Sehnsucht nach Entscheidungen

  • André Glucksmann findet, dass Frankreich eine Art Revolutionär brauche.
    foto: standard/christian fischer

    André Glucksmann findet, dass Frankreich eine Art Revolutionär brauche.

Der Philosoph André Glucksmann im STANDARD-Interview über die französischen Präsidentschafts-
kandidaten, über Menschenrechte, Terrorismus und Israel

Standard: Sie fahren gerade durch Deutschland und stellen Ihr Buch "Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens" vor. In Frankreich ist Wahlkampf, dort haben Sie nicht versäumt, öffentlich eine Stimme für den konservativen Kandidaten Sarkozy abzugeben. Warum?

André Glucksmann: Ich glaube, dass Frankreich eine Weichenstellung braucht - deswegen Sarkozy. Ich verspreche mir von ihm eine energische Entscheidung. Warum diese notwendig ist, verdeutlicht ein Blick aus Frankreich auf Deutschland: Da haben wir zwei Nachbarländer, beide mit einer sozialen Marktwirtschaft. Beide müssen das System verbessern, es braucht Einschnitte. Ich konstatiere: Deutschland macht das viel besser. Die Armut ist nicht so ausgeprägt, und das Land hat immerhin 16 Millionen "Ossis" absorbiert. Frankreich hat in derselben Zeit fünf Millionen Menschen in den Banlieues praktisch aufgegeben. Ségolène Royal sagt: Fünf Jahre sind genug. Sarkozy sagt: Dreißig Jahre sind genug.

Standard: In den vierzig Jahren seit 1968 sehen Sie Frankreich in einem posthistorischen Zustand gefangen, aus dem Sarkozy das Land befreien soll?

Glucksmann: Die Posthistoire ist das Bewusstsein dieser vierzig Jahre. Die Jugendlichen haben einen Paria-Status, und es passt zu den "napoleonistischen" Methoden der Politik, sie auszugrenzen, es ihnen schwer zu machen. Dazu kommt das, was ich "die Versuchung von Combray" nenne, eine Idealisierung des ländlichen Frankreich auf linker wie rechter Seite.

Der dritte Mann, der Kandidat Francois Bayrou, präsentiert sich als "Traktor", als "la France profonde". Dabei dürfen wir nicht vergessen: Die Bauern, das sind drei Prozent der Bevölkerung ...

Standard: ... die aber in der EU eine wichtige Rolle spielen.

Glucksmann: Die kosten der EU viel Geld. Bayrou betont immer wieder, dass seine Wurzeln auf dem Land sind. Bei Proust lernen wir aber: Leben auf dem Dorf heißt auch Grausamkeit, Gerede, Kontrolle. Bayrou verkörpert eine Nostalgie. Nicht das Filmfestival in Cannes ist das wichtigste Festival in Frankreich, sondern der Landwirtschaftliche Salon. In Frankreich waren die Historiker immer das, was in Deutschland die Philosophen sind. Seit Michelet leben wir mit einer imaginären Vergangenheit. Davon lebt Bayrou.

Standard: Wenn Sie nun eine "rupture" erwarten, eine Unterbrechung, einen Einschnitt - ist das nicht erst recht eine "napoleonistische" Kategorie?

Glucksmann: Es ist eine revolutionäre Kategorie! Von Heinrich IV. gibt es diese Devise: Mir ist es lieber, wenn wir zwei konkurrierende Kirchen haben, als wenn Paris in Flammen aufgeht. - Das ist eine "rupture", eine revolutionäre Unterbrechung der Glaubenskriege, aber eben auch eine Entwurzelung, weil das Band zur einen christlichen Wahrheit durchtrennt wurde. In ähnlicher Weise braucht es heute einen Revolutionär. Man hat bemerkt, dass Frankreich keine ländliche Nation mehr ist. Heute wechselt man Job, Wohnort, Partner. Es gibt keine Bindungen mehr. Die Fähigkeit, die Wurzeln abzuschneiden, ist die "rupture".

Standard: Wir haben gelernt, dass der Terrorismus die gefährlichste Unterbrechung ist.

Glucksmann: Es gibt kriegerische und demokratische Unterbrechungen. Man hat es nach dem Fall der Mauer in Europa gesehen. Die Unterscheidung im demokratischen Sinn war Václav Havel. Er hat nicht Krieg geführt, als die Tschechoslowakei zerfallen ist - und jetzt sind Tschechien und die Slowakei in der EU.

