Ein Kanzler als großer Erzähler

17. April 2007, 19:17
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Die Erinnerungen von Bruno Kreisky, komprimiert neu herausgegeben

Wien - Es gab einmal einen österreichischen Bundeskanzler, der regierte 13 Jahre, von 1970 bis 1983, die längste Regierungszeit eines Mannes der Ersten und der Zweiten Republik. In dieser Zeit errang er dreimal die absolute Mehrheit (1971, 1975, 1979). Er war der erste sozialdemokratische Kanzler seit Wiedererrichtung Österreichs 1945. Er war der erste jüdische Regierungschef, nicht nur der Ersten und der Zweiten Republik, sondern der gesamten österreichischen Geschichte.

Bruno Kreisky ist sicher einer der bedeutendsten Kanzler seit dem Ende der Monarchie gewesen. Er war auch einer der artikulationsfreudigsten. Seine Reden, seine Interviews, vor allem seine TV-Auftritte waren Regieren durch Kommunizieren. Nach seinem Rücktritt 1983 (wegen schwerer Krankheit und des Verlusts der absoluten Mehrheit) erschienen drei Erinnerungsbände. Die hat nun sein langjähriger Wegbegleiter, der Historiker und Politologe Oliver Rathkolb, auf einen Band komprimiert neu herausgegeben. Nun ist Gelegenheit für eine jüngere Generation, nachzulesen, was dieser außergewöhnliche Politiker zu sagen und - vor allem - zu erzählen hatte.

Kreisky war, wie viele Journalisten auf seiner Sitzgruppe in seiner Villa erfahren konnten, ein geborener Raconteur, farbig, anekdotenreich, oft boshaft und gezielt indiskret, sehr oft größere Einsichten vermittelnd - und niemals provinziell.

Rathkolb hat bei seiner Auswahl diesen "Erzählteil" ziemlich betont. Das schafft ein sinnliches Leseerlebnis, vor allem in den Passagen über die jüdisch-großbürgerliche Welt der Kreiskys in den letzten Jahren der Monarchie, über das Elend der Arbeiter und der Kleinbürger in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, über seine Verfolgung und Haftzeit unter dem klerikal-autoritären Regime ab 1934 und durch die Nazis nach dem "Anschluss" 1938.

Nicht alles möchte man unwidersprochen hinnehmen, etwa Kreiskys mehr als verständnisvolle Haltung zum massenweisen Überlaufen der Österreicher zu den Nazis.

Anderes fällt beim Wiederlesen durch seine Aktualität auf: Kreiskys Trauer um den Zerfall der alten Monarchie, einer "mitteleuropäischen Wirtschaftsgemeinschaft" (die jetzt wieder entsteht). Kreiskys Feststellung, dass "es zwischen Israelis und Palästinensern keine große kulturelle Kluft" gebe, und schließlich sein politisches Credo (und Erfolgsrezept, auf das sich Gusenbauer beruft): "Wir leben nach wie vor in einer Gesellschaftsordnung, in der das Schicksal der Menschen labil ist ... und in der es ein solches Maß an Ungleichheit gibt, dass das Streben nach einem Mehr an Gleichheit eine durchaus brauchbare Arbeitshypothese ist." (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2007)

  • Bruno Kreisky: "Erinnerungen - Das Vermächtnis des Jahrhundertpolitikers", herausgegeben von Oliver Rathkolb, Styria Verlag, 504 Seiten, 24,90 €
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    Bruno Kreisky: "Erinnerungen - Das Vermächtnis des Jahrhundertpolitikers", herausgegeben von Oliver Rathkolb, Styria Verlag, 504 Seiten, 24,90 €

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