Fee und Fehde

14. April 2007, 17:00
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Antje Rávic Strubels Roman konterkariert Romantik mit Lagerkoller: "Kältere Schichten der Luft"

Einen gesellschaftlichen Ausschnitt auszulagern in ein anderes Umfeld, führt in der Regel zu größerer Konzentration. Wie unter einer Lupe lässt sich der Mikrokosmos – eine Gruppe an Personen, mit einem genau abgemessenen Feld an Tätigkeiten und möglichen Interaktionen – dann studieren. Die 1974 in der DDR geborene Schriftstellerin Antje Rávic Strubel wählt in ihrem neuen Roman Kältere Schichten der Luft einen solchen Ansatz: Schauplatz ist ein Jugendcamp im Norden Schwedens – keine Idylle also, sondern ein konkretes Arbeitsumfeld. Die Figuren, allesamt aus dem Osten Deutschlands und in ihrem richtigen Leben keineswegs gefestigt, sondern vielmehr entwurzelt, in prekären Verhältnissen stehend, sind hier, um über den Sommer mitten in der Natur als Betreuer zu jobben. Für Outdoor-Romantik fehlt ihnen der Sinn. Dafür sind sie zu sehr mit praktischen Verrichtungen und organisatorischen Abläufen beschäftigt. Am Lagerfeuer beklagt man sich allenfalls über den Zustand zuhause: "Retrokacke".

Anja, eine junge Frau von rund dreißig Jahren, ist eine unter ihnen, und wie die anderen blendet sie ihre bisherige Existenz ein wenig aus, ohne freilich genau zu wissen, wohin sie eigentlich will: arbeitslos, von ihren Beziehungen mit Frauen enttäuscht und ohne wirkliche Ambition sucht sie hier eine Auszeit. Ihre Perspektive beschwört der Roman im Modus einer Beschreibung, in der die Grenzen zwischen realistischen und subjektiven Elementen zunehmend verschwimmen. In fragmentarischen Situationen wird das soziale Miteinander im Camp umrissen, in dem von Beginn an eine latente Anspannung herrscht. Vor allem Ralf, ein grüblerischer, in sich gekehrter Kerl, der sich mit Anja ein wenig gegen den Rest der Truppe verbünden will, wirkt verdächtig. Antje Rávic Strubel deutet die Gefühlslagen ihrer Figuren aber immer nur an. Keiner gibt sich hier gerne preis oder offenbart sich überstürzt – vielmehr wird in knappen Sätzen und lakonischen Dialogen das Ahnungsvolle bewahrt.

Der Gegenentwurf zum Campgeschehen stellt sich mit dem Erscheinen einer eigenwilligen Kindfrau ein, die eines Tages wie ein Naturwesen aus dem See steigt und sofort Anjas Aufmerksamkeit gewinnt. In der Landschaft kaum entsprechende Kleider mit Spitze gehüllt, kokett zwischen Verführung und Distanzierung wechselnd und mit mysteriösen Andeutungen spielend – sie nennt Anja hartnäckig Schmoll, als wäre sie ein Bursche, während sie ihren eigenen Namen nicht verrät –, scheint sie von Beginn an mehr Projektion als reales Geschöpf zu sein. Gleichwohl sucht Anja zunehmend ihre Nähe und lässt sich auf das Abenteuer mit unsicheren Identitäten und Geschlechterrollen ein: Siri – so tauft Anja das Mädchen – wird für sie zur eigentlichen Herausforderung. Sie gibt sich ihr hin – unter der Bedingung, dabei auch ihr Selbstbild verformen zu lassen. Erst in den halb imaginären Begegnungen mit der Fremden, außerhalb des Camps, wird damit der Grund, warum Anja nach Schweden gekommen ist, konkret: Es geht noch einmal um das Ganze – das Wagnis, sich durch einen anderen zu verändern.

Das Wagnis zeitigt allerdings auch negative Folgen. Anjas Abwesenheiten fallen unangenehm auf und wecken Eifersüchteleien. Auf einem Fußball steht dann plötzlich "No gays". Ralf geht sogar so weit, Anja nächtens vergewaltigen zu wollen. Das Interessante an dem sozialen Backlash ist jedoch weniger die zutage tretende Gewalt – sie gerät ein wenig zu offensichtlich – als das Unvermögen einer Gruppe, sich auf die Veränderung einer Person einzulassen. Die Missgunst fußt auf Neid, weil es außer Anja niemandem gelingt, sich aus den nach Schweden mitgebrachten Fundamenten seiner Existenz zu befreien. Unter diesen Umständen muss aber auch das romantische Verlangen Anjas, das sich bis zur Transgender-Fantasie zuspitzt, auf Hindernisse stoßen. Antje Rávic Strubel gestattet der Liebe keinen Raum außerhalb der Gesellschaft. Auch wenn sich diese weit weg vom Alltag, in der Einbildung, vollzieht. (Dominik Kamalzadeh / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

  • Antje Rávic Strubel: "Kältere Schichten der Luft"€ 18,40/190 Seiten. Fischer, Frankfurt a. M. 2007.
    buchcover: fischer

    Antje Rávic Strubel: "Kältere Schichten der Luft"
    € 18,40/190 Seiten. Fischer, Frankfurt a. M. 2007.

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