Dagegen steht der Fall Milosevic: Auch so konnte der Sozialismus zerfallen - kriegerisch und mit einer neuen Ideologie des Ultranationalismus.

Standard: Sie nennen die "Entmarxung" der französischen Intelligenz als Ihre wichtigste Leistung. Solschenyzin ist für Sie der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, weil er den Gulag beschrieben hat. Waren die Verbrechen im Kommunismus schlimmer als die der Nationalsozialisten?

Glucksmann: Sie beziehen sich auf den deutschen Historikerstreit. Natürlich sind Marxismus und Faschismus nicht dasselbe, und man kann nicht sagen, dass der Faschismus nur eine Reaktion auf den Marxismus oder Bolschewismus war. Aber sie haben sich gespiegelt, es gab etwas zwischen ihnen, durch das sie "zusammengeklebt" sind. Nehmen Sie die Geschichte in Ruanda: Wie nennt man die Art und Weise, wie die Hutus den Tutsis den Garaus gemacht haben? Genozid? Mitterand war auf der Seite der Täter. Er sagte: Die Tutsis sind Aristokraten, und die Hutus sind das Volk, und das Volk macht, was es will. - Ich sage nicht, dass das Gute relativ ist, sondern dass das Schlechte relativ ist. Das Inhumane ist der gemeinsame Nenner zwischen Ultranationalismus und Ultrarassismus, zwischen Faschismus und Kommunismus.

Standard: 1968 waren Sie kurz "Anarchomaoist". Wie schätzen Sie die Lage in China ein?

Glucksmann: China ist eine "ägyptische" Gesellschaft. Die Bauern haben gar keine Rechte, die Oberschicht, die Nomenklatura der Partei und der Armee haben alle Rechte. Der "Pharao", in diesem Fall die Partei, gebietet über die beste Wissenschaft, die Technologie, die Konsumgüter. Eine Milliarde Menschen lebt wie Sklaven. 300 Millionen in den Städten haben die Privilegien.

Das Land ist moderner als Russland, das von Rohstoffen lebt, während China sich schon in eine Fertigungsgesellschaft weiterbewegt. Die Demokratie geht aber nicht wie eine Sonne auf. Man muss sie unterstützen. Die Menschenrechte sind auch aus Eigennutz wichtig. Unterdrückung der Wahrheit führt zur Katastrophe - das hat man bei Sars und Aids gesehen.

Standard: Sie schreiben, man könne die Menschenrechte nicht positiv, sondern nur negativ aus Erfahrung der Inhumanität begründen.

Glucksmann: Das ist der große Unterschied zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert. Um 1900 glaubte Europa zu wissen, wie die Menschen leben sollen, heraus kamen totalitäre Regime. Heute wissen wir weniger - vielleicht ist das besser.

Standard: Wie lässt sich aber die von Ihnen vertretene Form der Menschenrechte gegenüber dem Islam vertreten?

Glucksmann: Man kann die Zivilgesellschaften unterstützen - das ist das Erste. Warum haben in Algerien die Militärs gegen die Islamisten die Seite der Frauen, der Demokraten, die Journalisten eingenommen? Aus Eigeninteresse. Man kann Allianzen schmieden zwischen echten Demokraten und den Gruppen, die aus Eigeninteresse gegen den Fundamentalismus sind.

Standard: Ihre Meinung zu politischen Positionen in Israel?

Glucksmann: Die einen sind zu pazifistisch, die anderen zu kriegerisch. In Israel denken die Menschen, dass sie das Land retten, wenn sie guten Willens gegenüber den Arabern sind - links gesagt - oder ihnen hart entgegentreten - rechts gesagt. Beide Gruppen glauben, dass sie die Zukunft in der eigenen Hand haben. Das halte ich für einen Irrtum.

Die Frage Israel hält im Nahen Osten Regimes zusammen, die sich nur durch diese Negation definieren können. Der Westen muss die Frage Israel beantworten, indem er sich der Problematik der autoritären Regime in der Region stellt. Das übergreift die Probleme der Palästinenser. Das ist eine Frage der Zivilisation oder des Terrorismus, und nicht eine des dritten Weltkrieges zwischen dem Islam und dem Westen.

(DER STANDARD, Printausgabe 10.4.2007)

Mit André Glucksmann sprach Bert Rebhandl

Zur Person
André Glucksmann (Jahrgang 1937) lebt in Paris und ist ein Vertreter "Neuen Philosophie". Zuletzt erschien von Glucksmann das autobiografische Erinnerungsbuch "Wut eines Kindes, Zorn eines Lebens" (bei Nagel & Kimche)

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