Ex-Bierbarone stehen vor Gericht

2. Juli 2007, 10:52
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Donnerstag startet in Wien einer der spektakulärsten Prozesse der heimischen Wirtschaftsgeschichte. 16 Angehörigen der Ex-BBAG-Familien wirft der Staatsanwalt Insidervergehen vor

Wien – Über ihre PR-Agentur Pleon Publico beteuerten am Mittwoch, ein Tag vor Prozessbeginn im Wiener Straflandesgericht, die früheren Bierbarone noch einmal ihre Unschuld: "Im Zuge des Verkaufes der BBAG an Heineken im Herbst 2003" sei "kein Insidertatbestand gegeben" gewesen, heißt es in einer Aussendung. "Dass es zu einer Übernahme der Brauereigruppe durch einen strategischen Partner kommen könnte, war durch zahlreiche Medien- und Analystenberichte ab Herbst 2002 öffentlich bekannt."

Staatsanwalt Georg Krakow – er führt auch die Anklage im nächsten großen Wirtschaftsprozess des Landes, jenen um die Bawag-Affäre – wirft 16 Angehörigen der prominenten Linzer Familien Beurle, Büche, Kretz, Atzwanger und Mathes vor, zwischen November 2002 und April 2003 gesetzlich verbotene Aktiendeals unternommen zu haben – nämlich solche, die gegen das (damals gültige und mittlerweile novellierte) Börsegesetz verstoßen haben sollen, weil – auf eigene Rechnung oder über Dritte – mit Insiderwissen über den Verkauf des Brauereikonzerns BBAG (Biermarken: Zipfer, Schwechater, Puntigamer, Gösser und andere) an den niederländischen Heineken-Konzern Profite gemacht worden wären. Der so entstandene Gewinn soll laut Anklage 5,2 Millionen Euro betragen haben. Der Anklage voraus gingen Ermittlungen der Finanzmarktaufsicht.

Verteidigungsstrategie

Ludwig Beurle erklärte, es habe weder im Jahr 2002 noch bis Ende April 2003 einen Verkaufsbeschluss des BBAG/Brau-Union-Syndikates gegeben. Das erste Kaufanbot von Heineken datiere erst mit 25. April 2003. Die Empfehlung des Syndikats, die Anteile an der BBAG/Brau Union an Heineken zu verkaufen, sei fünf Tage später (30. April 2003) erfolgt. Die Aktienmehrheit selbst sei erst im Herbst 2003 an Heineken übertragen worden. Auch Investoren, die bis zum 30. April 2003 BBAG- oder Brau-Union-Aktien gekauft hätten, wären in der Lage gewesen, auf eine mögliche Übernahme zu spekulieren. Die nun angeklagten Brauereifamilien hätten in diesem Zeitraum wie immer weiter ins Unternehmen investiert. Unter den Angeklagten sind ehemalige Topmanager der BBAG und diverse Vorgängerfirmen: Karl Büche war 1999 bis 2005 Vorstandschef des Konzerns, er gilt als treibende Kraft hinter dem Verkauf des Konzerns an Heineken. Auch Ludwig Beuerle und der frühere Aufsichtsratspräsident sind im Visier des Staatsanwaltes. Ihnen wird vorgeworfen, teilweise über Familienmitglieder die lukrativen, aber illegalen Aktiendeals durchgeführt zu haben. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.

Hinter vorgehaltener Hand hört man aus den Brauerfamilien, dass vermutet wird, dass die Staatsanwaltschaft von Ex-Aktionären der BBAG "angezunden" worden wäre. Mit der Familie von Wirtschaftstreuhänder Helmuth Marsoner aus Tirol waren die Linzer zuvor über Jahre hinweg über die Macht im Konzern und dessen Ausrichtung im Streit gelegen, bis die Oberösterreicher die Tiroler auskauften. Ob der damalige Verkaufspreis der Anteile gerechtfertigt war oder nicht, darüber wird weiterhin in einem anderen Prozess gestritten.

Prozess mit Verspätung

Wegen des Aktenaufkommens beginnt der Prozess mit einem halben Jahr Verspätung. Richter Thomas Kreuter muss nach dem alten Börsegesetz verhandeln, da Anfang 2005 eine Novelle verabschiedet worden ist. Das alte Gesetz würde die Angeklagten im Falle günstiger als das neue stellen, da die Strafen niedriger sind. "Primärinsider" (Managern, Aufsichtsräten) könnten maximal zwei Jahre Haft ausfassen (heute fünf), "Sekundärinsider" (Familienmitglieder) maximal eines. Am Mittwoch werden die 16 Ex-Brauer jedenfalls mit einer Reihe von Klasse-eins-Anwälten erscheinen. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.4.2007)

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