Hell. Weiß. Licht.

10. April 2007, 09:07
13 Postings

Osterputz. Weihnachtsputz. Das wird von den Müttern gelernt. Marlene Streeruwitz über Rituale der Reinigung

Das Schlimme am Osterputz ist ja, dass frau nie zufrieden sein kann. Irgendeine Ecke ist dann doch übrig geblieben. Nicht gereinigt. Irgendeine Lade ist nicht ausgeräumt und ausgewaschen und wieder eingeräumt worden. Als ginge ein dunkles Blinken dann von dieser Stelle aus, sitzt frau in der frischen Wohnung. Die Blumen sind in den Vasen aufgestellt worden. Als letzter Schritt des Frühlingseinzugs. Aber das Chaos hat sich erhalten. In der nicht aufgeräumten Lade. Oder der Ecke hinter dem Kasten, in die die riesengroßen Röntgenbilder geschoben wurden. Zuerst. Und dann eine alte Schultasche und ein zerbrochener Spiegel. Und ein Büroordner. Und.

Osterputz. Weihnachtsputz. Das wird von den Müttern gelehrt. Die Töchter fragen dann, was das soll. Es werde doch das ganze Jahr ohnehin aufgeräumt. In der eigenen Wohnung dann. Da gibt es sie wieder. Die Rituale der Reinigung. Ich kenne nur diese matrilineare Weitergabe an die Töchter. Es wäre interessant, eine Umfrage bei Hausmännern zu machen. Ob sie diese Rituale übernehmen. Oder ob sie das Jahr in einem epischen Gleichmaß hindurch aufräumen.

Gebändigtes Chaos

Anfang und Ende werden in so einer alles umfassenden dramatisch zugespitzten Putzaktion behandelt. Eine Erbschaft von immer her ist das. Es erinnert an die Entfernung aller Gegenstände aus dem Haus und die genau vorgeschriebene Reinigung des Hauses und der Gegenstände nach einem Todesfall. Nachdem der betrauerte Tote aus dem Haus geschaffen wurde. Die Spuren des Verstorbenen werden beseitigt. Gebannt. Keine Erinnerung soll den Geist des Verstorbenen an den Ort der Lebenden ziehen. Die Sauberkeit des Hauses und der Gegenstände bedeutet die Bannung der Geister der Toten. Das Leben hat wieder Platz. Geordnetes Leben, in dem das Chaos gebändigt ist.

Und da sind wir wieder bei der nicht aufgeräumten Lade. Bei der nicht aufgeräumten Ecke. Da sind wir bei der Vergangenheit, die sich angesammelt hat. Mit ihren Versatzstücken. Mit den immer nur von einem selber lesbaren Symbolen des eigenen Lebens. Bei den Motivsammlungen, die eine beschreiben. Die das Leben schon währenddessen als eine Strecke von Verlassenschaften beschreiben. Und. Die Lade wurde ja nicht aufgeräumt, weil sich wieder die Frage gestellt hätte, was nun weggeworfen werden sollte. Und in der Ecke wurde nur kurz mit dem Staubswiffer hineingewedelt. Was sollte mit den Lungenröntgen denn geschehen. Sollen sie als Beweis der Gesundheit aufbewahrt werden. Für dann. Als Erinnerung an die Gesundheit. Einmal. Früher. Wir sammeln viele Grabsteine während des Lebens. Und sie werden nur von uns selber gelesen werden. Und wie werden Röntgenaufnahmen und MRI Bilder entsorgt.

Sperrmüll-Termine

Der Vorgang der Reinigung birgt Entledigung. Bei der schwäbischen Kehrwoche ist das das ausgesprochene Ziel. Die Sperrmülltermine. Da geht es ganz offen um diese Entledigung, und die Nachbarn gehen von Sperrmüllhaufen zu Sperrmüllhaufen und geben ihr Urteil ab. Ob genügend Erneuerung in den Häusern zu erwarten ist. Ob genügend Altes vor die Tür gestellt wurde, um Neuem Platz zu schaffen. Gesellschaftliche Kontrolle ist das. Aber Rituale beschreiben gesellschaftliche Ordnung und stellen sie her. Rituale vertreten die Ordnung der Gesellschaft im Haus. In der Wohnung. Im Schwäbischen wird dann eben kontrolliert, ob die wirtschaftlichen Anstrengungen im Haus den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen. Wenn viel ausgemustert wird, wird viel gekauft werden müssen, und dann wird das Geld dafür verdient worden sein. Die Durchführung von Ritualen gibt ja Auskunft über die Beziehung von Gesellschaft und den Personen.

