tun im Wettbewerb stehende Unternehmen auch.

Stoss: Richtig. Ich sage im Konjunktiv: Wird das Monopol aufgelöst und beginnt der Kampf um Kunden, so könnte mehr geworben, aber weniger auf Kontrollen und Spielverbote geachtet werden.

STANDARD: Etwas Eigenverantwortung kann man den Konsumenten aber zumuten, oder?

Stoss: Ja, da gebe ich Ihnen schon Recht. Ich darf ja auch die Katze oder den Hamster nicht in die Mikrowelle zum Trocknen stecken, auch wenn es nicht am Gerät draufsteht.

STANDARD: Einmal schon, aber die Kinder werden weinen. Apropos weinen: Sie waren einer der wenigen, die Helmut Elsner Paroli geboten haben, jedenfalls haben Sie die PSK 2001 verlassen, als sie von der Bawag übernommen war.

Stoss: Ja, aber weil ich ein Angebot von Walter Rothensteiner bekam. Mit Elsner hatte das nichts zu tun, obwohl er natürlich mit mir gebrüllt hat, als ich ihm mein Ausscheiden mitgeteilt habe: Er brauche mich, lasse mich nicht zu seinen Todfeinden gehen. Sonst hat er mich, nicht die anderen, respektvoll behandelt.

STANDARD: Wenn Sie von Ihrer Karriere erzählen, beschreiben Sie einen, der sich von ganz unten hinaufgearbeitet hat: vier Geschwister, Jobs, um das Studium zu finanzieren, Wohnen in der Vier-Quadratmeter-Zelle im Kloster in Innsbruck, wo es billig und kalt war ...

Stoss: Ich spreche das ja nicht von mir aus an. Ich werde danach gefragt.

STANDARD: Ich will auf etwas anderes hinaus: Sie reden da oft von Demut, das klingt, sorry, etwas heilig, betulich. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Stoss: Weil man nicht hochnäsig werden, nicht abheben soll. Mich hält meine Frau am Boden, und ich wappne mich – ganz sicher bin ich mir ja selbst nicht mehr –, indem ich versuche, mit ganz normalen Leuten Umgang zu pflegen. Ich geh zum Heurigen, schlafe im Urlaub ab und zu im Zelt, klettere in den Bergen herum. Um immer mal zu spüren, wie klein und nichtig man als Individuum doch ist.

STANDARD: Passt zur Schlussfrage: Worum geht's im Leben?

Stoss: Ums stetige Streben nach Glück, Anerkennung, Zufriedenheit, Erfolg. Und darum, die richtige Relation zu bewahren, indem man nicht vergisst, dass jeder Tag der letzte sein kann. Viel zu viele Menschen nehmen sich selbst ja viel zu wichtig. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.4.2007)

Zur Person
Karl Stoss, (50) ist Dornbirner, hat zunächst eine Textilschule besucht, in der Textilindustrie gearbeitet und in Innsbruck Wirtschaft studiert.
1986 kam der Schwimmer und Wasserballspieler über Vermittlung eines Freundes, des heutigen Spar-Chefs Gerhard Drexel, als Berater ins Managementzentrum St. Gallen, beriet viele Banken (auch die PSK) und Versicherer. 1997 wechselte er die Fronten, ging in den Vorstand der PSK. Nach deren Verkauf wechselte der dreifache Vater 2001 in die Chefetage der RZB, 2004 in jene der Generali Versicherung, wo er sich wegen Mitarbeiterabbaus eher unbeliebt machte. Im Mai wird der ehrgeizige "Bürgerlich-Liberale" Casinos-Boss.
  • Casinos-Vorstandsmitglied Karl Stoss würde sich auch gern am Glücksspielkonzern beteiligen. Für ein Engagement im Bawag-Aufsichtsrat scheint er keine Zeit mehr zu haben.
    foto: standard/hendrich

    Casinos-Vorstandsmitglied Karl Stoss würde sich auch gern am Glücksspielkonzern beteiligen. Für ein Engagement im Bawag-Aufsichtsrat scheint er keine Zeit mehr zu haben.

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