Beobachten ist Denken

12. April 2007, 17:00
1 Posting

Im Norden Europas ist Alfredo Häberli, der Gestalter, der Design als Werkzeug denkt, ein Star, in unseren Breiten agiert er eher aus dem Background

Wie konnten wir Alfredo Häberli nur so lange links liegen lassen? Gut, er ist kein erstaunlicher Jungspund mehr, wie Ronan oder Erwan Bourourellec es bei ihrem Durchbruch waren, und sein Design ist nicht so laut wie jenes von Philippe Starck. Ja, er würde seine Idee nicht einmal so herausposaunen können wie Starck. Auf der Designmesse in Kortrijk im vergangenen Herbst sagte Häberli selbst, es gäbe nur wenige Designer, die so eloquent reden könnten, wie sie gestalten, Starck zum Beispiel oder Ross Lovegrove. Er drücke sich lieber in seinen Cartoons aus, mit kleinen, stricheligen Figuren.

Dabei hat Häberli (Jahrgang 1964) keinen Grund bescheiden zu sein. Der Schweizer mit südamerikanischem Hintergrund - bis zum 13. Lebensjahr lebte er in Argentinien - kann von seinem Design leben. In Skandinavien würde er kaum durch eine Fußgängerzone gehen können ohne erkannt zu werden. Und das läge nicht an seiner Ähnlichkeit mit George Clooney, "in schmal". Im Norden Europas ist Häberli ein Star, die Zuneigung auch gegenseitig: Dem Designer gefällt es, dass die Skandinavier über die Schönheit eines Objekts reden können. Die Schweizer hingegen "sprechen bloß von der Funktion." In der finnischen Traditionsfirma Iittala jedenfalls laufen täglich 30.000 seiner "Senta-" und "Essence-"Weingläser vom Produktionsstapel, und in kaum einem Fachgeschäft Europas fehlt sein auffälliges Tischservice "Origo": jene streifenbunten Teller und Schüsseln, die er so gestaltet hat, dass sie miteinander agieren oder alleine verwendet werden können. Doch halt, die Reduzierung auf "streifenbunt" bereitet Häberli Schmerzen: Ihm ging es bei seinem Entwurf nicht um die farbenfrohe Erscheinung. Vielmehr kombinierte er alle Farben, damit das Service zu jedem Tischtuch passt, und versteht das System hinter dem Service als ein spielerisches und multifunktionales. Jeder Behälter kann für neue, unterschiedliche Funktionen genutzt werden.

"Design is a tool"

"Leider kommunizieren Verkaufserfolge nicht die Intention des Designers", bedauerte Häberli einst in einem Interview. Und was will er? Der Architekt Claude Lichtenstein definiert Häberlis Schaffen als "Design is a tool", Design als Werkzeug. Häberlis Augenmerk liegt auf dem Detail. Nicht als Ziel in einem linearen Prozess, am Anfang steht es als Frage im Raum. In anderen Worten: Lösungen gibt es nur, wenn es auch ein Problem gibt. Reines Spaßdesign, wie es mitunter etwa Kollege Starck praktiziert, ist dem Schweizer fremd. "Jedes Produkt muss ich in drei oder vier Sätzen erklären können." Im Schlepptau hat er ein Motto, das sich in seiner bildkräftigen Designsprache wiederfindet: "Beobachten ist die schönste Art zu denken." Was das heißt? Auf die Person bezogen: "Ich habe Menschen gerne und brauche sie in meinem Umfeld. Allein in der Kammer zu sitzen, interessiert mich nicht", sagt er, der in jungen Jahren nach Mallorca zog, um Künstler zu werden. Um nach einigen Monaten festzustellen, nichts zustande gebracht zu haben außer zu leben.

Und fürs Gestalten bedeutet es: "Stellen Sie sich vor, ich beobachte jemanden, wie er vor mir sitzt und nervös an seinem Kugelschreiber herumspielt. Sollte ich jemals einen Kuli entwerfen, kann es sein, dass genau dieses Detail Einfluss auf die Funktionen des Stifts haben wird", erklärt Häberli. Hilfestellung leistet dabei sein extremes Langzeitgedächtnis. Wie beim Sessel Solitaire. Ein Freund stellte ihn einst in Schwedens namhaften Büros vor, und am eindrücklichsten erschienen Häberli die Form der Meetings: "Die hielten sie auf dem Sofa ab, sehr lässig. Allerdings mussten sie sich dauernd vorbeugen." Das Bild brannte sich ein. Abrufen konnte Häberli es, als er für eine schwedische Firma einen Sessel entwerfen sollte, rund 15 Jahre später. Ihm war klar: Es sollte ein Sessel werden, in dem man so tief sitzt, dass man sich beim Schreiben nicht vorbeugen muss. Am Ende des Schaffensprozesses stand Solitaire, ein gepolsterter Stuhl mit Arbeitsflächen, auf dem man bequem sitzen, E-Mails schreiben und essen kann.