Rituale beziehen sich auf Zeit, heben Zeit aber auf. Unser Osterputz leitet sich vom Beginn des Frühlings her. Vom Frühlingsmond, unter dem das Leben der Natur neu beginnt. Die alte Zeit ist zu Ende. Neues Leben. Neue Ernte. Die alte Zeit wird betrauert. Speisevorschriften drücken diese Trauer aus. Keine Tiere werden geschlachtet und deshalb kein Fleisch gegessen. Zeichen der Trauer werden ins Gesicht gemalt. Es wird Abbitte bei der alten Zeit geleistet, dass sie verlassen werden wird und eine neue begonnen.

Rituelles Fasten

Wir haben all diese Vorgänge in den christlichen Ritualen erhalten. Aschenkreuz. Fasten. Mit der rituellen Reinigung in der Ostermesse ist diese Trauer abgeschlossen. Das alte Jahr ist vorbei. Das neue wird begonnen. Die neue Zeit wird gefeiert. Es gilt, sich die neue Zeit geneigt zu machen, damit Glück und Segen auf die Menschen komme. Auf das Vieh. Auf das Land. Und auf die Ordnung. In der Zeit der Trauer zahlen die Untergebenen dem König Steuern. In der Zeit des Feierns macht der König den Untergebenen Geschenke. Die Reinigungsrituale sind die Passage von der Zeit der Trauer in die Zeit des Festes. Der Übergang, der selbst keine Zeit hat.

Ein kleiner, magischer Rest dieser Geschichte des Rituals der Reinigung ist wohl in dem Imperativ verborgen, mit dem uns solche Aufträge weitergegeben werden. Es liegt ja etwas Zwingendes in diesem Gebot, das sich auch bei Nichtbefolgen ausdrückt. "Meine Mutter hat das so gemacht. Ich mache so etwas nicht mehr. Für so etwas habe ich keine Zeit. Meine Mutter hat so etwas noch machen können." Aber irgendwie kenne ich kaum eine, die nicht einen Rest aus diesem Ritual befolgte. Der Ostertisch mit der besonders weißen Tischdecke oder den besonders frischen Farben. Der Osterstrauß, der die neue Fruchtbarkeit beschreibt. Neue Kleidung. Der Osterspaziergang, der sich an die eigene Auferstehung aus den grimmigen Reinigungsritualen weit vergangener Kultur erinnert. Eine Auferstehung ins neue Jahr, die für uns in die Auferstehung Jesu symbolisiert wurde.

Heilig

Hell. Weiß. Licht. Und alles rein. Nach dem Haus wurden dann ja die Körper gereinigt. Heilige Wasser und heiliger Atem. Im Ritual wurde vereinbart, wer welche Aufgaben und daraus welche Rechte und Pflichten hatte. Weihwasser. Das Weihwasserkreuz auf die Stirn gemalt, der Person Schutz zu verleihen. Der Hauch des Atems im Segen. Im Kuss.

Während der Zeit der Reinigung selbst steht die Zeit still. Sie wird zur Zeit aller Reinigungen. Eine Zeit außerhalb der Zeit. Ein wenig lässt sich das spüren, wenn einer beim Putzen all die anderen Zeiten des Putzens einfallen. Und wie das war. Wie die Kinder klein waren. Wie sehr sich das Alleinsein gerade bei solchen Gelegenheiten schwer über eine legte. Die allein erziehende Mutterschaft. Eine Last war das, weil das Ritual ja eine Ordnung in der Familie bestätigen hätte sollen, die aber zerbrochen war. Zerbrochen worden war. Der Abstand zu den Entwürfen wird da in aller Größe sichtbar. Die Kontrollfunktion des Rituals übte sich da vollkommen aus. Und machte sichtbar. In der Undurchdringbarkeit längst postmoderner Nichtgesellschaft und in der Unerreichbarkeit der übergebenen Auftragsstruktur war das eine Beschreibung. Der Abstand der verfügbaren Möglichkeiten zu den milieukatholischen Idealen unserer Gesellschaft wurde so messbar.

