Im Dienste des Herrn

18. April 2007, 12:02
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Ordensbrüder waren die innovationsfreudigsten Sozialmanager im frühneuzeitlichen Mitteleuropa - Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt der Universität Graz

Ordensbrüder waren die innovationsfreudigsten Sozialmanager im frühneuzeitlichen Mitteleuropa. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt der Universität Graz. Beispiele gibt es genug: Die Ordensbrüder organisierten die Rückholung von Gefangenen und gründeten erste Krankenhäuser für Akutfälle.

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Wie immer man es bewerten mag: Das Christentum hat so gut wie alle Aspekte unserer westlichen Kultur geprägt und ihre Entwicklung maßgeblich mitbestimmt. Sein Einfluss auf die abendländische Kunst ist längst ebenso gut erforscht wie die zentrale Rolle der Kirchen in politischen Prozessen. Vergleichsweise wenig weiß man bislang allerdings über die im weiteren Sinn kultur- und sozialhistorische Bedeutung der verschiedenen christlichen Institutionen.

So sind beispielsweise die ziemlich abenteuerlichen Aktivitäten der "Unbeschuhten Trinitarier" völlig aus der historischen Wahrnehmung verschwunden. Dieser Orden hat sich bis ins späte 18. Jahrhundert ausschließlich der Suche und Befreiung verschleppter Christen in islamischen Ländern gewidmet.

"Die Trinitarier", so der Grazer Historiker und Soziologe Carlos Watzka, "sind aus dem Kontext der Kreuzzüge hervorgegangen und waren vor allem im Osmanischen Reich und in Nordafrika aktiv." In rund 100 Jahren haben allein die Brüder der österreichischen Provinz mit ihrer geistlichen Einsatztruppe rund 4000 verschleppte Untertanen des Kaisers freigekauft.

Im Rahmen einer vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsarbeit hat Watzkas Mitarbeiterin Elisabeth Pauli Archive des Ordens in Österreich und Italien durchforstet und ist dabei auf spannendes Datenmaterial gestoßen: Penibel geführte Listen mit den Namen der Befreiten, ihrem Alter, ihrem Beruf, der Dauer ihrer Gefangenschaft, der Höhe der bezahlten Lösegelder und dem Ort ihrer Übergabe.

In christlicher Mission

Wie aber konnten die Ordensleute die Verschollenen überhaupt finden? "Zu diesem Zweck wurden Mittelsmänner - meist selbst Muslime - ausgesandt, die im Feindesland Erkundigungen einholten", erklärt Carlos Watzka. "Sie sollten herausfinden, wo es deutschsprachige Sklaven gibt, ob sie zum Verkauf stehen und was sie kosten. Später hat man zum Teil auch auf der Basis von Gefangenenaustausch gearbeitet."

Dabei handelten sich die Trinitarier von manchen Zeitgenossen den Vorwurf ein, durch ihre Lösegeldzahlungen das Problem zu verstärken, da man die Feinde damit zu noch mehr Gefangennahmen motiviere. Ein Vorwurf, der gegenwärtig durch die laufenden Geiselnahmen im Irak wieder höchst aktuell ist.

Allerdings war er damals nicht wirklich stichhaltig, denn im Gegensatz zu heute wurden die Menschen meist nicht geraubt, um Lösegelder zu erpressen, sondern um sie als Sklaven einzusetzen. So variierte je nach ihrer Qualifikation auch die Höhe der Lösegelder: Handwerker zum Beispiel waren teurer und kamen auch schwerer frei, da sie dringend gebraucht wurden.

Die meisten Verschleppten blieben einige Jahre, manche sogar Jahrzehnte in Gefangenschaft. Einer der berühmtesten unter ihnen war übrigens der spanische Dichter Cervantes, der im 16. Jahrhundert von den Trinitariern aus fünfjähriger Gefangenschaft in Algier befreit wurde.

Gelang es schließlich, einen Gefangenen freizukaufen, musste noch die oft monatelange Rückreise in die Heimat organisiert werden. "Dazu hat der Orden an strategisch sinnvollen Orten auf dem Weg in den Balkan - unter anderem in der heutigen Slowakei und in Konstantinopel selbst - ein weit gespanntes Netz von Niederlassungen errichtet, wo die Freigekauften mit ihren Begleitern Zwischenstation machen konnten", fanden Pauli und Watzka heraus. Ihre Ankunft in Wien wurde dann mit großen Festen zelebriert: "Das waren im Grunde PR-Veranstaltungen, auch für die Habsburger, welche die Befreiungskosten zum Teil mitgetragen haben."

