"Das ist eine riesige Baustelle"

10. April 2007, 19:51
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FWF-Präsident Christoph Kratky im STANDARD-Interview über die Lage der Nachwuchs- Wissenschaft, Plagiarismus und angewandte Forschung

Der Wissenschaftsfonds FWF, Österreichs wichtigster Forschungsförderer, wird heuer 40 Jahre alt. Klaus Taschwer sprach mit FWF-Präsident Christoph Kratky über die Lage der Nachwuchswissenschaft, Personalpolitik, Plagiarismus und angewandte Forschung.

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DER STANDARD: Der Standard: Der FWF feiert heuer sein 40-jähriges Jubiläum. Im internationalen Vergleich kam der Wissenschaftsfonds aber etwas spät, oder?

Kratky: Das war tatsächlich recht spät. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Universitäten in Österreich nach 1945 quasi in Gutsherrenmanier von den Ministerien verwaltet wurden. Und Forschungsanliegen wurden damals von Ministerialbeamten für gut oder schlecht befunden. Kompetitive Forschungsförderung war bei uns völlig unbekannt. Man orientierte sich deshalb am Vorbild der National Science Foundation in den USA, als man den FWF gründete.

DER STANDARD: Was hat sich in den vergangenen vierzig Jahren FWF geändert?

Kratky: Bemerkenswert ist, dass die gesetzlichen Grundlagen des Wissenschaftsfonds über die 40 Jahre nahezu gleich geblieben sind. Das betrifft vor allem das Prinzip der Autonomie, also die Unabhängigkeit von der Politik und den Ministerien, sowie das Prinzip der Förderung auf Basis wissenschaftlicher Qualität. Was sich hingegen stark weiterentwickelt hat, sind die Anforderungen sowohl an den FWF wie auch an die Forscher.

In den ersten Jahren wurden 90 Prozent der beim FWF beantragten Projekte gefördert, heute sind es rund 35 Prozent, was natürlich auch zu Frustration bei jenen führt, deren Projekte abgelehnt werden. Und während es in den ersten Jahren eine große Leistung war, überhaupt einen Antrag zu stellen und sich der Begutachtung zu stellen, gehört das heute zur Selbstverständlichkeit.

DER STANDARD: Welche Rolle hat der FWF im Innovationssystem Österreichs ganz allgemein?

Kratky: Der Wissenschaftsfonds bietet der Gesellschaft im Wesentlichen zwei Produkte an: das eine sind wissenschaftliche Erkenntnisse, die wir nicht nur dem österreichischen Steuerzahler zur Verfügung stellen. Denn die werden ja allgemein zugänglich publiziert – genauso, wie wir auch auf die Ergebnisse aller anderen zugreifen können. Das zweite Produkt ist die Entwicklung von Humankapital.

DER STANDARD: Wie ist das zu verstehen?

Kratky: Ganz einfach: Grundlagenforschung ist die bestmögliche Art, jungen Menschen eine wissenschaftliche Ausbildung zu vermitteln. Wir finanzieren zurzeit beispielsweise mehr als 2000 Dissertanten und PostDocs. Man kann die Begabung junger Menschen vor allem dadurch erkennen und fördern, dass sie sich in der Forschung bewähren.

DER STANDARD: Wie schätzen Sie die Lage der wissenschaftlichen Nachwuchskräfte in Österreich ganz generell ein?

Kratky: Im Grunde ist das leider eine riesige Baustelle. Um nur eine Zahl zu nennen: Es werden in Österreich zurzeit rund 16.000 Dissertationen verfasst, die überwältigende Anzahl davon quasi in der Freizeit, mit schlechter Betreuung und ohne Finanzierung. Entsprechend spät werden diese Leute dann auch fertig. Für eine wissenschaftliche Karriere haben sie am Jobmarkt kaum mehr Chancen.

DER STANDARD: Woran liegt das?

Kratky: Das soll gerade im Rahmen einer vom FWF und dem Wissenschaftsministerium beauftragten Studie erhoben werden. Klar ist, dass es zwischen den Fächern erhebliche Unterschiede gibt. In Naturwissenschaften und der Medizin ist die Situation großteils in Ordnung, weil es dort der Job-Markt regelt.

