Leichter Rollen

14. April 2007, 09:25
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Nicht nur Autos sind schwerer geworden - Auch bei den Reifen soll jetzt die Gewichtsspirale umgedreht werden: Sie werden leichter

Bis jetzt gab es nur eine freiwillige Zusage der europäischen, koreanischen und japanischen Autohersteller, den CO2-Ausstoß ihrer Autos im Gesamtdurchschnitt auf 140 Gramm pro Auto und Kilometer abzusenken. Mehr als ein Jahr vor dem Stichtag sind wir noch weit davon entfernt.

Also hat sich bei den EU-Politikern die Meinung durchgesetzt, wenn das die Autoindustrie nicht schafft, müsse man gesetzliche Maßnahmen ergreifen. Dieser Prozess ist gerade in Gang. Die Kommission der EU hat in einer Mitteilung an den EU-Rat und das Europäische Parlament einen detaillierten Fahrplan weitergereicht. Kenner der Abläufe in der EU sind sich sicher: Jetzt meint man es wirklich ernst.

Flankierende Maßnahmen

Allerdings: Der neue Fahrplan ist viel strenger als der bisher versprochene und nicht eingehaltene. Statt 140 g/km ab 2008 sollen 120 g/km ab 2012 gelten. Das ist mit Verbesserungen bei der Motorentechnologie alleine nicht zu schaffen. Es müssen wichtige flankierende Maßnahmen getroffen werden, etwa bessere Klimaanlagen und Reifen mit geringerem Rollwiderstand.

Schlankere Flanken

Genauso wie sich der Zuwachs an Crashsicherheit aufs Fahrzeuggewicht ausgewirkt hat, hat der Fortschritt auch die Reifen deutlich schwerer werden lassen. Das ist insofern bedeutend, da sich die Räder ja drehen. Und jedes Gramm nicht nur in der Länge, sondern auch im Kreis beschleunigt werden muss.

So könnten ohne Weiteres Reifen mit schlankeren Flanken verwendet werden, wenn es keine Gehsteigkanten gäbe. Das Sicherheitsargument: Einen Reifenplatzer, weil man beim Einparken den Randstein gestreift hat, kann man nicht akzeptieren. Die sukzessive Abschaffung des Reserverades hat mittlerweile zu pannensicheren Reifen geführt, die allerdings sehr schwer sind.

Wenig Potenzial

So ist auch die Reifenindustrie angehalten, die Gewichtsspirale umzudrehen. Durch die Silika-Technik, die mittlerweile von allen Reifenherstellern angewendet wird, ist der Rollwiderstand schon um einiges gesunken. Jetzt muss man noch weiter runter damit. Und es gibt natürlich Möglichkeiten und auch schon ein Angebot. Durch gezielten Aufbau der Karkasse und Optimierung des Profils und der Gummimischung in Richtung leichteres Rollen sind sicher ein paar Prozent Kraftstoff- und damit CO2-Einsparung möglich.

Das Hauptproblem ist aber, dass durch einzelne technische Maßnahmen nur ein paar Prozent Verbesserung möglich sind. Ein echter Fortschritt ließe sich erst mit einem neuen emotionalen Zugang zum Auto schaffen. Am leichtesten rollen Reifen, wenn sie schmal sind, was überhaupt nicht ins Bild von einem tollen Auto passt.

Konkurrenzdruck

Die Reifenindustrie steht unter enormem wirtschaftlichem Konkurrenzdruck. Sie ist folglich sehr dynamisch, wenn es um die Verlagerung der Produktion in noch billigere Länder geht. Weniger Flexibilität ist in Sachen Umwelt zu erkennen. Seit Jahren wird der Gehalt an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) beanstandet. Obwohl er durch Verwendung anderer Weichmacheröle, wie einzelne Reifenhersteller, etwa Nokian, bestätigen, praktisch auf null gesenkt werden könnte.

So kommen nach wie vor Reifen mit hohem PAK-Gehalt auf den Markt. Etwa der Pirelli P7, der durch seine exzellenten Fahreigenschaften den ÖAMTC-Test mit "sehr gut" gewann, von den Konsumentenschutzorganisationen aber auf "durchschnittlich" abgewertet wurde, weil die Konsumentenschützer den PAK-Gehalt berücksichtigen, die Autofahrerclubs nicht.

Grenzwert ab 2009

Auch die EU ist hier nicht besonders streng: Erst ab 2009 ist ein Grenzwert vorgesehen. Man muss allerdings dazu sagen, dass PAKs vor allem ein Problem für die Arbeiter in der Produktion sind. Reifen sind deswegen nicht grundsätzlich giftig. (Rudolf Skarics, AUTOMOBIL, 6.4.2007)

  • Echt fett: Schmalere Reifen würden besser laufen, passen aber nicht in das Bild von einem tollen Auto. Da ist nach wie vor Masse angesagt.
    foto: dunlop

    Echt fett: Schmalere Reifen würden besser laufen, passen aber nicht in das Bild von einem tollen Auto. Da ist nach wie vor Masse angesagt.

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