Hintergrund: Heiß umkämpftes kurdisches Territorium

19. April 2007, 17:54
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Türkei durch Kurden-Ansprüche im Nordirak zunehmend irritiert - mit Infografik

Ankara/Wien - Die Türkei hat neuerlich vor Versuchen gewarnt, die irakische Vielvölkerstadt Kirkuk in das kurdische Autonomiegebiet einzugliedern. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warnte den Chef der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) und der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak, Massud Barzani, vor "großen Worten", unter denen er "zu Grunde gehen" werde. Barzani hatte in einen Interview gesagt, im Falle einer Einmischung der Türkei in Kirkuk werde man sich "in Diyarbakir und anderen türkischen Städten (mit großem kurdischen Bevölkerungsanteil) einmischen".

Bereits im Jänner hatte Erdogan gesagt, er befürchte, dass es dann zu einem "sehr großen Bürgerkrieg kommen wird". Ankara befürchtet, dass eine kurdische Kontrolle über die an Ölvorkommen reiche Region um Kirkuk zur Entstehung eines auch wirtschaftlich lebensfähigen kurdischen Separatstaates im Nordirak führen könnte. Vier Jahre nach dem von den USA militärisch erzwungenen Regimewechsel in Bagdad steht die Kurdenfrage mehr denn je im Spannungsfeld arabischer, türkischer und iranischer Interessen. Mehrfach ist es seit der Niederwerfung des Regimes von Saddam Hussein durch die USA schon zu blutigen Zusammenstößen zwischen kurdischen, arabischen und turkmenischen Einwohnern Kirkuks gekommen. Verlässliche Statistiken über die Zusammensetzung der Bevölkerung gibt es nicht.

Eigenständiges Gebiet

Die Kurden verfügen seit 1991 über ein de facto eigenständiges Gebiet innerhalb der irakischen Staatsgrenzen, nachdem ihnen das von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs propagierte Selbstbestimmungsrecht vorenthalten worden war. In den Provinzen Arbil, Sulaimaniya und Dohuk entstand unter westlichem Schutz eine kurdische Selbstverwaltung, auf die Bagdad keinen Zugriff hatte. Abgesichert wurde sie von den USA und Großbritannien, die das Gebiet nördlich des 36. Breitengrades zur "Flugverbotszone" erklärt hatten.

Gouverneur von Kurdistan

Während der Zerstückelung des Osmanischen Reiches nahmen britische Truppen 1919 den einflussreichen Kurdenführer Scheich Mahmud Berzenci, der ihnen bei Sulaimaniya schwere Verluste zugefügt hatte, gefangen und deportierten ihn nach Indien. Nach der Schaffung des arabischen Königreichs Irak zu Gunsten des Haschemiten-Fürsten Faisal durch die britische Mandatsmacht wurde am 24. Dezember 1922 vom Völkerbund eine Absichtserklärung veröffentlicht, die den Kurden eine Selbstverwaltung in einem Teil des neuen Staates zuerkannte. Die Engländer holten Berzenci aus dem indischen Exil zurück und setzten ihn als "Gouverneur von Kurdistan" ein. Aus taktischen Gründen stellten sie ihm sogar ein unabhängiges Kurdistan in Aussicht.

Neue Friedensregelung

Doch auf der Konferenz von Lausanne vereinbarten die Briten mit den kemalistischen Türken eine neue Friedensregelung. Dabei ging es hauptsächlich um die Grenzziehung zwischen der Türkei und dem Irak (in dessen Namen das British Colonial Office die Verhandlungen führte). Für Kurden und Armenier war in Lausanne kein Platz. Da die Türken Mossul wegen des Erdölreichtums der Region nicht aufzugeben bereit waren, entschied man sich für eine Konfliktlösung unter Kontrolle des Völkerbundes, der Ende 1925 ganz im Sinne Londons beschloss, Südkurdistan mit Mossul dem Irak zu überlassen. Die britischen Mandatsträger wurden gleichzeitig verpflichtet, eine "Garantie" für die Kurden abzugeben. Diese fand ihren Ausdruck in einem "Lokalsprachengesetz", das in einigen Gebieten den kurdischen Sprachunterricht an Grundschulen ermöglichen sollte.

Großer Aufstand

1930 kam es zu einem großen bewaffneten kurdischen Aufstand, dem weitere folgen sollten. Die unter britischem Kommando stehende irakische Luftwaffe bombardierte zahlreiche Kurdendörfer. 1937 schlossen der Irak, der Iran und die Türkei den Vertrag von Saadabad, der insbesondere der gemeinsamen Bekämpfung der Kurden dienen sollte. 1943 rief der Stammesführer Mulla Mustafa Barzani nach seiner Flucht aus britischer Gefangenschaft zum Aufstand auf. Er hielt der britisch-irakischen Offensive stand, musste aber 1945 mit zehntausend seiner Anhänger in den Iran ausweichen, wo im Jänner 1946 unter sowjetischem Schutz die kurdische "Republik von Mahabad" ausgerufen wurde. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen richtete die iranische Armee ein Blutbad an, Barzani rettete sich mit knapper Not ins Moskauer Exil.

Im August 1946 wurde im Irak in Abwesenheit Barzanis die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) gegründet, die ihn zum Vorsitzenden wählte. Der blutige Putsch in Bagdad vom Juli 1958 vernichtete die Haschemiten-Monarchie und beendete zugleich den britischen Einfluss im Irak. Die Revolutionsverfassung definierte Araber und Kurden als "gleichberechtigte Partner". Im kurdischen Lager war man jedoch hinsichtlich des Umsturzes geteilter Meinung, es brachen interne Flügelkämpfe aus. Das Regime von General Abdelkarim Kassem legalisierte die KDP, Barzani kehrte als Volksheld aus der Sowjetunion zurück. Doch die den Kurden gemachten Konzessionen wurden schon bald widerrufen, 1961 begann mit CIA-Hilfe der kurdische Aufstand gegen Bagdad.

Waffenstillstand

Der panarabisch ausgerichteten Baath-Partei, die 1968 durch den Putsch von General Ahmed Hassan al-Bakr an die Macht kam, misstrauten die Kurden. Dennoch kam es 1970 zu einem Waffenstillstand. Bagdad verkündete die Gleichberechtigung der kurdischen Sprache in den Siedlungsgebieten und die Gründung einer kurdischen Universität. Ein Kurde, Taha Mohieddin Marouf, wurde Vizepräsident der Republik Irak. Von der Autonomie ausgenommen war allerdings die mehrheitlich kurdisch besiedelte Ölprovinz Kirkuk. 1972/74 griff die KDP - von amerikanischen Ratgebern ermutigt - wieder zu den Waffen, Bagdad antwortete mit Massen-Zwangsumsiedlungen. Barzani hoffte vergeblich auf den Sturz des Baath-Regimes. Das auf Betreiben Washingtons geschlossene Algier-Abkommen zwischen dem Irak und dem Iran von Schah Mohammed Reza Pahlevi machte 1975 alle kurdischen Hoffnungen zunichte. Jalal Talabani verließ die KDP und gründete seine eigene Bewegung, die "Patriotische Union Kudistans" (PUK). Heute ist Talabani irakischer Staatspräsident. (APA/red)

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