Alentejo: Hohe Minne im Hinterland

  • Mandelblüte
    foto: apa/epa/raquel manzanares

    Mandelblüte

An den Schnee der fernen Heimat sollten die Mandelblüten einst eine Prinzessin erinnern - Heute erfreuen sie jene, die sich fern der Küste auf die Suche nach der "Saudade" machen

De dia não como/só penso em ti/de noite não durmo/tenho fome (Tagsüber esse ich nicht/ich denke nur an dich/nachts schlafe ich nicht/ich habe Hunger.) Der Vers auf einem Wandteller in der rustikalen Stube in Querença, diesem auf einem bewaldeten Hügel versprengten Dörfchen im Hinterland der Algarve, gewährt vielleicht einen Einblick in die kollektive Seele der Portugiesen, das melancholische Streben nach etwas Unerreichbarem, das mit einer stolzen Leidenschaft und gewissen Bodenständigkeit gepflegt wird. "Saudade" heißt das eigentlich unübersetzbare Wort, das diese Eigenschaft, die quasi zum Kulturgut erhoben wurde, bezeichnet und von dem das Wort "Sehnsucht" nur eine fadenscheinige Facette wiedergibt. An Hunger braucht hier jedenfalls keiner leiden: Die typische Jause am Kirchplatz besteht aus deftigen Bratwürsten aus dem hiesigen schwarzen Schwein, bitter-salzigen Oliven und mildem Ziegenkäse, auf den Quittenmarmelade gestrichen wird, zum Schluss verdünnt mit Medronho-Schnaps aus den Früchten des Erdbeerbaums.

Wie aus einem Märchenbuch entsprungen

Sehnen muss man sich nach nichts in dem unerwartet grünen Hügelland nördlich der Algarve - vorausgesetzt, man ist ein urlaubender Stadtmensch mit dem einzigen Wunsch, den Blick über die Frühjahrsblüte der Johannisbrot-, Orangen- und Mandelbäume streifen und sich nur durch eines der weiß gekalkten, in die Serra de Caldeirão gedrückten Dörfer ablenken zu lassen. Zum Beispiel das kleine Dorf Alte, wo glasklare Quellen in Richtung Tal fließen und, von leuchtenden Blumen gesäumt, wie aus einem Märchenbuch entsprungen zu sein scheinen. Selbst die Handymasten sind durch einen aufgesetzten Baumwipfel getarnt.

Maurenhauptstadt Silves

Da ist man über die bis zu 150 Jahre alten Kleinodien im Privatmuseum des örtlichen Schusters kein bisschen erstaunt. Es scheint hier zu jedem Ort ein Märchen oder einen Mythos zu geben, so wie zur einstigen Maurenhauptstadt Silves, die sich um die rote Sandsteinburg gruppiert, in der es sich die arabischen Konquistadoren für 500 Jahre eingerichtet haben: Einer der herrschenden Emire soll die Mandelbäume in die Gegend gebracht haben, um seine vor Heimweh kranke Braut aus nördlichen Gefilden gesund zu machen - die weißen Blüten erinnerten die Prinzessin an den Schnee ihrer fernen Heimat.

Lautlose Idylle

Schneeweiß bedeckt im Frühling auch wilde Kamille die endlosen Weiden nördlich der Bergkette, welche die Algarve vom Alentejo trennt. Die weitläufige, äußerst dünn besiedelte Region, die unter Diktator António de Oliveira Salazar zur Kornkammer erkoren wurde, ist noch heute auf einige wenige Besitzer aufgeteilt, da die nach der Nelkenrevolution 1974 unter dem Einfluss des Ostblocks durchgeführte Enteignung rasch wieder rückgängig gemacht wurde. Auf einem Drittel der Landesfläche leben nur fünf Prozent der Bevölkerung - und Herden von kräftig braunen Rindern, besagten schwarzen Schweinen, Schafen und Pferden, die in der beinahe lautlosen Idylle von Kastanien, Olivenbäumen und ausladenden Kork- und Steineichen weiden. Noch sind Temperaturen jenseits der 40 Grad fern, und das Regenwasser sammelt sich in schwarzblauen Tümpeln. "Man muss die Leute erst an der Hand nehmen, damit sie sehen, was es zu sehen gibt, und hören, was es zu hören gibt", erklärt die Gutsmanagerin Marita Barth, die in der abgeschiedenen, aber mit jedwedem Komfort ausgestatteten Herdade dos Grous (Kranichshof) wohl viele ruheresistente Workaholics beherbergt.

Lebhaftes Treiben in Évora

Lebhaftes Treiben findet sich hingegen in Évora, das durch die Verleihung des Weltkulturerbes aus dem touristischen Dornröschenschlaf erweckt wurde. Nós ossos que aqui estamos, pelos vossos esperamos (Unsere Knochen, die hier liegen, warten auf die eurigen) steht über dem Eingang der makabren Knochenkapelle, die im 17. Jahrhundert von Mönchen aus den Gebeinen von 5000 Menschen errichtet wurde, um die Transzendenz des Lebens zu veranschaulichen - vielleicht nur eine Variante der Saudade.

3000 Sonnenstunden pro Jahr

Was das mit 3000 Sonnenstunden pro Jahr bedachte Land hervorbringt, ist am charmanten Bauernmarkt im nahen Estremoz, einem von Marmorsteinbrüchen umgebenen Städtchen, zu bestaunen: Hier wechselt der beißende Geruch von Schafs- und Ziegenkäse mit dem aromatischen Duft frischer Kräuter und vollreifer Orangen und Erdbeeren. Auf dem Menüplan stehen natürlich auch Bohnen und Stockfisch.

"Es ist alles so traurig", meint ein weit über 80-jähriger Greißler, der abends vor seinem spärlich bestückten Geschäft steht, das seit der vorletzten Jahrhundertwende unverändert scheint. "Die Einsamkeit ist tödlich", fügt er hinzu - und man möchte geradezu mitschwelgen in seiner Saudade. (Karin Krichmayr/DER STANDARD/Rondo, Printausgabe, 13.4.2007)

Anreise: Zum Beispiel mit Fly Niki/Air Berlin von Wien nach Lissabon oder Faro, www.flyniki.com
Veranstalter: Zum Beispiel Blaguss Reisen, www.blaguss.com
Unterkunft: Herdade dos Grous, www.herdadedosgrous.com
Verköstigung: Marisqueira Rui in Silves,
Tel.: +351 282 442 682
Share if you care
1 Posting
Abstecher von der Algarve ins Alentejo

Bei meinem Algarve-Sprachurlaub in Faro (CIAL) habe ich an einem Sonntag einen Auslug mit dem Linienbus nach Evora gemacht. Obwohl das Wetter im Gegensatz zur Algarve noch mit Regenschauer auf-wartete, war es ein wunderschöner und preiswerter Ausflug(Buskarte Hin und Rück 23,20 €).
Evora ist eine kleine, mit einer guterhalten Stadtmauer umgebene Stadt, die Kirchen und eine römische Tempelruine beherbergt. In die Stadt läuft noch eine römische Wasserleitung (Aquädukt), die aussieht, als wäre sie vor 50 Jahren erbaut. Unbedingt sollte man auch ein alentejanisches Gericht geniesen, z.B. Fleisch vom Schwein mit Miesmuscheln- Carne porco com Ameijoas).
Hans Teichmann
D-07366 Seibis

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.