"42plus": "Knapp verfehltes Glück" – daneben ...

10. April 2007, 20:48
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Ein ziemlich schematisches Midlife-Crisis-Drama "42plus" von Sabine Derflinger und die Probleme des österreichischen Films

Warum fällt es dem heimischen Kino so schwer, "normale" Gegenwart, gesellschaftliche Voraussetzungen und Enttäuschungen des Bürgertums abzubilden? Die Frage stellt sich auch bei der Betrachtung von "42plus".


Wien - Das folgende Szenario ist natürlich völlig frei erfunden, aber: Es stimmt. Ein Drehbuchautor oder ein Regisseur würde gerne die Geschichte einer Ehe- und Lebenskrise, hier und heute, verfilmen. Er hat die Idee, diese Krise in jenem Zustand eskalieren zu lassen, den man heutzutage "Urlaub" oder "Ferien" nennt, oder zumindest an einem "fremden" Ort, eben weil viele Leute sich in der Fremde ganz besonders intensiv auseinanderleben.

Unser Autor/Regisseur will nicht glauben, dass es unbedingt Sinn macht, reale "Lebenswelten" lediglich an sozialen Rändern, "verwahrlosten" Milieus oder emotionalen Vergletscherungen abzubilden, wie das im heimischen Spiel- und Dokumentarfilm durchaus erfolgreich praktiziert wird. Was er auch nicht machen möchte: Noch ein Sonntag-Hauptabend-TV-Movie im Stile von Rosamunde Pilcher. Er denkt, dass auch das relativ normale Klein- und Großbürgertum Dramen generiert, die es wert sind, nicht auf das Format von Seifenopern reduziert zu werden. Möglicherweise denkt er an Flauberts Madame Bovary, an Stücke von Tschechow, Strindberg, Ibsen, an Filme von Claude Chabrol, Godard, Antonioni oder zuletzt das grandiose türkische Eheporträt Iklimler von Nuri Bilge Ceylan, wenn er sich daran macht, seine Geschichte zu erzählen.

Er legt dieses Projekt also einem Produzenten oder einer Förderungsjury vor, und die erste Reaktion, die er erhält, sie lautet: "Das ist doch eine alte Geschichte."

"Ja", sagt unser Autor: "Alt, aber gut." Ihm ist natürlich klar, dass vieles, um nicht zu sagen: alles von der Form abhängt, in der diese Geschichte erzählt und gefilmt wird. Aber den Produzenten und den Förderjuroren ist das meist überhaupt nicht klar. Also wandern Geschichten einer modernen Madame B., die zerrissen ist zwischen den eigenen Ansprüchen, dem, was ihr realiter abverlangt wird, und dem Lebenslauf, der durch sie hindurch wie von selbst und meist gegen sie entsteht, hierzulande schnell in den Papierkorb. Und gleichzeitig entsteht, gerade weil solche Geschichten wieder und wieder erzählt werden wollen, ein Überdruck, den man den wenigen zustande kommenden Gehversuchen in die richtige Richtung leider anmerkt. Nicht selten orientieren sich diese Gehversuche nämlich eher nach unten, und dann ist das schon eine Hochleistung: besser zu sein als Seifenopern.

42plus, der jüngste Spielfilm der österreichischen Regisseurin und Autorin Sabine Derflinger, ist nun genau so ein Projekt, das kaum auf produktive Nachbarschaften verweisen kann und stattdessen Risikominimierung im Sinne der Geldgeber betreiben muss.

Medienfrau, fasziniert

Die Handlung: Am besten zitiert man das Presseheft, um gewisse Haltungs- und Gestaltungsschäden transparent zu machen. "42plus erzählt die Geschichte der 42-jährigen, attraktiven Medienfrau Christine (Claudia Michelsen), die einen beruflich erfolgreichen Ehemann (Ulrich Tukur) und eine pubertierende Tochter (Vanessa Krüger) und eine Freundin (Petra Morzé) hat, deren Ehemann (Tobias Moretti) ihr heimlicher Liebhaber ist. Während eines Familienurlaubs im italienischen Feriendomizil begegnet Christine dem jungen Tamaz (Jacob Matschenz) und ist sofort von ihm fasziniert ..."

08/15-mäßig wie dieser Text, mit dem man wohl auch das Pilcher-Publikum ins Kino locken will, ist leider auch der Film selbst, von dem Derflinger sagt: "Er spielt mit Blicken, verweilt auf den Körper, den Gesichtern, hält die Nuancen der Gefühle fest, die uns vorantreiben." Das, was man auf der Leinwand sieht, sind nun freilich bestenfalls Nuancen von Gefühlen, die ein paar Schauspielstars relativ routiniert simulieren. Man sieht leere Blicke, man sieht das Meer, manchmal sieht man leckeres Abendessen in der benachbarten Osteria und immer wieder jugendliche Aussteiger am Meer, angesichts derer die "attraktive Medienfrau" scheinbar ganz zärtliche Sehnsüchte beschleichen ... Indes, was sieht man wirklich? Und was hört man? Die hanebüchenen Dialoge, gemeinsam mit dem dänischen Drehbuchautor Mogens Rukov verfasst, lassen nie und nimmer darauf schließen, dass dieser mitverantwortlich für Thomas Vinterbergs Das Fest war.

Man fragt sich, wenn man 42plus sieht: Haben all die prominenten Namen und die damit verbundenen Hoffnungen auf ein breiteres Publikum die Fördergeber überzeugt? Wurde hier eine stimmigere Geschichte quasi zu Tode kuriert? Oder waren hier alle angesichts einer einfachen Geschichte, bei der man besonders präzise sein müsste, schlicht überfordert?

42plus soll, so Sabine Derflinger, über einen "Grauschleier der Enttäuschung" erzählen, die ",normale' Leute über ihr Leben empfinden", über eine Stimmung von "knapp verfehltem Glück". Legt man solche Inhalte um auf die heimische Gesellschaft, könnte das einen hochpolitischen Film ergeben. Verunmöglicht wird dies, wie so oft, durch sprachliche und gedankliche Unschärfen: Worüber wir nicht wirklich zu sprechen wissen, darüber sollte man besser auch keine Filme machen. Wir warten weiter auf profunde Auseinandersetzungen mit dem heimischen Groß- und Kleinbürgertum. (Claus Philipp/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2007)

"42plus"
ab Freitag (13.4.) im Kino
  • "Gefühle, die uns vorantreiben..." - Jacob Matschenz und Claudia Michelsen in "42plus".
    foto: filmladen

    "Gefühle, die uns vorantreiben..." - Jacob Matschenz und Claudia Michelsen in "42plus".

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