"Fado fühlt man"

12. April 2007, 18:13
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Mariza ist die Erfolgreichste aus der jungen Fado-Generation

Noch vor nicht allzu langer Zeit galt er innerhalb Portugals junger Generation als ziemlich uncool, der Fado. Schließlich hing dem iberischen Weltschmerzgesang nach Jahrzehnten der Vereinnahmung durch die Diktatur Antonio Salazars eine Aura konservativer Muffigkeit an. Salazars Politik der "drei F" – Fado, Fatima und Fußball – bedeutete nichts anderes als ein nationalistisch und religiös gefärbtes "Brot und Spiele"-Programm, Amália Rodrigues, die unumstrittene "Königin des Fado", tourte im Auftrag des autokratischen Wirtschaftsprofessors, dessen Regime-Nachfolger erst 1974 im Zuge der "Nelken-Revolution" gestürzt wurden, durch die Welt.

"Meine Freunde und ich dachten, Fado wäre etwas für ältere Leute", so spricht eine, die heute als Symbol der Hausse des Fado seit den 1990ern gilt: Mariza Nunes alias Mariza, die 1973 in Mosambik als Kind afrikanisch-portugiesischer Eltern geborene Sängerin. Obwohl das väterliche Restaurant in Lissabons Altstadtviertel Alfama als Treff für Fado-Sänger und -Sängerinnen galt, musste Mariza jene Musik erst für sich entdecken. Besser: Der Fado entdeckte sie. Denn mit zunehmender Distanz zum Regime Salazar (und wachsender Nachfrage des World-Music-Markts) wurde aus der Renaissance des "Saudade"-Gesangs ein Hype – der vielen Sängerinnen unerwartete Karriereschwenks bescherte.

Coming-out

Auch Marizas vokale Interessen galten zuerst primär Jazz, Soul und brasilianischer Musik. Der Schauspieler Raúl Solnado wurde auf ihre hochexpressiven Fado-Einlagen aufmerksam – und gab die entscheidende Anregung. Ihr Coming-out erlebte die Sängerin mit der Kurzhaartracht bei zwei Gedächtniskonzerten in Porto und Lissabon für Amália Rodrígues, die im Oktober 1999 verstorbene Fado-Ahnfrau. Die Symbolik der Staffelübergabe hätte kaum treffender inszeniert werden können: Gemeinsam mit Misia, Dulce Pontes und Cristina Branco verkörpert Mariza seither die neue Fado-Generation. Wobei der Erfolg wie ein Gewitter über Mariza hereinbrach: Die ersten beiden Alben Fado Em Mim(2001) und Fado Curvo (2003) wurden in Portugal mit Vierfach-Platin ausgezeichnet. Die Nachfolger Transparente (2005) und Concerto em Lisboa(2006), der Mitschnitt eines Open-Air-Konzerts mit der brasilianischen Musiklegende Jacques Morelenbaum, sind auf gutem Weg dorthin.

Macht in kurzer Zeit eine halbe Million verkaufter Alben. Vielleicht, weil sich Mariza im Gegensatz zu mancher, von der eigenen Karriere überraschten Kollegin nicht als Fado-Sängerin, sondern tatsächlich als "Fadista" sieht: "Ich glaube, Fado kann man nicht lernen. Man singt ihn nicht, man fühlt ihn", sagt sie selbst, unkokett. Wer sie hört, ist geneigt, ihr zu glauben. (Andreas Felber / DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2007)

Mariza im Wiener Konzerthaus: 17. Mai 2007, Großer Saal. 19.30
  • Mariza Nunes alias Mariza ist der große Star der Fado-Renaissance.Mit ihr verlor der iberische Weltschmerz-
gesang seine Muffigkeit.
    foto: wolfgang gonaus

    Mariza Nunes alias Mariza ist der große Star der Fado-Renaissance.Mit ihr verlor der iberische Weltschmerz- gesang seine Muffigkeit.

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