Der Geist aus der Schachtel

14. April 2007, 17:00
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Joe Hill, Sohn von Stephen King, versucht sich erfolgreich im Horrorfach: "Blind"

Kann man heutzutage noch eine gute, altmodische Geistergeschichte schreiben? Man kann, wenn man das Horror-Gen geerbt hat. Joe Hill nennt sich der älteste Filius des Meisters Stephen King, und der Roman heißt im Original Heart-Shaped Box. In einer herzförmigen, schwarzen Schachtel kommt nämlich das an, was der alternde Rockstar Judas Coyne aus einer Laune heraus per Internet gekauft hat: einen Geist. Coyne sammelt schon aus Marketinggründen schräge Dinge, und er sammelt auch Groupies. Diese Goth-Mädels, mit bleicher Haut und bizarren Piercings, gehören sozusagen zu seinem Image als wilder Hund.

Was Coyne nicht weiß, ist, dass die Schachtel ganz gezielt an ihn verkauft wurde. In ihr liegt ein dunkler Anzug, der müffelt und ausschaut, als ob ihn Johnny Cash getragen hätte. Das Ding stammt vom verstorbenen Stiefvater einer schwerst depressiven Kurzzeitgeliebten, mit der Coyne Schluss gemacht hat und die sich anschließend umbrachte. Der Geist ist gekommen, um den Tod des Mädchens zu rächen.

Im Allgemeinen funktioniert das Unheimliche besser, wenn es nicht allzu detailliert beschrieben wird und der Fantasie des Lesers noch Raum lässt für grässliche Zutaten, die sich aus der speziellen Konditionierung, den Phobien und Zwangsvorstellungen der eigenen Psyche nähren. Hill gibt seinem Geist allerdings recht konkrete Züge. Und weil er das so gut schildern kann, ist der Gruselfaktor ungebrochen. Der Geist nistet sich also ein im Farmhaus von Coyne. Er sitzt grinsend im Gang, lässt drohende Stimmen aus dem Radio ertönen und versucht, die aktuelle Geliebte von Coyne fernzusteuern. Der Typ war auch im Leben kein Guter gewesen: Vietnamveteran, Hellseher, Hypnotiseur und als solcher einschlägig mit dem finsteren Jenseits bekannt. Hill spielt hier gekonnt mit den tiefverwurzelten Ängsten der Lebenden vor den Toten. In allen Völkern und Kulturen gibt es archaische Abwehrzauber, die eine Wiederkehr der Toten verhindern, Rituale, die die Lebenden von ihren Schuldgefühlen befreien sollen; die Frage ist, was Judas Coyne tun kann, um den Bösen zu bannen. Nun, auch da verlässt sich Hill schlussendlich auf bewährte Rezepte. Der Geist ist zudem irgendwie dem Vater von Judas Coyne ähnlich. Ein Sadist, ein engstirniger Tyrann, der dem Kind das Leben zur Hölle machte. Die Besiegung des Geistes ist also auch eine Teufelsaustreibung, die Bewältigung der eigenen Biografie, die Unschädlichmachung des Erzeugers. Blind ist Hills erster Roman. Der Hype wegen seines berühmten Vaters wird dem Buch natürlich helfen. Aber es ist dessen ungeachtet eine spannende, hübsch schaurige Geschichte, die Filmrechte sind schon verkauft. (Ingeborg Sperl/ ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.4.2007)

  • Joe Hill: "Blind "Deutsch: Wolfgang Müller. € 20,60/432 Seiten. 
Heyne, München 2007.
    buchcover: heyne

    Joe Hill: "Blind "
    Deutsch: Wolfgang Müller. € 20,60/432 Seiten. Heyne, München 2007.

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