Frisch gebrühte Budapest-Melange

19. April 2007, 12:23
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In puncto "lebendiger Kaffeehauskultur" läuft Ungarns Hauptstadt Wien bereits den Rang ab - Jetzt will man mit dem Palace of Arts auch noch "Europas kulturelle Hochburg" werden

Mit dem Wort "retro" könne sie nicht sonderlich viel anfangen, meint Orsolya Egri, vermutlich beschreibe es aber recht verständlich, welcher Idee sie folgt. Vor zwei Jahren hat die Künstlerin ihr erstes "Art Café" in Angriff genommen. "Tranzit" heißt das Lokal, es steht mitten in einer einfachen Wohngegend, von Einkaufsstraßen und Besucherzentren entfernt, und war früher ein Busbahnhof.

"Die Architektur dieser Haltestelle hat mich sehr angesprochen", sagt Egri, die sonst im grafischen Bereich gearbeitet hat. Da die Familie ohnehin auch eine Kaffeerösterei besitzt, verlief der Genrewechsel recht glatt. Praktischerweise gehört den Eltern auch noch eine Bäckerei, also wird dort auch der "beste Karottenkuchen der Stadt" serviert. Mit einem neuen Küchenchef, wunschweise aus Süditalien, soll es dazu bald auch ein mediterranes Mittagsmenü vorweg geben.

In Budapest wird bereits seit einiger Zeit versucht, die in der Zwischenkriegszeit so florierende und unter der sowjetischen Besatzung nahezu komplett erstickte Kaffeehauskultur wiederzubeleben. Im Fall des (wieder-)eröffneten Café Callas, nobel auf der Andrássy neben der Oper gelegen, und innenarchitektonisch eher einem französischen Kolonialstil folgend, käme man nicht auf die Idee, von retro zu sprechen, noch weniger beim legendären Café New York. Vor der Sowjetbesetzung diente dieses vormals im Erdgeschoß eines Verlagshauses untergebrachte Café Schriftstellern und Intellektuellen als Ort für Austausch und Aufenthalt, manche Journalisten hatten sich angeblich die Telefonleitung von den Büros in den oberen Stockwerken an den Kaffeehaustisch verlegen lassen.

Kein Transit im Café

Die Verlagsräume sind längst einem Luxushotel gewichen, das prunkvolle Café mit Fresken, Marmorfassaden, Bronzestatuen und venezianischen Lustern ist trotz seiner Goldpracht aber mit bürgerlichen Preisen auch dem lokalen "Normalpublikum" treu geblieben. Auch Egri betont, sie wolle im "Tranzit" weniger Touristen anlocken (die der Lage entsprechend auch nicht gerade zufällig vorbeistolpern), als vielmehr erreichen, dass "die Ungarn aus den Siedlungen hier herunterkommen". Die mosaikverzierte "Wartehalle" des "Tranzit" ist jetzt mit Sofas und kleinen Tischen ausgestattet, draußen, wo früher die Busse vor und nach den Überlandfahrten standen, sind nun im Frühling Hängematten aufgespannt.

Neben der (Re-)Animation der Kaffeehäuser ist man in Budapest auch eifrig damit beschäftigt, das Prestige der Theater- und Konzerthäuser zu heben. Nach dem neuen Komödientheater im Zentrum ist die wohl beeindruckendste kulturelle Innovation der 2005 fertig gestellte und mittlerweile mit dem "Oscar für Architektur", dem FIABCI Prix d’Excellence, ausgezeichnete Palace of Arts – bei der Lágymányosi-Brücke zwar nicht zentral gelegen, aber immerhin schnell zu erreichen.

Knapp 2000 Zuseher lassen sich im großen Béla-Bartók-Saal dieses Konzerthauses unterbringen. Die Bühne kann, den Produktionen entsprechend, auf unterschiedliche Größen ausgedehnt oder reduziert werden, der restliche Konzertsaal "wandert" mit. Widerhallende Echokammern und Raumplastiken werden zwecks optimaler Akustik geöffnet bzw. verschoben, überdies verspricht ein ausgeklügeltes Audiosystem, das auch in der englischen Royal Concert Hall verbaut wurde, perfekte Voraussetzungen.

Hochburgenbau

"Europas kulturelle Hochburg"“ möchte das Konzerthaus werden und erster Anlaufpunkt für musikalisch interessierte Touristen. Möglich soll das durch intensive Zusammenarbeit mit dem Budapester Frühlingsfestival werden. Die Hauptveranstaltung des seit 1981 existierenden Festivals, das Ungarnkonzert des São Paolo Symphony Orchestra mit John Neschling, fand ja heuer bereits im Palace of Arts statt. 2008 soll das Konzerthaus im selben Rahmen Raum für das Orchestre National de France unter Riccardo Muti und für den Tenor Roberto Alagna bieten. Das Kettenbrückenfest, das am 17. Juni in der Stadt gefeiert wird, setzt Programm und Mittel wesentlich _legerer ein – an öffentlichen Plätzen und: in Kaffeehäusern. Auszüge aus dem Levay-Kunze-Musical "Mozart!" werden im gleichnamigen Café gesungen, Tanzensembles bevölkern das Café International und im Café Fringe wird man bei einem Musikprogramm zwischen Klassik und Jazz durchaus etwas länger sitzen bleiben wollen. (Isabella Hager/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

  • Blick auf Budapest mit Elisabethbrücke.
    foto: photodisc

    Blick auf Budapest mit Elisabethbrücke.

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