Von Mäusen und Forschern

10. April 2007, 19:26
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Forscher versuchen die Immunabwehr für den Kampf gegen Krebs zu nutzen - Warum das im zwar Tierversuch, nicht jedoch beim Menschen funtioniert, diskutiert ein Symposium

Wissenschafter versuchen die körpereigenen Abwehrkräfte für die Bekämpfung von Tumorerkrankungen zu aktivieren. Im Tierversuch funktioniert die neue Therapieform bereits. Doch beim Menschen scheint es bis zu einem Durchbruch noch ein weiter Weg zu sein. Ein Symposium in Wien diskutiert.

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Josef Penninger versteht etwas von Immunsystemen und von Genetik. Der jüngste Beleg dafür stammt von Anfang April. Da berichtete der Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Journal of Experimental Medicine von einem Experiment. Gemeinsam mit Mitarbeitern war es ihm gelungen, das Immunsystem von Nagetieren so aufzufrisieren, dass es verstärkt Tumorzellen attackieren kann.

Die Meldung kam zur rechten Zeit. Am Donnerstag beginnt in Wien ein Symposium (bis zum 14. 4.), bei dem die Fortschritte bei dieser Art der Krebstherapie diskutiert werden. Nach teils spektakulären Fehlschlägen in den vergangenen zwanzig Jahren ist von der einstigen Aufbruchstimmung nicht viel geblieben. Verzagt klingt der Titel des Symposiums: "Können wir nur Mäuse heilen?" Da kann eine erfreuliche Nachricht nicht schaden.

Rückbildungen

Mit dem Titel spielt einer der beiden Organisatoren, der Dermatologe Georg Stingl, nicht zuletzt auf eigene Erfahrungen in dem Metier an. "Wir hatten bei unseren Labormäusen teils dramatische Rückbildungen beobachtet", erinnert sich der Arzt und Forscher an Resultate während der Neunzigerjahre. Schon schien es, als gäbe es neben Chirurgie, Chemotherapie und Bestrahlung bald eine neue Therapieform gegen Krebs. Doch das Immunsystem des Menschen reagierte nicht wie erwartet.

Trotz aller Bemühungen ist es bis heute nur schwer möglich, die Körperabwehr auf den Feind aufmerksam zu machen, der ja aus den eigenen Reihen stammt. Das Immunsystem ist darauf trainiert, Eindringlinge von außen, etwa Viren oder Bakterien, zu erkennen und zu zerstören. Krebszellen sind jedoch körpereigenes Gewebe; für das Immunsystem gibt es daher kaum einen Grund einzugreifen. Deshalb versuchen Forscher, dem Immunsystem ein Fahndungsfoto der gefährlichen Zellen aufzudrängen.

Dabei verfolgen sie bis heute im Prinzip zwei Ansätze: Beim ersten gewinnen sie zunächst Abwehrzellen aus dem Blut ihres Patienten. In einer Laborschale treffen diese Zellen auf Krebszellen. Dazu kommt noch ein Signalstoff der den Abwehrzellen einschärfen soll: Das hier ist der Feind! Solcherart instruiert werden die Abwehrzellen wieder injiziert. Von nun an sollen sie im Körper patrouillieren und nach Krebszellen Ausschau halten. Eine derartige Studie läuft an der Universitätsklinik in Innsbruck. Dort können die Ärzte mit dieser Therapie einigen Patienten die Chemotherapie ersparen, damit steigt die Lebensqualität. Doch nicht immer steigt auch die Lebenserwartung.

Die zweite der klassischen Strategien beruht auf der Entdeckung des Belgiers Terry Boon und seines deutschen Kollegen Alexander Knuth aus dem Jahre 1991: Die beiden hatten festgestellt, dass sich viele Krebszellen anhand charakteristischer Oberflächenmoleküle von gesundem Gewebe unterscheiden lassen. Mittlerweile kann man auf Datenbanken solcher Krebszellen-Merkmale zurückgreifen. Heute gibt es eine Menge von Impfprotokollen, mit denen versucht wird, das Immunsystem auf Zellen, die diese Merkmale tragen, scharf zu machen. Doch auch das erweist sich als schwierig. Das Wiener Biotech-Unternehmen Intercell war ursprünglich auch für die Entwicklung solcher Krebs-Impfstoffe gegründet worden. Heute konzentriert sich die Firma auf Projekte, die rascher zu Erfolgen führen.

Der Ansatz von Penninger ist neu. Er manipuliert die so genannten T-Zellen, das ist eine Gruppe von Abwehrzellen. Hier entdeckte er bereits vor längerer Zeit ein Gen namens "cbl-b" (er spricht es aus wie "Sybill-B"). Dieses Gen reguliert die Aktivität der Zelle. Penninger und seine Mitarbeiterin Stefanie Löser konnten mit ihrem Eingriff cbl-b ausschalten und T-Zellen damit aggressiver gegenüber verdächtigen Zellen machen. Die Forscher kennen das Risiko eines solchen Eingriffs: Die hochaktiven T-Zellen können sich auch gegen gesundes Gewebe richten und Autoimmunkrankheiten auslösen.

Und noch etwas spricht gegen voreilige Feierstimmung. Versuche zur Entwicklung von Krebs-Immuntherapien laufen derzeit noch unter "höchst artifiziellen Bedingungen ab", so Georg Stingl. Die Therapien werden an Labormäusen erprobt, die meist nicht selbst eine Krebserkrankung entwickelt haben. Darauf zu warten dauert zu lange. Deshalb werden den Tieren Tumorzellen anderer Mäuse injiziert. Denkbar, dass die Mäuse auf diese fremden Tumore anders reagieren als auf selbst entwickelte.

Entsprechend vorsichtig formulieren Penninger und Co weitere Pläne: Das Team sei nun interessiert, wie sich aus den neuen Erkenntnissen eine Therapie für Patienten entwickeln ließe. Vor 15 Jahren wäre an dieser Stelle wohl gestanden: "Wir werden jetzt mit Hochdruck ein entsprechendes Medikament entwickeln." (Gottfried Derka/DER STANDARD, Printausgabe, 11. April 2007)

  • "Can We Only Cure Mice?" ("Können wir nur Mäuse heilen?"): So lautet 
der selbstkritische Titel des Akademie-Symposiums.
    illustration: der standard/ fatih

    "Can We Only Cure Mice?" ("Können wir nur Mäuse heilen?"): So lautet der selbstkritische Titel des Akademie-Symposiums.

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