Den Neuronen auf die Sprünge helfen

26. Juli 2007, 13:29
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Die Erregung unteraktiver Neuronen kann antidepressiv wirken. In Vorarlberg und Tirol wird der Einfluss von Transkranieller Magnetstimulation erforscht.

Man nennt sie "Seelenfinsternis", "Leiden an der Welt", "Schwermut","Weltschmerz", "Melancholie". Romantisierende Umschreibungen machen aus der Volkskrankheit Depression ein seelisches Wehwehchen. Depressiven Menschen gehe das Gefühl verloren, "man kann nichts mehr empfinden", sagt Andreas Conca (46), Privatdozent für Psychiatrie an der Medizinischen Universität Innsbruck. Depressionen mit "Traurigkeit oder Verstimmung" abzutun sei ein fataler Irrtum. Als Oberarzt am Landeskrankenhaus Rankweil/Vorarlberg sucht er nach optimalen Behandlungsmethoden.

Pionier

Seit mehr als zehn Jahren erforscht Conca die Zusammenhänge zwischen Aktivitätsveränderungen des Gehirns und Depression, wurde zum Pionier der Transkraniellen Magnet-stimulation. Conca: "Beim depressiven Syndrom verändert das Gehirn seinen Aktivitätszustand. Besonders betroffen sind Nervenzellgruppen des vorderen Stirnlappens, überwiegend links." Mit Transkranieller Magnetstimulation (TMS) werden diese unteraktiven Neuronen aktiviert, um eine antidepressive Wirkung zu erzielen.

Beinahe zeitgleich mit Forschungsgruppen in den USA, Spanien und Israel beschrieb Andreas Conca 1996 die Transkranielle Magnetstimulation als nicht invasive Methode zur Stimulation betroffener Hirnteile. Bislang wurden von Concas Team 93 Menschen behandelt, die Hälfte davon mit Erfolg. Die TMS arbeitet mit starken, pulsierenden Magnetfeldern. Durch eine Kupferspule am Kopf dringen pulsierende Magnetfelder individuell abgestimmter Intensität durch die Schädeldecke ein. Die Magnetfelder erzeugen elektrische Spannung, greifen in die Kommunikation der Hirnzellen ein. Die Behandlung ist beinahe schmerzfrei.

Dilemma für Junge

Am besten wirke die TMS bei "jungen Menschen mit leichter bis mittelgradiger depressiver Ausprägung, die noch keine anderen Therapien hatten". Warum gerade bei jungen Menschen? "Ein depressiver Zustand, der sich öfter wiederholt, ruft im Gehirn weitere Veränderungen hervor, die mit dieser Therapie nicht mehr behandelt werden können", erklärt der Psychiater. Wichtig sei daher die Früherkennung von Depressionen. Conca: "Die Crux ist, dass Betroffene mit ersten Symptomen wie Verstimmungen oft recht locker umgehen, andererseits aber eine Scheu haben mitzuteilen, dass es ihnen nicht gut geht." Concas Faustregel: "Wenn Stimmungszustände, die an eine Depression erinnern - wie Freudlosigkeit, Lustlosigkeit, Interesselosigkeit - länger als 14 Tage andauern, ist das ein Alarmsignal für eine Depression." Hilfe suche man am besten zuerst beim Hausarzt.

Optimale Behandlung nur für Bruchteil

Dort ist etwa die Hälfte der geschätzten 400.000 depressiven Österreicherinnen und Österreicher in Behandlung. Bei einem Drittel wurden Depressionen tatsächlich diagnostiziert, optimal behandelt werden hingegen nur 36.000 Betroffene, also nicht einmal zehn Prozent, ist dem "Konsensus-Statement Depression" der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie zu entnehmen. Die Kassen gaben 2005 etwa 81,3 Millionen Euro allein für Antidepressiva aus.

TMS nicht immer Alternative

Die TMS sei nicht in jedem Fall eine Alternative zur medikamentösen Therapie, sagt Andreas Conca. "Wir haben gehofft, dass wir ohne Psychopharmaka, nur mit Psychotherapie und TMS auskommen können. Diese Hoffnung hat sich nicht bestätigt. Es wäre eine TMS-Behandlung zwischen drei und sechs Wochen notwendig, um die gleiche Wirksamkeit wie mit Antidepressiva zu erzielen." Als Alternativbehandlung habe sich die TMS aber für Menschen bewährt, die auf Antidepressiva nicht ansprechen, starke Nebenwirkungen haben oder aus Überzeugung keine Antidepressiva nehmen. Ein weiterer Vorteil der Behandlungsmethode: Sie kann die Latenzzeit, jene Zeit bis zur Wirksamkeit eines Medikaments oder einer Therapie, verkürzen.

Für TMS-Behandlungen müssen sich Ärztinnen und Ärzte Zeit nehmen. Pro Patient und Behandlungstag 40 bis 60 Minuten und das drei bis vier Wochen lang. Conca: "Das ist natürlich aufwändiger als das Verschreiben eines Medikaments." Dafür baue man einen "ganz besonderen Kontakt zu diesen Patienten auf". Was wirklich helfe, die TMS oder der tägliche Kontakt, sei schwierig zu differenzieren.

Fehlende Anerkennung

Noch wird die TMS in Österreich skeptisch gesehen und von den Kassen nicht bezahlt. Für den Nachweis der Wirksamkeit fehle den Studien die große Zahl, lautet die Hauptkritik. Conca verweist auf die weltweite Datenbank von 1500 Fällen. "Die TMS-Wirksamkeit auf Aktivierung oder Deaktivierung, Erregung oder Hemmung von Neuronen lässt sich durch bildgebende Verfahren nachweisen." Die Ansprechbarkeit könne man aber nicht vorhersagen.

Zur Optimierung der Methode bedürfe es mehr Forschung und Mittel. Aber auch einer generellen Einsicht: "Wir müssen in der Psychiatrie, in der gesamten Medizin lernen, dass ein Wirkungsmechanismus nicht mit Wirksamkeit gleichzustellen ist." Concas vorläufige Zwischenbilanz: "Die TMS gibt uns Einsicht in depressive Zustände, neue Möglichkeiten und Hoffnung." (DER STANDARD, Printausgabe, Jutta Berger, 10.4.2007)

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    Freudlosigkeit, Lustlosigkeit, Interesselosigkeit sind ernst zu nehmende Hinweise auf eine Depression. Die Transkranielle Magnetstimulation ist in manchen Fällen eine Alternative zu Antidepressiva.

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