Chemikerin des Lebens

10. April 2007, 19:01
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Dagmar Kapeller erforscht das "Verhalten" des Kohlenstoffs - Für ihre Arbeit wurde sie ausgezeichnet

"Laut, stinkend, giftig und explosiv, wie man es sich vorstellt" - das ist der Laboralltag von Dagmar Christine Kapeller. Die organische Chemikerin erhielt Mitte März einen Laudimaxima-Preis der Uni Wien für ihre tief in der Grundlagenforschung verankerte Arbeit. Meist sehe sie sich verständnislosen Gesichtern gegenüber, gesteht die 26-jährige Forscherin. "Die Auszeichnung zeigt, dass meine Ergebnisse auch ohne unmittelbaren Nutzen nicht nur für mich wichtig sind." Ihre erste richtige Publikation ist vor Kurzem im Journal of the American Chemical Society erschienen.

Kapellers Disziplin, die organische Chemie, wird auch "Chemie des Lebens" genannt. Im Zentrum steht dabei ein Atom: Kohlenstoff. Von ihm gehen vier Bindungen zu anderen Atomen aus, die die Ecken ei- ner tetraedrischen Pyramide bilden. Sind vier verschiedene Partneratome an dem Kohlenstoff in der Mitte gebunden, spricht man von chiralen Verbindungen. Sie haben je zwei spiegelbildliche Formen, vergleichbar mit linker und rechter Hand. Dagmar Kapeller stellt so genannte chirale Oxymethyllithium-Verbindungen her, die extrem instabil sind und zu den kleinsten aus Atomen aufbaubaren Strukturen jener Art gehören. Diese temperatur- und luftempfindlichen Verbindungen überprüft die Linzerin auf Stabilität und chemisches Verhalten.

Beeindruckender Werdegang

Die Tochter eines Chemikers konnte nach eigenen Angaben bereits im Kindergarten das Tierlexikon auswendig aufsagen. Ein naturwissenschaftliches Studium war also die logische Wahl. Biochemie wurde kurz vor ihrem Einstieg abgeschafft, und so begann sie mit Chemie an der Universität Wien. Mit einem Stipendium war sie noch vor dem Diplom an der Universität von Caen in Frankreich und lernte dort "selbstständig zu arbeiten, den Konkurrenzkampf auszuhalten und dass nicht immer alles nach Plan läuft". Sie blieb dennoch in der Mindestzeit. 2005 hängte sie gleich ein Doktoratsstudium an; ihre Dissertation wird von der Akademie der Wissenschaften gefördert.

Nach zahlreichen Praktika in Spitälern, Forschungsinstituten und der chemischen Industrie wägt sie sorgfältig ab: "An der Uni kannst du deine eigenen Ideen verwirklichen, musst aber das Geld dafür selbst aufstellen. In der Industrie spielt Geld kaum eine Rolle, dafür bist du an ein Thema gebunden und hast nicht so viel Freiheit." Bis zum PhD will sie aber noch gehen, "schließlich gibt es immer Neues zu entdecken", sagt die junge Chemikerin.

Doch Forschen ist nicht ihre einzige Leidenschaft

Sobald Kapeller selbst lesen konnte, verschlang sie bis zu zehn Bücher pro Monat. Heute bleibt dafür nicht mehr so viel Zeit, aber es ist immer noch eine Lieblingsbeschäftigung. Mit einer Freundin fing sie auch selbst an zu schreiben, "vielleicht wird es einmal ein Buch". Sport sei zwar gut zum Abschalten, mehr Talent für sportliche Betätigung habe eindeutig ihre jüngere Schwester abbekommen. Diese spielt Volleyball in der Bundesliga.

Mit dem Zeichnen hat sie erst während des Studiums begonnen, allerdings nicht nur Strukturformeln, sondern gerne auch Manga-Figuren. "In der Chemie bleiben ein paar Milligramm in einem Kolben übrig, beim Bildermalen sieht man ein bleibendes Ergebnis - ein tolles Gefühl." Eine ihrer Figuren wurde sogar im Manga Demon Diary 6 veröffentlicht. Und darüber hat sich Dagmar Kapeller "fast genauso gefreut wie über den Laudimaxima-Preis". (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe 11.04.2007)

  • Ausgezeichnete Chemikerin und Manga-Zeichnerin: Dagmar Kapeller.
    foto: privat
    Ausgezeichnete Chemikerin und Manga-Zeichnerin: Dagmar Kapeller.
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