Ausmisten

12. April 2007, 17:00
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Die Suche nach Schuldigen führt nicht zur Lösung des Problems - Oder: Das Gefühl beim Wegwerfen ist wie bei einem vielfachen Mord

+++Pro
Von Benno Zelsacher

Räum endlich einmal den Sauhaufen weg! Das sind wohlbekannte und nicht bar jeden Grundes ausgesprochene Worte. Wer nicht Sender derselben ist, sondern Empfänger, kann beim Hören ziemlich unter Druck geraten, und es hilft ihm herzlich wenig, dass es sich beim Sauhaufen über eine maßlose Übertreibung handelt. Wie draußen in der Welt sorgt auch drinnen in der Wohnung die Suche nach Schuldigen nicht für die Lösung des Problems, aber was täglich via Postkastl oder Eingangstürschnalle um Einlass begehrt, ist schlichtweg ein Wahnsinn.

Sicherlich könnte man das Klumpert sofort zum Altpapier schmeißen, aber dann brächte man sich auch sofort und nicht erst irgendwann einmal um die hundertprozentige Gewinnchance beim supersten aller Preisausschreiben und versäumte die irrsten Sonderangebote. Bisweilen wird der Stapel umgeschichtet, und wenn er umzustürzen droht, werden große Teile davon in Laden verschoben und kleine entsorgt. Die Erkenntnis ist wie so oft schlicht: Wer nicht hören will, muss ausmisten.

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Contra---
Von Ljubisa Tosic

Ordnung wird von uns als jener Wohnungszustand definiert, der zumindest eine freie Sichtlinie zwischen Bett und TV-Gerät garantiert. Das bedeutet natürlich nicht, dass Wohnungsarchäologen bei uns Milchpäckchen aus dem vorigen Jahrhundert finden würden. Aber es bedeutet schon, dass Ausmisten, die Mutter allen Aufräumens, nur als jenes letzte brutale Mittel akzeptiert wird, sich wieder Lebens- und Sichtraum zu erobern, als Mittel, das aber nicht glücklich macht, ist es doch begleitet von der bitteren Erkenntnis, dass man seinen Kraft- und Zeitvorrat maßlos überschätzt hat und also die schon vergilbten, aber unberührten Zeitschriften niemals bewältigen wird können.

Dass der Vorgang nachhaltige Besserung bewirkt, ist jedoch nicht zu behaupten. Erstens fühlt man sich hernach, als hätte man mit dem Wegwerfen einen vielfachen Mord begangen. Zweitens wachsen Papierhaufen nach, wuchern zu Hochhäusern, bilden Papierstädte, durch die zu schlendern eine spezielle Lust ist! Das einzig akzeptable Ausmisten beginnt schon beim Einkauf. (Der Standard/rondo/13/04/2007)

  • Artikelbild
    foto: der standard/matthias cremer
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