Vom Siegeszug der roten Linse

11. April 2007, 19:43
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Der Umstand, dass in Österreich rund 15 Prozent Einwanderer leben, mischt die Karten auch im Lebensmittel­handel neu. Dieser setzt zunehmend auf exotische Waren

Wien – Menschen, die nach Österreich kommen, um hier zu bleiben, bringen ihre Kochrezepte und Essgewohnheiten mit. Dieser Umstand hat in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur die österreichische Beislszenerie exotischer und spannender gemacht – und dieser Trend setzt sich trotz fremdenrechtlicher Härten, die die Einwanderung hintanhalten sollen, weiter fort. Auch der heimische Lebensmittelhandel hat sich – zeitverzögert, aber doch – den Kaufbedürfnissen der Neuen im Land geöffnet – immerhin lebten in Österreich mit Stichtag 1.1.2006 schätzungsweise 1,203.995 im Ausland geborene Menschen, rund 15 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Viele Zielgruppen

"Wir versuchen, die Bedürfnisse vieler Zielgruppen zu treffen. Dazu gehören auch in Österreich lebende Ausländer", erläutert etwa Nicole Berkmann, Unternehmenssprecherin der Handelskette Spar. "In den Merkur-Märkten, aber nicht nur dort, arbeiten wir mit Spezialisten zusammen, die die Marktführer unter den Artikeln in den entsprechenden Ländern kennen und wissen, welche Produkte für die jeweilige ethnische Gruppe besonders wichtig sind", bestätigt Corinna Tinkler, Pressesprecherin von Rewe Austria.

Manche dieser Waren verzeichnen seit Einführung beachtliche Verkaufserfolge: Etwa die kroatische Nationalspeisewürze Vegeta – eine pulverisierte Mischung aus Kräutern und verschiedenen Gemüsesorten – deren Absatz bei Spar allein zwischen 2005 und 2006 um zehn Prozent stieg. Oder das in der Türkei populäre Fertig-Joghurtgetränk Ayran, das bei Interspar seit zwei Jahren in den Milchregalen steht und 2006 rund 35.000-mal über die Budel ging: "Das sind zwar keine hohen Umsatzzahlen, aber es ist uns wichtig, auch die Bedürfnisse von in Österreich lebenden Türken und Türkinnen zu erfüllen", sagt Berkman.

Exotik bricht Regalordnung

Viele Supermarkt-Produkte von anderswo – aus der Türkei, den Balkan-Staaten, aus Nordafrika oder Asien – kommen den Kunden auf eigenen, so genannten "türkischen" oder auch "asiatischen Regalen" entgegen, die die übliche Regalordnung durchbrechen: "Asiatische Reisnudeln sind nicht bei den Teigwaren, sondern im asiatischen Regal zu finden", schildert Tinkler. Paradoxerweise jedoch werde dieses Angebot vor allem von "eingesessenen Österreichern" genutzt, die auf den exotischen Geschmack gekommen seien, gibt Rewe-Kollegin Berkmann "Beobachtungen unseres Verkaufspersonals" wieder. Viele Einwanderer wiederum passten sich dem heimischen Sortiment an: "Sie kaufen im Supermarkt österreichische Produkte ein und beziehen jene aus dem Ursprungsland in eigenen Spezialgeschäften." Während so manches fremdländische Produkt schon ins Mainstream-Angebot eingegangen sei: "Gyros-Gewürze, Olivenöle, Halloumi-Käse, rote Linsen", zählt Berkmann auf. "Das Angebot ausländischer Produkte im heimischen Lebensmittelhandel weitet sich schleichend aus", fasst sie zusammen, "es ist nicht mehr wegzudenken."

Österreicher finden Geschmack

Das unterstreicht auch Prince Pallikunnel, in Indien geborener Geschäftsführer des Exotic Supermarket in Wien-Neubau. Dort werden 5000 Waren aus 50 verschiedenen Ländern angeboten, darunter 150-mal Fisch aus allen Regionen der Weltmeere und 15 verschiedene Sorten Reis. Die Kunden sind zu zwei Drittel Einwanderer und zu einem Drittel Österreicher – "und die Österreichern greifen vor allem bei den Gemüsen aus aller Welt, bei Garnelen, Shrimps sowie Mango- oder Litschidrinks zu". Das Angebot exotischer Lebensmittel wird sich in Österreich in den kommenden Jahren noch ausweiten, ist Pallikunnel überzeugt. (Irene Brickner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.4.2007)

  • Die in der Türkei und Arabien beliebten roten Linsen wurden bereits ins Mainstream-Angebot der Supermärkte aufgenommen.
    foto: standard/cremer

    Die in der Türkei und Arabien beliebten roten Linsen wurden bereits ins Mainstream-Angebot der Supermärkte aufgenommen.

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