Löcher im Hallraum: "Flight Of The Bass Delegate"

19. April 2007, 20:06
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Ralph Darden und sein aus Chicago kommendes Trio The Jai-Alai Savant bringen den Reggae in den Punk zurück

Live der reine Wahnsinn, auf Platte immer noch super.


Ende Februar spielte die Band aus Chicago bei einem Überraschungskonzert des Senders FM4 im Wiener Club Shelter eines der intensivsten Konzerte, die der Verfasser dieser Zeilen während der letzten Jahre gesehen hat. Der mit Macht und (Haar-)Masse an den verlorenen Sohn des legendären Boxpromoters Don King erinnernde Gitarrist und Sänger Ralph Darden und seine zwei ausgemergelten Weißbrote, Michael Bravine am Schlagzeug, Nash Snyder am Bass, sowie der hinten am Mischpult als loses Band-Mitglied für "Beats, Dubs & Concepts" zuständige Major Taylor bilden als The Jai-Alai Savant schon seit 2002 ein erstaunliches Musikerkollektiv. Stichwort: Eklektizismus.

Ralph Darden, der den Begriff "Black Music" ablehnt, weil man ja auch Beethoven nicht als "weiße Musik" heruntermachen würde, wuchs - und dies ist bei der Musik seiner Band ein entscheidendes Kriterium - in einer weißen Nachbarschaft Philadelphias auf. Dort wurde er, selten und erstaunlich genug für Afroamerikaner, Teil der traditionell weiß-kodierten Hardcore-Szene und freundete sich mit späteren US-Genre-Größen wie At The Drive-In an. Eine kulturelle Prägung, die ihn bis heute nicht loslässt.

Immerhin betreibt Darden neben The Jai-Alai Savant auch eine ausschließlich aus Afroamerikanern bestehende, politisch ausgerichtete Hardcore-Band. The Jai-Alai-Savant selbst gehen auf ihrem jetzt vorliegenden Debütalbum Flight Of The Bass Delegate allerdings im Gegensatz zum oft grimmig eindimensional bleibenden Hardcore entschieden in die Breite. Sie schließen dabei an alte Punk-Traditionen aus den 70er-Jahren an. Immerhin schlossen schon vor drei Jahrzehnten Acts wie The Clash (London's Burning!) oder The Ruts (Babylon's Burning!) Reggae mit weißen Rock-Traditionen kurz. Sie legten mit tief gestapelten Bassgitarren und einem über diese die Melodien forcierenden Stil den Grundstein zu einer Schule, die sich gut ein Jahrzehnt später auch bei den ebenfalls für Ralph Darden wichtigen Fugazi aus Washington D.C. und ihrem politisch dominierten Ansatz finden ließ. Schließlich brachte auch der viel geschmähte Sting am Anfang der Karriere von The Police ein weiteres entscheidendes Charakteristikum in diese Stilmixtur ein, die Neigung zu unwiderstehlichen Lalelu-Melodien und Abzählreimen.

Wenn man dann noch das legendäre Wirken der afroamerikanischen Hardcore-Gründerväter Bad Brains und deren Gott lobende und die Welt niederprügelnde Raserei zwischen Reggae und grimmigen Gitarrenriffs dazunimmt, den in der Rasta-Religion betriebenen Schwulenhass und die Unterdrückung der Frau wie überhaupt den ganzen religiösen Schwurbel abzieht - was Ralph Darden als Agnostiker entschieden betreibt -, haben wir die Koordinaten von The Jai-Alai Savant definiert. Die Mischung aus einem die Hi-Hat-Becken betonenden Schlagzeugspiel, erdlochtief wummernden Bässen, in den Hallraum gekratzten Gitarren und durch ein Delay-Pedal in endlose Schleifen geschickten Gesangslinien Dardens menschenfreundlicher Kopfstimme, reißt einen gerade auch live um. Die trotzdem sehr gute CD gibt davon nur eine ungefähre Ahnung. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2007)

The Jai-Alai Savant live: 7. 5., Chelsea, 1080 Wien, 21.00 Uhr
  • The Jai-Alai Savant "Flight Of The Bass Delegate" (City Slang/Edel)
    foto: city slang/edel

    The Jai-Alai Savant "Flight Of The Bass Delegate" (City Slang/Edel)

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