Zum Nachtisch einen "Clio 16-Ventiler"

31. Juli 2000, 09:05

Neue Wege der Internetauktion machen den Autokauf zur unvorhergesehenen Schnäppchenjagd

"Sie werden das dynamische Styling lieben, bei Bedarf seine Muskeln spielen lassen, sein sportliches Temperament einsetzen . . ." So sind sie, die Texte der Autowerber: Krawallpoesie, egal ob es um Polo, Clio, Saxo, Corsa oder sonstwas geht. Von solchen Sprüchen wie von Renault ließ unsereiner sich noch nie beeindrucken. Glaubt man.

Seit Tagen beobachten meine Lebensgefährtin und ich uns aber bei einer merkwürdigen Übung. An uns fährt kein Clio vorbei, ohne dass wir genau Styling, Farbe, Geräusch oder Felgen registrieren.

Wir haben nämlich soeben einen für 142.542 Schilling (10.359 EURO) gekauft. Wie er aussehen soll, darüber muss noch beraten werden. "Zwei Türen sind genug", sagt sie. "Denk an unsere Kleine hinten, also vier Türen", sage ich. Fix ist nur, dass das Gefährt ein "tech run" sein wird, eine flotte Variante mit 98 PS, 16 Ventilen, ABS, vier Airbags und Sportsitzen.

Wir sind zufrieden, obwohl wir den gerade verschrotteten VW Golf eigentlich durch einen gebrauchten Polo ersetzen wollten. Schuld ist E-Commerce im Allgemeinen, derstandard.at und der Netzbetreiber Tele.ring im Speziellen. Gemeinsam mit dem Autohaus Renault Wien haben Erstere in ihrem "xstore", einem virtuellen Auktionshaus, eine Verführung der besonderen Art gestartet. Wir sind ein "Opfer".

Das Ding nennt sich "Top-Down-Auktion" (eine auf den Kopf gestellte Versteigerung) und versprach "die heißeste Aktion des Sommers". Die ging so: Eine Woche lang wurden - beginnend mit dem kleinsten Modell bis hinauf zum Espace - Renaults zum Listenpreis ausgerufen, der dann im Stundentakt (und Countdown) um jeweils ein Prozent gesenkt wurde. Der erste, der "Jetzt kaufen" anklickte, bekam den Zuschlag.

Wer solcherart ein Auto zu kaufen bereit ist, darf vor allem nicht auf einen Fahrzeugtyp fixiert sein. Warum? Weil andere oft schneller sind.

Wir hätten fast schon beim ersten und kleinsten zugeschlagen, als eine Super-Komfortversion bei 117.000 S stand, 25 (!) Prozent unter dem Listenpreis. Da wir mit dem Twingo aber wenig anfangen konnten, gingen wir noch schnell Abendessen, zum Überlegen. Dann war er weg.

Beim Clio (Ausrufpreis 179.800 Schilling) waren wir weniger gierig: Bei knapp 21 Prozent "unter der Liste" schlugen wir zu, etwas schneller als die übrigen 3000 User mit Zigtausenden Zugriffen. Technisch war das ein Kinderspiel zwischen Hauptgang und Kaffee (Kreditkarte vorausgesetzt): Kaufbestätigung per Mausklick, eine Anzahlung von 25.000 Schilling wird abgebucht. Der Rest ("rot bitte, vier Türen") läuft ab wie ein normaler Autokauf: Zubehör gegen Aufpreis, Zahlungsabwicklung bei der Abholung. Bei viel Glück ersteigert man sein Gefährt auch noch während einer Sommeraktion für Klimaanlagen und ordert das Auto somit ein Viertel unter dem Listenpreis. ( Thomas Mayer)

Share if you care.