Wie man dem Elend zur Probe sitzt

25. April 2007, 17:00
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Max Goldt liest am 9. und 10. Mai im Wiener WUK aus seinem Buch "QQ" - Quiet Quality: Neues Schlagwort aus den USA für alles, was nicht schreit und spritzt - Mit Gewinnspiel

Der Mann hat schon gegen in "jargonverliebter, leichtfertiger und unpräziser Pop-ist-gleich-Politik-Sprache verfasste Bücher" geschrieben, "die eine ganze Generation meinungsfreudiger, aber auf Nachahmung angewiesener Autoren versaut hat", lange bevor die Popliteratur längst wieder freudig – und natürlich von der falschen Seite – zu Grabe getragen wurde. Wie auch dieses Zitat aus seinen jüngsten, in der Satirezeitschrift Titanic während der vergangenen zwei Jahre publizierten und jetzt für den Band QQ zusammengefassten Kolumnen verdeutlicht: Der 48-jährige Berliner Autor erweist sich seit mittlerweile gut 20 Jahren als laut der deutschen Tageszeitung taz "zuverlässiger Seismograf sprachlicher Verwerfungen". QQ steht laut Goldt dabei für "Quiet Quality – stille Güte. Ein neues Schlagwort aus den USA für alles, was nicht schreit und spritzt." Angesichts des medialen Dauerplärrens tatsächlich eine erstrebenswerte Taktik gegen infantile Geschwätzigkeit und eitles Geschmäcklertum?

Max Goldt vertritt in seinen in wunderbar altertümlichem, allerdings nur scheinbar umständlichem Deutsch verfassten und vom Tempo her hin zur bürgerlichen Jovialität gedrosselten Texten nicht nur oft auch trotz aller Humorigkeit einen streng moralischen Standpunkt. In der Nachfolge des allzu früh verstorbenen deutschen Humoristen Robert Gernhardt werden hier auch stilistisch brillante Höhenwanderungen zu unerwarteten Zielen unternommen, die am Ende sehr tief nach unten, in die Weichteile unserer Gesellschaft zielen.

Die modischen Begriffe "Unterschicht" und "Prekariat" seziert der Autor ebenso genüsslich, wie er in immer wahnwitzigeren Volten seinen Assoziationen gern einen Drall ins Absurde verleiht. Nicht umsonst beklagt der durchaus auch zornig werden könnende Goldt etwa im wunderbaren Text Ein Querulant hört was knarren das Verschwinden der Aufsässigkeit um ihrer selbst willen in unserer durch großen affirmativen Willen und überzogene Harmoniesucht gekennzeichneten Zeit: "In meiner Kindheit gab es noch Leute, die aus lauter Lebensleere und Herzensödheit durch die Stadtviertel patrouillierten und alle falsch geparkten Autos aufschrieben, deren Kennzeichen sie der Polizei aus Telefonzellen durchgaben. Gern trugen sie eine Aktentasche, in der nichts drin war. In unseren gewandelten Zeiten aber, zumal im Land der notorischen Gelassen- und Unverkrampftheit, der ganzjährigen Badeurlaubsatmosphäre, der öffentlich zelebrierten Nachmittagsfrühstückerei, hat der Querulant einen schweren Stand. Wo soll er hin mit seiner Energie?" Möglicherweise führt sie ihn zum Online-Posten oder, altmodischer formuliert, zum Schreiben kleinlicher Leserbriefe.

Vom "fröhlichen Patriotismus" ist weiters die Rede, davon, wie man dem Elend Probe sitzt, von Fernsehmusik, Migrationshintergrund, Prokrastination oder traumatischer Dentalhygiene. Kurz, hier wird die Dummheit der Welt von einem darüber keinesfalls bitter gewordenen teilnehmenden Beobachter am Beispiel ihrer Sprache verhandelt. (Christian Schachinger, ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 04/05.05.2007)

>>>Weitere Kritik von Franz Thalmair: Entrümpeltes "Phrasengerümpel" (26.04.2007)

Entrümpeltes "Phrasengerümpel"

Irgendwo am Ende des ersten Drittels von Max Goldts QQ, inmitten der für die erste Generation mit dauerhaften Aufmerksamkeitsdefiziten portionierten und durchdacht komponierten Assoziationsketten, platziert der Autor den "häßlichsten deutschen Satz", ein Phrasengerümpel an dem er gnadenlos vorexerziert, was mit Buchstabenfolgen alles verkehrt laufen kann:

"In schonungslos verknappter Sprache bringt er (Anm.: der Künstler) die alltägliche Gewalt auf die Bühne und liefert so eine radikale Bestandsaufnahmen des Lebensgefühls einer Generation."

