"Das Metallische gibt mir nichts"

19. April 2007, 20:06
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In der unregelmäßigen Serie "Blind Date" ist Udo Jürgens zu Gast: Ihm wird Musik vorgespielt, er muss raten und kommentieren

Jeder kennt Udo Jürgens. Österreichischer Schlagermusiker, heute frische 72 Jahre alt, mit Jazzwurzeln, der seit Jahrzehnten große Hallen füllt, mit seinen Kompositionen sogar in Amerika Erfolg genoss und sich im deutschsprachigen Raum mit Titeln wie Aber bitte mit Sahne, Mit 66 Jahren oder 17 Jahr, blondes Haar ins kollektive Unterbewusstsein eingetragen hat. der Standard wollte wissen, wen er eigentlich kennt und spielte dem in Zürich lebenden Sänger und Komponisten Stücke bekannter Kollegen vor.

* * *Erstes Stück: Tom Jones: It's Not Unusual

Udo Jürgens (summt mit): Das ist der Tom Jones. Das waren von guten Sängern, guten Arrangeuren und guten Schreibern gemachte Songs, die immer noch funktionieren. Wenn ein Discjockey heute ratlos ist, weil die Leute auf einer Party nicht richtig mitgehen, legt er so etwas auf, und die Leute stehen auf und tanzen und fühlen sich sofort geborgen.

STANDARD: Ausgesucht wurde Jones in dem Fall vor allem wegen der Rituale, die seine Auftritte begleiten. Stichwort: fliegende Damenunterwäsche!

Jürgens: Das ist aber alles inszeniert.

STANDARD: Sie haben mit Ihrem Bademantel etwas Ähnliches etabliert ...

Jürgens: Wobei ich damit nicht den Eindruck erwecke, dass hier etwas inszeniert sei. In den Bademantel komm ich ja von selber. Begonnen hat das bei meinem ersten Solokonzert in Zürich, einem Testkonzert, bei dem man überprüfen wollte, ob ich den langen Atem haben würde, ein abendfüllendes Konzert durchzustehen, programmmäßig und geistig. Es wurde ein riesiger Erfolg! Ich war schon umgezogen, also eben im Bademantel in der Garderobe, und das Publikum hat noch immer applaudiert, "Udo" gerufen und mit den Füßen am Boden gestampft. Da sagte mein Betreuer: "Geh doch so raus." Das gab natürlich einen Aufschrei. Ich habe dann im Bademantel noch auf Zuruf einige Nummern gespielt - und da haben wir bemerkt, dass das funktioniert und haben es beibehalten. Außerdem schützt der Mantel gegen den Zug in großen Hallen, gerade im Winter.

STANDARD: Es hat also nichts mit Hugh Hefner, dem Playboy-Herausgeber, zu tun?

Jürgens: Nein, gar nichts.

* * *Nirvana: Smells Like Teen Spirit

Jürgens: Das gefällt mir sehr gut ...

STANDARD: Das ist Nirvana mit "Smells Like Teen Spirit" ...

Ich hätte es wahrscheinlich beim Refrain erkannt. Man kriegt diese Europe, Nirvana, Iron Maiden natürlich oft durcheinander, weil sie vom Sound her ähnlich sind. Aber man muss sagen, sie verdanken ihre Hits oft schlagerartigen Sängern. Der hat ja auch eine tolle Stimme.

STANDARD: Berührt Sie solche Musik?

Jürgens: Ja, das ist großartig, das passt gut fürs Auto. Es hat Kraft und Melodik und Harmonik. Nur das Headshaking und Metallische, oder wenn nur noch geschrien wird, das gibt mir nichts.