Verantwortung auch in punkto Ökologie

Wie es kommt, dass seine Entwürfe so neu wirken, obwohl es am Ende doch wieder nur ein Stuhl, ein Sofa ist? Wie beim Barhocker Ginger mit einem kleinen, aber bemerkenswerten Detail: einer Ablage unter dem Sitz. Für all die Frauen etwa, die nicht wissen, wohin in der Bar mit ihrer Handtasche. Warum das bloß niemand vor Häberli eingefallen ist? Er selbst kommentiert es trocken: "Es ist natürliche harte Arbeit." Doch er kenne die Designgeschichte sehr gut und versuche immer, einen Schritt weiterzugehen. Diesen Schritt machte Häberli auch vor Jahren beim Entwurf seiner Stehleuchte Carrara. Er dachte darüber nach, dass Energiesparlampen einen sehr großen Reflektor benötigen, um das Licht voll auszuleuchten. "Wir Gestalter müssen Dinge hinterfragen, Fehler korrigieren. Die anderen Designer haben nicht realisiert, dass Energiesparlampen anders leuchten als Halogenlampen."

Der Designer trägt Verantwortung, sagt Häberli, auch in punkto Ökologie. Für Volvo sitzt Häberli seit Jahren schon an einem Vehikelentwurf, der "extrem ökologisch" sein wird und dessen Präsentation eigentlich für März auf dem Genfer Autosalon geplant war. Nun dauert es aber noch ein Jahr, mindestens. Die Debatte um den Klimawandel und seine Folgen ist in der Schweiz zwar noch nicht so entbrannt wie etwa in Deutschland. Aber: "Wir hatten längst Zeit, uns mehr Mühe zu geben. Natürlich ist es anstrengender, sich zweimal mehr zu überlegen, welche Materialien ökologischer wären, wo sich mit gestalterischen Ideen etwas verändern ließe. Doch das ist die Herausforderung. Einengung ist tödlich!" Sein Selbstverständnis als Designer ergibt eine klare Verantwortung: dem Menschen zu helfen. Nichts zu entwerfen, was nicht nur unbequem ist, sondern unpraktisch - weil es nicht durchdacht ist und den Kunden für dumm verkauft. Dann, meint Häberli, schadet Design. Wobei es hilft? Den Klimawandel kann es nicht stoppen. Aber: "Design schafft Unterschiede und eröffnet neue Blickwinkel. Und zwar nur durch absolute Eigenständigkeit." Eins seiner Lieblingsobjekt, das Kindergeschirr "Kids' Stuff", hilft Kindern ganz handgreiflich: Weil Kleinkinderhände herkömmliche Gläser nicht mit einer Hand greifen können, schuf er ein Glas mit Taille. Wieder einmal half genaues Beobachten - seiner beiden Kinder. Und auch hier, sagt er, lag der Fehler bislang bei den Designern.

In den Jahren seit seinem Durchbruch, der in der Branche einmal an seinem Regalsystem SEC 1997, einmal am Origo-Geschirr 2000 festgemacht wird, hat sich Häberli einen Ruf erworben, der ihm gewisse Durchsetzungsfähigkeit erlaubt. "Ohne die Industrie ist ein Designer zwar nichts. Aber ich kann mir mittlerweile erlauben, mich für meine Themen einzusetzen und dabei Druck auszuüben." Ob es das Schweizerdeutsch mit einem Hauch spanischen Akzents ist oder sein lustiges Lachen: Solche Worte klingen aus seinem Munde nicht überheblich, eher wie die Feststellung, eins und eins ergebe zwei. Schweizer Understatement! Das muss der Grund sein, warum wir uns Alfredo Häberli bislang durch die Lappen haben gehen lassen. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/13/04/2007)

  • Sugesta (2002) für Alias
    foto: hersteller

    Sugesta (2002) für Alias

  • Origo (2000) für Iittala
    foto: hersteller

    Origo (2000) für Iittala

  • Solitaire (2001) für Offecct
    foto: hersteller

    Solitaire (2001) für Offecct

  • Kid's Stuff (2003) für Iittala
    foto: hersteller

    Kid's Stuff (2003) für Iittala

  • Grundgestell für Lounge chair "Take a line for a walk" (2003) für Moroso
    foto: hersteller

    Grundgestell für Lounge chair "Take a line for a walk" (2003) für Moroso

  • Stadtmöbel "Los Bancos Suizos" (2005) für BD Ediciones
    foto: hersteller

    Stadtmöbel "Los Bancos Suizos" (2005) für BD Ediciones

  • Gestalter Alfredo Häberli
    foto: hersteller

    Gestalter Alfredo Häberli

Share if you care.