Floskelscheusal

Dieser Auszug aus einer Theaterrezension zeichnet sich nicht etwa durch "unharmonische Vokalfolgen" oder "grammatische Unbilligkeiten" aus, sondern durch die "Dummheit und Bedenkenlosigkeit" seines "Phrasengerümpels". Und dennoch - oder gerade deshalb - lässt sich auch QQ selbst durch dieses "Floskelscheusal" beschreiben. Gehen wir es, um bei den Worten des Autors zu bleiben, "von vorn bis hinten" durch.

Aus der "Fülle kulturgeschichtlicher Möglichkeiten" wählt der 1958 in Göttingen (D) geborene Goldt genau jene Methoden "verknappter" Sprache aus, die einen am Ende vor Lachen "an der rohen Kartoffel ersticken" lassen. Beim Bruch mit der "alltäglichen Gewalt" von Mittdreißigern schöpft er durch beiläufige Bemerkungen gerade über den Alltag dieser Generation schonungslos "aus der Fülle" und "knapst nicht herum".

Der Leser bekommt dadurch "nach guter Künstlerischer Art" eine "radikale Inventur" dessen "um die Ohren gehauen", "was vorhanden ist und was fehlt". Das Buch ist für Menschen geschrieben, "die auf einer Altersstufe stehen" und die durch ein "gemeinsames Lebensgefühl" vereint sind oder denen dieses zumindest durch "Pop, Werbung und Alltagsgebrabbel" vermittelt wird bzw. die es selbst durch "Pop, Werbung und Alltagsgebrabbel" vermitteln.

Max Goldt wird bald 50 Jahre alt und ist sich der Tatsache bewusst, dass das Wort radikal "ohnehin nur noch in historischen Zusammenhängen seriös verwendet" werden kann. Er gibt sich von vornherein nicht dem Irrtum hin "mal was radikal anderes" zu machen und macht - vielleicht genau aus diesem Grund - zwar nichts radikales, aber zumindest etwas anderes.

Groteske Satire

Der mit Literaturpreisen für grotesken Humor und literarische Satire ausgezeichnete Autor sagt sich: "Das Ich altert nicht! Große Erkenntnis!" und stellt die Fragen nach dem, was die "Floskelanten" dazu zu sagen haben: "Man ist so alt, wie man sich fühlt. Was für ein matter, fauler Unsinn!" Man merkt sie ihm nicht an, seine knapp 50 Jahre, Goldt wirkt wie seine vermeintliche Zielgruppe des Mittdreißigers, der sich selbst - "rosig und frisch" - auf einen "prominent zu platzierenden Merkzettel" das Attribut alt zuschreibt.

Einziger Wermutstropfen: Als Österreicher bleibt einem zum Teil die bundesdeutsche Kulturspezifik verborgen. Der Leser kann aber davon ausgehen, dass auch jene wenigen Passagen "eine Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation in schonungslos verknappter Sprache" sind und deshalb nicht weiter bei der Lesung im WUK (9./10. Mai 2007) stören. (Franz Thalmair/derStandard.at, 26.04.2007)

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Lesung: 9./10. Mai 2007, WUK
Ein Tipp des Autors: "Dem Publikum: Immer schön hingehen und an der Kasse nicht um Ermäßigungen feilschen."
  • Daniel Kehlmann über den Autor über "QQ" (Rowohlt): "Max Goldt gehört gelesen, gerühmt und ausgezeichnet." --- und im WUK (9./10. Mai 2007) gehört! Gewinnspiel
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