Medizinisch weitgehend unerforscht

11. April 2007, 16:29
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Durch Borreliose und FSME sind sie in den Schlagzeilen, ihre Be­deutung als Über­träger anderer Krankheiten wird jetzt erforscht

Zecken genießen einen schlechten Ruf. Als Überträger von FSME und Borreliose sind sie populär geworden. Die weniger bekannten Ehrlichien, Babesien und Anaplasmen werden ebenfalls von Zecken übertragen, der Umfang ihrer medizinischen Bedeutung für den Menschen in Mitteleuropa ist aber noch weitgehend unerforscht.

Heimische Zecken werden untersucht

"Diese Erreger sind vor allem für Tiere von Bedeutung. Erkrankungsfälle beim Menschen hat es bis heute in Europa nur wenige gegeben", weiß Gerold Stanek, Leiter der Abteilung für Infektionsimmunologie am Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität in Wien. In einer großen Studie werden die heimischen Zecken derzeit genau untersucht.

Humanpathogene Bedeutung unklar

"Einige neue Krankheitserreger wurden bereits gefunden. Ihre humanpathogene Bedeutung ist aber unklar", berichtet Stanek von den derzeitigen Bemühungen den unbeliebten Arthropoden auf die Spur zu kommen.

In unseren Breiten ist für die meisten Zeckenbisse der gemeine Holzbock, Ixodes ricinus verantwortlich. Permanent von der Austrocknung bedroht, liebt er das feuchte Mikroklima im bodennahen Bereich und sucht erst ab einer Bodentemperatur von circa sieben Grad Celsius aktiv nach einem geeigneten Wirt.

Drei Mahlzeiten im Leben

Unser gemäßigtes Klima bescherte dem Holzbock bisher ein circa dreijähriges Leben. Und das obwohl er in diesen Jahren nur drei Mahlzeiten zu sich nimmt. Einmal essen pro Entwicklungsstadium. Zunächst befällt die Holzbocklarve ein kleines Wirbeltier, beispielsweise eine Maus. Dabei kann sie bereits verschiedene Mikroorganismen aufnehmen, unter anderem FSME-Viren und Borrelien. Mit dieser ersten Blutmahlzeit wächst die Larve zur jugendlichen Nymphe heran und sucht sich als solche ein größeres Opfer, um schlussendlich zur erwachsenen Zecke zu werden.

Menschenblut nicht begehrt

"Der Mensch ist bei den weiblichen Zecken nicht besonders begehrt, denn sie müssen eine Woche Blut saugen und bevorzugen daher größere Wildtiere," erklärt Stanek. Vor allem die Nymphe bevorzugt Menschen als Opfer und ist somit die eigentliche Gefahr für den Menschen, da sie mitgebrachte Erreger auf ihn überträgt.

Schutz nur vor FSME möglich

"Zeckenimpfung" existiert nach wie vor leider keine. Schützen kann man sich derzeit nur vor den gefährlichen FSME-Viren. Der beste Schutz wäre aber die Zecken erst gar nicht an sich herankommen zu lassen.

Der Wiener Zeckenexperte hält Empfehlungen, sich mit entsprechender Kleidung und Insektenschutzmitteln vor den lästigen Insekten prophylaktisch zu schützen, jedoch für unrealistisch: "Das Problem dieser Prophylaxe ist, dass man sich in bestimmten zeitlichen Intervallen neu besprühen muss. Dieser hohe Aufwand ist anstrengend und im Sommer lange Hosen und Stiefel zu tragen ist unmöglich."

Unberechtigte Ängste

Schafft es der Arthropode trotz aller Vorkehrungen unbemerkt eine ungeschützte Hautstelle zu finden, dann sollte man ihn nach seiner Entdeckung so rasch wie möglich entfernen. "Wie ist im Grunde egal. Am besten eignet sich aber eine engbranchige Pinzette, mit der man die Zecke möglichst hautnah fasst und entfernt", rät der Experte. Sämtliche Ängste, dass das gestresste Tier mehr Erreger überträgt, wenn man es quetscht, hält Stanek für überzogen.

Keine erhöhte Infektionsgefahr

Verbleibt der "Kopf" beim Versuch die Zecke zu entfernen in der Haut, so ist die Infektionsgefahr ebenfalls nicht größer. "Kopf hat die Zecke keinen. Es bleibt also nur der Teil mit den Mundwerkzeugen in der Haut. Und dieser wird von selber abgestoßen", meint Stanek und empfiehlt die Stichstelle zu desinfizieren.

Hat man die Zecke erfolgreich beseitigt, kann der Gestochene eigentlich nur abwarten und hoffen dass sich die Angelegenheit damit erledigt hat. Eine passive Immunisierung ist auch bei FSME-Ungeimpften heute nicht mehr üblich. (Regina Phillipp)

Früh-Sommer-Meningo-Enzephalitis (FSME)

Das FSME-Virus wird von Zecken und selten über Rohmilchprodukte übertragen. Daher wurde die Erkrankung früher auch endemisches Milchfieber genannt. Heute ist diese Bezeichnung nicht mehr üblich, da der Erreger über pasteurisierte Milch nicht übertragen wird.

Die FSME verläuft typischerweise in zwei Phasen. Die erste Phase dauert wenige Tage und tritt ein bis zwei Wochen nach dem Zeckenstich auf. Hohes Fieber und Kopfschmerzen treten auf.

Überschreitet das Virus die Blut-Hirn-Schranke und infiziert Gehirn und Hirnhäute so steigt das Fieber in der zweiten Phase deutlich an und ist von heftigen Kopfschmerzen und Erbrechen begleitet.

Fast immer heilt die Erkrankung folgenlos aus. Selten bleiben Lähmungen zurück.

Impfung

Da es keine spezielle Therapie gibt, wird als Prophylaxe die FSME-Impfung empfohlen. Sie besteht aus einer dreiteiligen Grundimmunisierung und Auffrischungsimpfungen im Abstand von jeweils fünf Jahren.

Lyme-Borreliose

Borrelien werden nach derzeitigem Wissenstand ausschließlich vom gemeinen Holzbock auf den Menschen übertragen. Das Erythema migrans (Wanderröte) gilt dabei als die häufigste Manifestation der Lyme-Borreliose und bei vielen Patienten bleibt sie auch die einzige klinische Erscheinung.

Ebenfalls häufig tritt in Europa nach einer Infektion mit Borrelien eine Neuroborreliose auf. Die Symptomatik variiert, je nachdem welche Hirnnerven beteiligt sind.

Die Lyme-Borreliose ist eine Multisystemerkrankung. Neben der Erkrankung von Haut und Nerven ist auch der Befall der Muskulatur, der Gelenke und die Beteiligung verschiedener innerer Organe, wie Herz, Leber oder Nieren möglich.

Da es sich bei der Borreliose um eine bakterielle Infektionskrankheit handelt, gelten Antibiotika als Therapie der Wahl.

Fraglich ist nach wie vor ob die prophylaktische Einnahme von Antibiotika nach einem Zeckenstich den Ausbruch der Lyme-Borreliose möglicherweise verhindern kann.

  • Gerold Stanek, Leiter der Abteilung für Infektionsimmunologie am Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität in Wien
    foto: privat

    Gerold Stanek, Leiter der Abteilung für Infektionsimmunologie am Institut für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Medizinischen Universität in Wien

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    "Einige neue Krankheitserreger wurden bereits gefunden. Ihre humanpathogene Bedeutung ist aber unklar", berichtet Stanek von den derzeitigen Bemühungen den unbeliebten Arthropoden auf die Spur zu kommen.

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