* * *John Cale: Fear (Is A Man's Best Friend) - solo am Klavier

Jürgens: Ah, das ist schön, sehr schön. Ein guter Song. Es ist egal, ob den eine Band spielt oder jemand allein am Klavier, ein guter Song bleibt ein guter Song. Ich mach ja auch Solokonzerte. Am Anfang hatte ich Angst und dachte, wie soll das werden? Aber dann kamen tatsächlich tausende Menschen. Vor den Konzerten hab ich mir ja fast in die Hosen gemacht. Ich hab mir deshalb den Elton John angeschaut, in London, und da habe ich gesehen, er schummelt ein wenig, mit Bändern oder irgendwelchen Midi-Anschlüssen am Klavier. Aber nachdem ich es probiert hatte, habe ich bemerkt, dass es vom Publikum unheimlich honoriert wird, dass die Lieder einmal in ihrer ursprünglichsten Version zu hören sind, ohne Orchesterlärm.

STANDARD: John Cale hat bei seinen Soloshows oft auf das Klavier eingeschlagen oder mit den Ellbogen gespielt ...

Jürgens: Jeder versucht, immer Grenzen zu sprengen. Durchs laute und aggressive Spielen geht das einfacher, als wenn ich sage, ich werde revolutionär durchs leise Spielen. Aber der war ja jetzt eh sehr geschmackvoll.

* * *Al Green: Let's Stay Together

Jürgens: Musik ist doch einfach wunderbar, ist das eine Coverversion?

STANDARD: Nein, das Original ...

Jürgens: Das kennt man Ton für Ton, aber wer ist das?

STANDARD: Das ist Al Green. Soul-Musik ist so etwas wie eine Fortsetzung von Blues, Gospel und Jazz ...

Jürgens: Wobei Typen wie die Rolling Stones trotz ihrer Liebe zum Blues diesen auch sehr stark kommerzialisiert haben.

STANDARD: Verbindet Sie persönlich etwas mit Soul-Musik?

Jürgens: Durchaus, ich war als junger Mann länger in Amerika und habe da die Clubs in Harlem erlebt und auch in ihnen gespielt, Jazz, Blues. Diese Musik zieht sich ja durch die ganze Popmusik wie ein roter Faden, das muss man anerkennen.

* * *Johnny Cash: If You Could Read My Mind

Jürgens: Der kann ja überhaupt nicht singen! Trotzdem ist es schön. Jeder zweite Ton ist daneben, aber es berührt.

STANDARD: Erkennen Sie die Stimme?

Jürgens: Der Dylan ist es nicht, oder? Aber es muss ein ganz berühmter Songwriter sein.

STANDARD: Das stammt von den letzten Aufnahmen von Johnny Cash ...

Jürgens: Johnny Cash!? Das glaub ich nicht ... sicher? Es gibt ja einen Cage ... Der hatte ja überhaupt keine Kraft mehr, aber es ist sehr berührend ...

STANDARD: Ausgewählt wurde das, weil es aus seinem sehr ergreifenden und berühmt gewordenen Alterswerk stammt, zu dem Cash vom Produzenten Rick Rubin angestiftet wurde. Denken Sie an so etwas wie ein Alterswerk?

Jürgens: Da ich nicht weiß, was die Zukunft bringt und ich auf meinem Lebensweg ja schon sehr weit bin, ist alles möglich. Ich denke gerade über etwas nach, dem man die Jazzwurzeln mehr anhört als bisher. Aber ich muss ehrlich sein, ich weiß nicht, wie weit ich mir das noch zutrauen soll. Mitzuspielen mit guten Jazzern, ja, aber selber Soli spielen, da wird's schwierig.

STANDARD: Haben Sie nie überlegt, wieder einmal in richtig intimen Clubs zu spielen?

Jürgens: Ja, aber das geht wahrscheinlich nur mit einem Trio, aber ich kann da natürlich meine Veranstalter und mein Management verstehen, die sagen: Solange du die Zugkraft hast, wären wir eigentlich blöd, wenn wir nicht das große Format wählen würden.

STANDARD: Außer wenn Sie es wollen würden ...

Jürgens: Ja, schon, vielleicht macht man das einmal, ein paar kleine Konzerte als Medienereignis ... Die Sehnsucht danach wäre schon vorhanden. (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2007)

  • Artikelbild
    foto: standard/christian fischer
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