Wenn ich in naturwissenschaftlichen Fächern einen Dissertanten haben will, dann brauchte ich auch eine konkurrenzfähige Finanzierung, denn sonst kriege ich die junge Frau den jungen Mann einfach nicht. Das ist in vielen anderen Wissenschaftsbereichen leider nicht so, wo viele auch unbezahlt an ihrer Dissertation schreiben.

DER STANDARD: Ist das so schlimm?

Kratky: Wo jemand nach der Dissertation die Option einer wissenschaftlichen Tätigkeit wahren will, muss er oder sie professionelle Bedingungen vorfinden. Eine Dissertation macht beispielsweise nur dort Sinn, wo die Wissenschaft erstklassig ist. Deshalb setzt der FWF in diesem Bereich auch einen Schwerpunkt, nämlich mit seinem Programm der Doktoratskollegs, die eine weitere Professionalisierung bei der Dissertatiosausbildung ermöglichen.

DER STANDARD: Ein Indikator dafür, dass es bei der Ausbildung nicht immer klappt, sind Diplomarbeiten und Dissertationen, bei denen plagiiert wurde. Ist das auch für den FWF ein Thema?

Kratky: Wissenschaftliches Fehlverhalten ist für den FWF ein Thema, seit es den FWF gibt. Wir kriegen immer wieder Anträge, wo wir von Gutachtern aufmerksam gemacht werden, dass abgeschrieben worden ist. Das Plagiatsthema ist kompliziert, und man muss Schwarzweiß-Malerei vermeiden. Denn selbst wenn zwei Texte ähnlich sind, heißt es noch lange nicht, dass sie das Gleiche bedeuten. Umgekehrt können zwei durchaus unterschiedlich formulierte Texte einen massiven Ideendiebstahlimplizieren.

DER STANDARD: Was machen Sie, wenn Sie einen Verdachtsfall haben?

Kratky: Dann schicken wir die Unterlagen an die zuständige Ombudsstelle der betreffenden Universitäten. Von diesen Ombudsstellen, die ja auch auf Betreiben des FWF eingerichtet wurden, kriegen wir dann früher oder später einen Bericht, auf dessen Grundlage wir entscheiden. Das ist allerdings mitunter etwas unbefriedigend.

DER STANDARD: Warum?

Kratky: Weil die Ombudsstellen sehr unterschiedlich gut funktionieren und auch durchaus unterschiedliche Vorstellungen haben, was überhaupt scientific misconduct ist. Wir haben beim Wissenschaftsfonds eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die den Problemkreis aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre analysieren soll und aller Voraussicht nach vorschlagen wird, eine österreichische Stelle einzurichten.

DER STANDARD: Was würde dadurch verbessert werden?

Kratky: Das hätte vor allem den Vorteil, dass diese Stelle von den Betroffenen weiter weg ist als die derzeitigen universitären Ombudsstellen. Und es wäre in jedem Fall gewährleistet, dass auf gleichen rechtlichen Grundlagen juristisch kompetent und wissenschaftlich sauber geurteilt wird. Wir wollen das keinesfalls selbst tun, würden uns aber an den Kosten einer solchen Stelle beteiligen.

DER STANDARD: Um wieder zum wissenschaftlichen Nachwuchs zurückzukommen: wie sehen Sie denn dessen Karrierechancen nach der Dissertation.

Kratky: Die Lage der Dissertanten ist für mich das mit Abstand dringlichste Problem. Abgesehen davon sind die Karrierebedingungen an den Universitäten im Moment unbefriedigend – auch für die Universitäten selbst. Es muss bessere Einstiegsmöglichkeiten für gute junge Leute auf jeder Ebene geben. Und es kann auch nicht so sein, dass diese Leute nach drei oder fünf Jahren grundsätzlich wieder gehen müssen.

DER STANDARD: Also doch wieder Pragmatisierung?

Kratky: Nein, keineswegs. Es ist falsch, jeden Forscher nach fünf Jahren zu entlassen. Genauso falsch ist aber auch die Einstellung, dass jeder, der einmal im Universitätssystem ist, drinnen bleiben muss. Wir oszillieren leider zwischen diesen beiden Extremen. Gute Personalpolitik erfordert Urteil, Konsequenz, Qualitätsbewusstsein, erfordert auch Transparenz und eine kompromisslose Durchführung.

