Erleuchtung mit Erdbeben

14. April 2007, 17:00
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A. M. Homes schickt den Wohlstandsbürger auf Sinnsuche: "Dieses Buch wird Ihr Leben retten"

Herren in ihren besten Jahren entdecken oft nicht nur, dass 25 Jahre jüngere Frauen für ihr Alter auch schon ganz schön weit sein können. Wer sich nicht vollkommen gehen lässt, weil das bisherige Leben mit der Tendenz Richtung Zukunft ohnehin zart verpfuscht wirkt, tritt sich im unglücklichsten Fall auch einen völlig irrationalen Gesundheitswahn ein. Sprich, Leben längst vorbei – aber bloß nicht sterben! Und wenn, dann bitte ohne Waschbeckenbauch und Unterhaltungschemie, sondern mit Ernährungsberaterin und Fitnesstrainerin. Richard Novak blickt mit seinen 55 Jahren auf ein zwar erfolgreiches, aber emotional nicht wirklich ausgelebtes Leben zurück – das ihm seit geraumer Zeit als Gewissenswurm ohne Schuldgefühle verschwommen und nicht weiter reflektiert zu schaffen macht. Seit vier Jahren war der in den wohlstandsverwahrlosten Hügeln von Los Angeles lebende, glücklos geschiedene Exil-New-Yorker und Vater eines halbwüchsigen Sohnes, den er nur mehr vom Telefon von der anderen Seite des Kontinents her kennt, nicht mehr vor der Haustüre. Seine Geschäfte lassen sich ohnehin am Morgen auf dem Bildschirm über dem Laufband regeln; der Rest besteht aus abonnierten Zeitschriften, Pay-TV, Internet und Hauszustellung. Schmalspurige Gespräche führt der reiche Einsiedler ohnehin nur mit seiner mexikanischen Haushälterin und den zwei Frauen, die ihn für gutes Geld biologisch mit Turnübungen und freudlosem Biofraß in Schuss halten sollen.

Genau hier setzt die in den USA enorm erfolgreiche, im deutschen Raum noch weit gehend unbekannte New Yorker Schriftstellerin A. M. Homes mit ihrem satirischen und durchaus mit ernstem Hintergrund betitelten Roman Dieses Buch wird Ihr Leben retten an. Sie schickt ihren anfangs und an und für sich reichlich unsympathisch wirkenden Protagonisten erst einmal in die Notaufnahme. Küchenpsychologisch betrachtet beschert die Leere und Irrelevanz seiner Existenz Richard Novak plötzlich ausgerechnet dort höllische Schmerzen, wo eigentlich alles längst abgelebt sein sollte und also nichts mehr vermutet wurde. Richard Novak bekommt heftiges Herzstechen. Panikattacken inklusive. Der Herzschmerz stellt sich nach ärztlicher Begutachtung zwar als Phantomschmerz heraus. Allerdings beginnt sich der so aus der Routine geworfene Antiheld dadurch ernsthaft, aber etwas hilflos mit sich selbst zu beschäftigen und nach Haltegriffen und Sinn in seinem Leben zu stöbern. Das geht im neuzeitlichen Dorado für alle Sinnsucher, dem mit Bildern der Sehnsucht und des amerikanischen Traums bekanntlich vollgestopften und zugemüllten Los Angeles nur mit dem Auto. Novak muss ohnehin in ein überteuert gekauftes neues Haus am Strand am anderen Ende der Stadt umziehen, da ihm – welch überzogenes, aber hübsches Gleichnis! – auch noch aufgrund eines Erdrutsches sein Millionärsanwesen langsam unter dem Hintern weg in einem Erdloch versinkt. Auf dem Weg dorthin in ein neues besseres Leben, das für diese Weltgegend und die diesbezüglichen Klischees nicht ganz unerwartet mit einem standesgemäßen Erdbeben zur Katharsis geführt wird, begegnet Novak nicht nur einem pakistanischen Donutverkäufer, der ihm sowohl den Diätplan als auch das amerikanische Selbstverständnis ordentlich umkrempelt: "Für kluge Leute sind Amerikaner ziemlich dumm." Der neue Nachbar, Nic, ein berühmter und kultisch verehrter Schriftsteller vom Schlage eines J. D. Salinger oder Jack Kerouac, der sich deswegen seit Jahren mit neuem Roman im Gepäck vor der Welt versteckt, bringt ihn mit seiner abgeklärten Weltsicht und -klärung zusätzlich in emotionale Trubel.

A. M. Homes ordnet dieses Sittenbild gesellschaftlicher wie individueller Abgründe in zugespitzten Filmszenen. Immerhin schrieb die 1961 geborene und unter anderem auch für den New Yorker und das Art Forum tätige Autorin 2004 und 2005 einige Drehbücher für die Fernsehserie The L-World und verkaufte bis dato die Filmrechte für zwei ihrer älteren Romane. Der von der deutschen Literaturkritik oft erhobene Vorwurf einer drehbuchlastigen Ausrichtung von US-Autoren mag sich aber nicht unbedingt dem Wunsch nach millionenschweren Filmstoffen verdanken. Vielleicht ist es einfach auch so, dass US-Autoren schlichtweg mehr Filme sehen und fernsehen. Aus der Glotze kommt dann ja oft auch die Leere. (Christian Schachinger/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

  • A. M. Homes: "Dieses Buch wird Ihr Leben retten"Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellman. Euro 23,60/448 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007
    buchcover: kiepenheuer & witsch

    A. M. Homes: "Dieses Buch wird Ihr Leben retten"
    Deutsch von Clara Drechsler und Harald Hellman. Euro 23,60/448 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007

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