"Ein Blecha-Blog lohnt sich weniger als ein Blaha-Blog"

17. April 2007, 13:07
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Politikberater Thomas Hofer im Interview mit derStandard.at über Mobilisierung, fehlende Inhalte und politische Schlammschlachten

Politikberater Thomas Hofer ortet im derStandard.at-Interview noch einen großen Verbesserungsbedarf, was die Politikkommunikation und die Internetpräsenz österreichischer Parteien betrifft. Am professionellsten gingen hier seiner Meinung nach noch die Grünen vor. Von den USA würden Österreich in dieser Hinsicht aber noch Welten trennen.

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derStandard.at: Umfragen zeigen, dass bis zu 24 Prozent der französischen Internet-User ihre Wahlentscheidung vom Web abhängig machen könnten. Ist das in Europa ein frankreichspezifisches Phänomen?

Hofer: Diese Zahlen muss man natürlich mit Vorsicht genießen. Aber es ist keine Frage, dass - bis jetzt noch vorwiegend in den USA - die Politikkommunikation über das Web zunehmend relevant wird. Howard Dean wurde zum Beispiel 2003/04 deshalb zu einer bekannten Persönlichkeit, weil er seinen Wahlkampf rein über das Netz betrieben hat.

Allerdings muss man sagen: das Internet ist nicht dafür geeignet, neue Wählergruppen anzusprechen. Sondern: es ist ein Mobilisierungswerkzeug, über das ich Leute, die einen prinzipiell wählbar finden, mobilisieren kann. Internet ist im Gegensatz zum Fernsehen ein "heißen Medium", auf das ich reagieren muss und das ich beeinflussen kann. Europa hinkt im Einsatz des Internets als Mittel zur Mobilisierung allerdings noch massiv hinterher.

derStandard.at: Trotzdem "lohnt" sich die Internetkommunikation via Blog, Podcast u.a. für politische Zwecke?

Hofer: Ein Blecha-Blog lohnt sich natürlich weniger als ein Blaha-Blog. Einfach weil Barbara Blahas Zielpublikum eher im Netz zu finden ist, als Karl Blechas. Nutzt man die Tools zielgerecht, dann lassen sich sicher viele Menschen mobilisieren.

derStandard.at: Lehnt man diese "Mittel" auch häufig noch als Propagandamittel ab?

Hofer: Die Grenzen sind hier bestimmt fließend. Ein großer Unterschied zu den USA: Von manchen Parteien wird Politikkommunikation im Netz lanciert, weil man das "eben braucht". Inhalte und Konzept scheint dabei nebenrangig. Nur wenige Blogs und Seiten sind bei uns wirklich auf dem allerneuesten Stand. In den USA ist dafür einfach mehr Geld da. Und es gibt viel mehr Verästelungen, "Meet up groups", Interessensgemeinschaften die Kandidatinnen oder Parteien im Web unterstützen. Von den "Kautschukfarmern für Bush" angefangen bis was weiß ich. moveon.org haben zum Beispiel ganz massiv für die Demokraten Stimmung gemacht.

derStandard.at: In wiefern sind Ihrer Meinung nach Kontaktaufnahmeformulare, Politikerweblogs, Diskussionsforen oder Web TV schon unverzichtbares Mittel der politischen Kommunikation in Österreich?

Hofer: Die steigende Bedeutung sieht man, eine Wahl wird sicher auch in Zukunft nicht im Netz entschieden. Noch konzentriert man sich in Österreich auf die älteren WählerInnen, unterschätzt die Gruppe der Jugendlichen, die sich über Webkampagnen natürlich am ehesten angesprochen fühlen.

derStandard.at: Welche Partei, welche PolitikerInnen setzen diese Form der Kommunikation in Österreich am professionellsten ein?

Hofer: Wie gesagt: ich orte bei jeder Partei Verbesserungsbedarf. Aber mir scheint, als wären die Grünen hier noch am professionellsten, rein was den Einsatz von neuen Tools betrifft. Das Tagebuch des Peter Pilz könnten man ja schon als legendär bezeichnen. Hier werden die Kernzielgruppen ganz gut bedient. Auch die Seite von Ferry Maier hat durchaus schrägen Witz, den man von der ÖVP-Wien gar nicht erwarten würde.

derStandard.at: Politische Schlammschlachten im Internet haben in den USA auch schon Tradition. Könnten die nächsten Wahlen 2010 auch schon zu "You tube"-Wahlen werden?

Hofer: Schlammschlachten können über das Internet natürlich wunderbar lanciert werden, weil man relativ einfach den Adressaten verschleiern kann. Für eine gewisse Zeit kann das sicher auch unter der Wahrnehmungsschwelle der Gegner erfolgen. (Manuela Honsig-Erlenburg, derStandard.at, 17.4.2007)

  • Zur Person: Thomas Hofer ist selbstständiger politischer Berater, Analyst und Buchautor. Sein bekanntestes Buch: "Spin Doktoren in Österreich. Die Praxis amerikanischer Wahlkampfberater". LIT Verlag.

    Zur Person: Thomas Hofer ist selbstständiger politischer Berater, Analyst und Buchautor. Sein bekanntestes Buch: "Spin Doktoren in Österreich. Die Praxis amerikanischer Wahlkampfberater". LIT Verlag.

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