Das hat keine starke Tradition in Österreich. Wir können nur hoffen, dass sich an den Universitäten eine vernünftige Personalpolitik etabliert – vor allem an jenen, die Forschungsuniversitäten sein wollen und sich an wissenschaftlicher Exzellenz orientieren.

DER STANDARD: Was kann der FWF dazu beitragen?

Kratky: Wir wollen den Universitäten das Angebot machen, dass wir in Zukunft auch so genannte Overhead-Kosten zahlen. In den vom FWF geförderten Projekten, die zum überwiegenden Teil an den Universitäten angesiedelt sind, werden bislang nur direkte Kosten bezahlt, also Personal- und Materialkosten.

Kosten, die den Universitäten darüber hinaus entstehen, werden nicht bezahlt. Das ist unbefriedigend, weil die Gelder vom FWF aus der Sicht der Rektorate reine Durchlaufposten sind. Wir glauben, dass die Wertschätzung erstklassiger Forschung seitens der Universitätsleitungen steigen würde, wenn durch FWF-Projekte auch ein finanzieller Mehrwert für die Rektorate entstünde.

DER STANDARD: Wie sehen Sie die Umsetzung von universitärer Grundlagenforschung in Richtung Anwendung? Das scheint doch auch eine Baustelle zu sein.

Kratky: Es ist eine immer wieder geäußerte Behauptung, dass es in Österreich bzw. Europa gute Forschung gibt, es aber – im Vergleich zu den USA – an der Umsetzung mangelt. Ich möchte das in Frage stellen, denn hier wird oft genug Qualität mit Quantität verwechselt. Meiner Analyse nach ist dieses angebliche Defizit in der Umsetzung sehr häufig ein Qualitätsdefizit in der Grundlagenforschung. Man kann nur etwas umsetzen, wenn man etwas zum Umsetzen hat. Und die ein Prozent Top-Publikationen stammen nun einmal zum Großteil aus den USA.

DER STANDARD: In Österreich fördert die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) diese angewandte wirtschaftsnahe Forschung. Seit kurzem befindet sie sich mit dem FWF räumlich unter einem Dach. Wird sich dadurch an der Aufgabenverteilung etwas verändern?

Kratky: Hinter der Aufgabentrennung zwischen FFG und FWF steckt eine klare Logik. Und es wäre aberwitzig, daran etwas ändern zu wollen. Wir fördern auf Basis wissenschaftlicher Qualität, während bei der FFG das Umsetzungspotenzial die Grundlage für Förderentscheidungen bildet. Das erfordert völlig unterschiedliche Mechanismen und Strukturen.

Es gibt allerdings einen Zwischenbereich, wo wir das so genannte Bridge-Programm miteinander abwickeln. Dort treffen sich die beiden Welten, und das funktioniert auch sehr gut. (DER STANDARD, Printausgabe, 11. April 2007)

Zur Person
Christoph Kratky (60) ist Professor für Physikalische Chemie an der Universität Graz und seit September 2005 Präsident des Wissenschaftsfonds FWF. Der gebürtige Grazer studierte an der ETH Zürich, wo er auch promovierte. Danach war Kratky Post-Doc in Harvard und ab 1977 Assistent am Institut für Physikalische Chemie der Universität Graz.

Kratky forscht im Grenzgebiet zwischen Chemie und Biologie - unter anderem zur kristallografischen Bestimmung der 3D-Struktur biologisch relevanter Moleküle. Der Strukturchemiker ist Autor von insgesamt knapp 200 Publikationen und Inhaber von zwei Patenten. Seit 1998 ist er wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. (tasch)

  • "Das Plagiatsthema ist kompliziert, und man muss Schwarz-Weiß-Malerei vermeiden", sagt FWF-Präsident Christoph Kratky. Eine von ihm initiierte Arbeitsgruppe arbeitet gerade Reformvorschläge aus.
    foto: der standard/newald

    "Das Plagiatsthema ist kompliziert, und man muss Schwarz-Weiß-Malerei vermeiden", sagt FWF-Präsident Christoph Kratky. Eine von ihm initiierte Arbeitsgruppe arbeitet gerade Reformvorschläge aus.

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