Nationales Wir-Gefühl im Wohnzimmer

10. April 2007, 20:37
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Die ORF startet sein neues Fernsehprogramm, die Wissenschaft studiert das alte aus den Siebzigerjahren

In Österreich erlebte das kollektive Fernsehen in den Siebzigerjahren seinen Höhepunkt. Nahezu jeder Haushalt hatte einen Fernsehapparat und konnte meistens nur den ORF empfangen. Das Programmschema war allen bekannt, und manche Sendungen waren so genannte "Straßenfeger".

Die Historikerin Monika Bernold arbeitet über diese "klassische" TV-Ära. In ihrem Forschungsprojekt "Differenz im Bild - Repräsentationen von Nation und Geschlecht in der österreichischen TV-Kultur der 70er-Jahre" analysiert sie die Konsolidierung einer "Fernseh-Nation" und die Bedeutung des Fernsehens für die soziale und kulturelle Entwicklung in Österreich.

Wie waren soziale Bewegungen wie etwa die Frauenbewegung im Fernsehen repräsentiert und wie wurden sie aufgenommen? Wie veränderte sich das mediale Selbstverständnis des ORF? Wie wurden Anderssein, Ordnung und Verbrechen im Fernsehen dargestellt und welche Rolle spielte dabei eine Sendung wie Aktenzeichen XY ... ungelöst? Diese erfolgreiche Fahndungssendung wird heute zwar nicht mehr im ORF, aber regelmäßig immer noch im ZDF gesendet - das Frauenmagazin Prisma ist aus dem Programm und aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.

"Mich interessiert Fernsehen als mediales Dispositiv", sagt Bernold (einen Begriff aus der Diskurstheorie von Michel Foucault verwendend), "also als spezifische Anordnung von Apparat/Bildschirm und Zuschauer, die sich durch das kleine Bildschirmformat und den privaten Rezeptionsmodus auszeichnet." Sprich: Es kommt darauf an, wer was wo und mit wem fernsieht. In seinen Anfängen war Fernsehen eine öffentliche Angelegenheit - geschaut wurde in Gasthäusern und anderen öffentlichen Plätzen -, in den späten Sechzigern zog es in die Wohnzimmer und wurde im Kreis der Familie konsumiert.

Und erst hier, im gemütlichen Wohnzimmer konnte die Sendung "Aktenzeichen XY" ihre Wirkung entfalten: Im geschützten Bereich der Familie und des Eigenheims wird der Seher, die Seherin angesprochen und aufgefordert, sich an der Suche da draußen zu beteiligen. Die Zuschauer wurden als nationales Kollektiv angesprochen, der gesuchte Verbrecher fungierte als "der Andere", so wurde ein Wir-Gefühl aufgebaut.

Mobilisierte Angst

Eine ganze Nation "fieberte" mit, wenn im Studio erste "sachdienliche Hinweise" einlangten. "Eine grundlegende Funktion der Sendung war es, Angst vor dem unsichtbaren, aber potenziell allgegenwärtigen Verbrechen zu mobilisieren, in Gang zu setzen und produktiv zu halten, nicht nur als Legitimation für die Sendung selbst, sondern als ideologisch einsetzbare Perspektive auf die Wirklichkeit", so Bernold. In den Neunzigerjahren wurde die Sendung Kult.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, dass es dem von der Aufbruchstimmung der Frauenbewegung und dem Gedanken der Emanzipation getragenem Magazin Prisma offenbar nicht gelungen ist, eine ähnlich nachhaltige Wirkung zu haben. Aber es bleibt abzuwarten, sagt die Wissenschafterin, zu welchen Ergebnissen die Analyse führen wird, wurde doch "die Frage nach der Relevanz des Fernsehens für die Erinnerungspolitik des Feminismus - zumindest im deutschsprachigen Raum - bisher kaum gestellt".

Das Projekt "Differenz im Bild. Repräsentationen von Nation und Geschlecht in der österreichischen TV-Kultur der 70er-Jahre" wird im Rahmen des Charlotte-Bühler-Programms des Wissenschaftsministeriums - vom Wissenschaftsfonds FWF organisiert - gefördert. (Inge Korneck/DER STANDARD, Printausgabe, 11. April 2007)

  • Ein Blick zurück in die Fernsehgeschichte: Teddy Podgorski im Studio des Fernsehklassikers "Aktenzeichen XY".
    foto: der standard/orf

    Ein Blick zurück in die Fernsehgeschichte: Teddy Podgorski im Studio des Fernsehklassikers "Aktenzeichen XY".

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