Der Herzschlag von New York City

12. April 2007, 18:13
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Das im Jahr 2000 gegründete Spanish Harlem Orchestra steht für die kulturelle Vielfalt von New York City und bewahrt die Traditionen des ursprünglichen Salsa-Sounds. Diesen wird es im Juni im Wiener Konzerthaus live darbieten

Fährt man in New York mit der Subway Nummer 6 Richtung Norden über die 110. Straße hinaus, befindet man sich in Spanish Harlem, einem Stadtteil, der sich, grob begrenzt, bis zur 125. Straße ausbreitet. Der Popstar Jennifer Lopez hat diese Strecke einst in ihrem Hit On The 6 gewürdigt – als eine Linie, die vielen New Yorkern immer noch als eine in eine fremde Welt führende gilt: Ins Getto, ins "El Barrio", wie die Bewohner ihre Nachbarschaft nennen Spanish Harlem wird vorrangig von Latinos, Hispanics und Exilkubanern bewohnt, die ihre ursprüngliche Kultur hier einerseits hochhalten, andererseits miterleben, welche Veränderungen diese in einer Großstadt wie New York erlebt. Musikalisch galt und gilt Spanish Harlem als heißes Pflaster, weil hier die Musik der alten Heimat mit den Einflüssen der neuen immer weitere aufregende Verbindungen einging.

Salsa gilt als der Begriff, auf den man sich irgendwann geeinigt hat, auch wenn jeder Salsa-Künstler weiß, dass darunter heute die Einflüsse des Jazz genauso eine Rolle spielen wie jene des kubanischen Son, des afroamerikanischen Rhythm’n’Blues, der Guaracha, des Rumba, des Samba und viele andere mehr. Ein Melting Pot im Melting Pot. Wenige Bands haben in den letzten Jahren eine feurigere Salsa zusammengestellt, als das lokalpatriotisch benannte Spanish Harlem Orchestra.

Gegründet wurde das rund ein Dutzend umfassende Orchester im Jahr 2000 von Aaron Levinson und dem damals bereits weltberühmten Oscar Hernández, der sich bis dahin schon als Produzent, Arrangeur und exzellenter Pianist einen Namen gemacht hatte. Bereits das 2002 erschienene Debüt, Un Gran Día En El Barrio, erhielt eine Grammy-Nominierung und sorgte damit für zusätzliche Aufmerksamkeit für einen ohnehin populären Stil.

Schließlich multiplizierte sich nach der "Entdeckung" alter kubanischer Musik Mitte der 1990er – Stichwort: Buena Vista Social Club – das Verlangen nach lateinamerikanischen Musiken. Der Welterfolg des Buena Vista Social Club ermutigte auch Levinson sich für vom Verschwinden bedrohte Traditionen stark zu machen. In Hernández fand er nicht nur musikalisch einen kongenialen Partner, auch mit diesem Anliegen konnte sich dieser sofort identifizieren.

Der Originalsound

Hernández: "Unsere Musik ist der Originalsound des hispanischen New York, ,Salsa Dura‘. Das ist die Musik unserer Vorfahren, die als erste hier hergekommen sind. Die Originale aus dieser Zeit drohten langsam aber sicher zu verschwinden. Wir erhalten sie aufrecht und geben sie damit an eine neue Generation von Salsa-Künstlern weiter." Nach dem Erfolg des Debüts veröffentlichte man 2004 das nach dem Bobby-Womack-Klassiker benannte Album Across 110th Street. Damit festigte das Orchestra seinen Ausnahmestatus und pflegte weiterhin behutsam die Salsa-Tradition – etwa mit einer Interpretation von Cuando Te Vea aus der Feder des 2000 verstorbenen Salsa-Königs Tito Puente.

Einem Mann, der den Esprit und das Lebensgefühl des Salsa in weit über hundert veröffentlichten Alben wie kein anderer vermittelte. Ein Gastauftritt von Multitalent Ruben Blades, seines Zeichen ebenfalls erfolgreicher Salsa-Künstler und heute Kulturminister seiner Heimat Panama, tat das seine zum Erfolg des Albums, das 2005 den Grammy für das "Best Salsa Album" zuerkannt bekam.

Das bedeutete den weltweiten Durchbruch des Orchesters, das seitdem erfolgreich über den Globus tourt. Zwei Trompeten, zwei Klarinetten und ein Bariton Saxofon bilden den treibenden Bläsersatz, Congas und Bongos besorgen das Rhythmusgerüst, dazu perlen Melodien vom Piano und pumpt der Bass zusätzlich Herzblut in die energetischen Liveauftritte des Ensembles, das mit United We Swing bereits sein drittes Album mit den hin- und mitreißenden Klängen von Spanish Harlem veröffentlicht hat.

Wobei: Ganz so streng ist man bezüglich der Herkunft und der Mitgliedschaft natürlich nicht.

Ein Teil von New York

Hernández: "Ich stamme eigentlich aus der Bronx, aber wenn man als Latino in New York City aufwächst, steht man immer in Verbindung mit Spanish Harlem. Es ist ein Mikrokosmos in New York und als solcher ein wichtiger Bestandteil seiner Identität, dessen Kultur wir mit dem Orchester mit der ganzen Welt teilen." Diesem Kulturexport aus dem Big Apple kann man demnächst auch hierzulande beiwohnen. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2007)

Spanish Harlem Orchestra im Wiener Konzerthaus: 17. Juni, Großer Saal. 19.30
  • Das Spanish Harlem Orchestra aus New York City pflegt die Tradition des ursprünglichen Salsa-Sounds. Die Ergebnisse sind hochenergetische, lebensfreudige Alben und Live-Konzerte.
    foto: lotus records

    Das Spanish Harlem Orchestra aus New York City pflegt die Tradition des ursprünglichen Salsa-Sounds. Die Ergebnisse sind hochenergetische, lebensfreudige Alben und Live-Konzerte.

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