Dass sich der Orden 1688 in Österreich niedergelassen hatte, war kein Zufall, denn fünf Jahre zuvor hatten die Türken Wien belagert, und es kam zu zahlreichen Verschleppungen von Einheimischen vor allem in Gegenden um das Schwarze Meer. Warum aber gab es so viele christliche Gefangene im westlichen Nordafrika? "Diese Region lebte damals hauptsächlich von Piraterie", berichtet der Historiker. "Bis um 1800 waren die Freibeuter eine zentrale Bedrohung der europäischen Schifffahrt im Mittelmeer."

Oft wurde - ganz im Stil der Mafia - an diese Staaten Schutzgeld bezahlt, um einem Überfall zu entgehen. Die spätere Kolonialisierung Nordafrikas sei auch in diesem Kontext zu sehen, ist Watzka überzeugt: "Erst durch den rasanten technischen und wissenschaftlichen Fortschritt in den Jahrzehnten um 1800 wurden die Europäer in dieser Region von Bedrohten zu Aggressoren."

Frühe Krankenhäuser

Eine ganz besondere sozialpolitische Rolle spielte auch der Orden der "Barmherzigen Brüder", einer der ersten Träger von Krankenhäusern in Österreich. "Diese Einrichtungen", so Watzka, "funktionierten bereits im 17. Jahrhundert grundsätzlich wie unsere heutigen Akut-Krankenhäuser. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug etwa in Graz um 1700 25 Tage, bei den psychisch Kranken rund 40."

In diesen Krankenhäusern wurden ausschließlich Männer behandelt. Eine vergleichbare Einrichtung für Frauen hat der Elisabethinen-Orden erst 80 Jahre später gegründet. Die Barmherzigen Brüder hatten schon um 1600 dutzende Krankenhäuser nach diesem Prinzip in Europa eingerichtet, bis ins 18. Jahrhundert waren es bereits 250.

Zwar gab es zu dieser Zeit auch einige von anderen Institutionen oder großen Städten getragene Krankenhäuser, "doch das waren Einzelfälle, und staatliche Krankenhäuser wurden in Österreich erst mit Joseph II. in den 1780er-Jahren gegründet", fand Carlos Watzka heraus. "In vielen Regionen waren die Ordenskrankenhäuser also die ersten derartigen Einrichtungen, außerdem gab es relativ viele davon."

Was es bereits davor gab, waren die traditionellen "Hospitäler". Das waren allerdings keine Akut-Krankenhäuser, sondern multifunktionale Armen-, Pflege- und Altenanstalten, wo Kranke nur betreut, nicht aber therapiert wurden.

Gratisbehandlung

Zur Finanzierung der Krankenhäuser haben sich die Brüder ein sozial verträgliches Modell ausgedacht: So war eine kurzfristige Behandlung für die Armen, die ohnehin das Gros ausmachten, gratis. Vermögendere Patienten, die allerdings nur in sehr schweren Fällen ein Krankenhaus aufsuchten, sollten auf freiwilliger Basis einen finanziellen Beitrag leisten. Dazu kamen noch Gelder aus Stiftungen und Erbschaften. Außerdem hat es damals bereits eine Art Versicherungssystem für Handwerker gegeben: Die Zünfte haben einen jährlichen Beitrag an ein bestimmtes Krankenhaus bezahlt, die einzelnen Mitglieder mussten einen Teil ihres Einkommens für diesen Zweck abgeben.

Für die Behandlung von Dienstboten haben üblicherweise deren "Herrschaften" - meist Adelige - Geldspenden an die Brüder geleistet. Aus der damals sehr großen Gruppe der Bauern suchten nur relativ wenige Menschen ein städtisches Ordenskrankenhaus auf. "Für die Landbevölkerung dauerte die Anreise oft mehrere Tage, was wahrscheinlich viele abhielt, sich dort behandeln zu lassen", vermutet Watzka.

Was die Barmherzigen Brüder und die Unbeschuhten Trinitarier verbindet, ist neben ihrer karitativen Ausrichtung und ihrer sozial- und kulturgeschichtlichen Bedeutung auch ihre Innovationskraft: "Diese beiden Orden haben sowohl im medizinischen und humanitären als insbesondere auch im administrativen Bereich Innovationsprozesse in Gang gesetzt, auf die nachfolgende Institutionen aufbauen konnten", formuliert Watzka eine zentrale Erkenntnis des Forschungsprojekts. (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 11. April 2007)

  • Barmherzige Brüder: Johannes von Gott (rechts), der Gründer des gleichnamigen Ordens, wäscht Jesus die Füße. Dahinter ein Krankensaal.
    foto: der standard

    Barmherzige Brüder: Johannes von Gott (rechts), der Gründer des gleichnamigen Ordens, wäscht Jesus die Füße. Dahinter ein Krankensaal.

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