Kauf-Rituale

Dieser Abstand war früher deutlicher zu sehen. Ob diese Ideale verblasst sind und so dieser Abstand keine Rolle spielt. Oder ob diese Ideale nicht einfach in die Verwirtschaftlichung aller Lebenszusammenhänge aufgesogen wurden. Das wird sich herausstellen. Die Frage ist doch, ob Rituale, wie die der Reinigung. Ob die nun in tief angelegte Kaufzwänge verwandelt worden sind. Oder ob die tief angelegten Erinnerungen an die Rituale erhalten sind und das Kaufverhalten sich erst daraus entwickelt. Die Frage ist also, wie versehrt oder unversehrt die Rituale gespeichert sind. Sind also die weißen Hochzeiten, wie sie gerade in bürgerlicheren Kreisen Höchstkonjunktur haben. Sind diese weißen Hochzeiten das Ausleben der Rituale weiblicher Reinigungsvorschriften. Oder sind diese Hochzeiten Surrogate dieser Rituale. Rituale sind patriarchale Ordnung. Rituale sind die Sprache des Patriarchats. In dieser Sprache fiel der Anteil des Weichen, Fruchtbaren, Sinnlichen, Sexuellen, Verderblichen und Sterblichen den Frauen zu. Die Natur. Sterben und Werden. Das Haus. Die Kinder. Das waren die Bedeutungen, die den Frauen zufielen und die die Frauen weitergaben. Alles andere wurde von den Priestern und Männern gesprochen. Der König vereinigte dann alles in sich.

Welche Regelungen sich die verschiedenen Kulturen für ihre Heiratspolitik auch entwickelten. Bei uns verlässt die Braut das Haus ihrer Eltern. Die Frau beginnt also ein neues Leben an der Seite ihres Mannes. Der Eintritt in dieses neue Leben bedarf wieder des Beendens des alten Lebens. Das Alte wird zurückgelassen. In der Aussteuer ist der Neuanfang beschrieben. Neue Wäsche. Neue Kleider. Neue Möbel.

Frauenbeziehung

In den mittlerweile engeren und persönlicheren Verbindungen von Müttern mit ihren Töchtern. Wir leben ja nur in der Erinnerung eines Patriarchats im Fluss einer Auflösung der Männlichkeitsbilder. Das ist auch nur eine Folge der Verwirtschaftlichung und hat keine andere Absicht, als die Männer ebenso verfügbar zu machen. Aber. Die Frauen in den Familien können freundlichere Beziehungen zueinander entwickeln. Diese langen und ausgeklügelten Hochzeiten. Die in einer lang ausgedehnten Feier die Gereinigtheit der Frau vorführen müssen. Die über eine Hochzeitsmesse, eine Agape, einen Empfang und dann ein Dinner in möglichst feudaler Umgebung die weißgekleidete Braut über viele Stunden in der aufgehobenen Zeit des Rituals als Reine zur Erscheinung bringen. Diese Hochzeitsanzeigen, die die Adresse genau angeben, an der die Geschenke abzugeben sind. Die Geschenke, die daran erinnern, dass es um Fruchtbarkeit geht. Ewig lange Zeremonien sind das, die einen jungfräulichen Zustand beschwören. Eine Reinheit. Unversehrtheit. Ein Lebensanfang wird nachgestellt. Die guten Wünsche in den vielen Küssen gehaucht. Die Säfte des Lebens in den Trinksprüchen beschworen.

Die Rituale der Reinigung sind verloren gegangen. Der Zustand der Reinheit wird unendlich verlängert. Wahrscheinlich geht das, weil es diesen Zustand nicht gibt. Jungfräulichkeit ist ja nicht mehr Ausdruck dieser Reinheit. Das muss Kleid und Inszenierung darstellen. Ein Theater dieser Reinheit wird aufgeführt. Eine Vorstellung davon gegeben. Abgesehen davon, dass es sich um eine globalisierte Mode handelt. Die Frage ist auch hier, ob es sich um die Vernutzung des Rituals handelt oder um die Durchführung. Wird hier die Sprache des Rituals gesprochen oder in einer Übersetzung in Konsum zur Selbstdarstellung benutzt. Das wäre eine Vorführung des Rituals zu dessen Gegenteil. Zur Abgrenzung von der Gesellschaft und nicht zur Einordnung. Und welche dieser Möglichkeiten bedeutet den bindenderen Rückgriff auf die magische Ebene des Rituals. Und lassen sich diese magischen Ebenen überhaupt so einfach verlassen.

Für den Osterputz habe ich mich entschlossen, diesem Reinigungsgebot zu folgen. Das Chaos bricht ja schon am nächsten Tag ganz sicher wieder aus. Bis dahin aber sind die bösen Geister gebannt. Ein bisschen. (DER STANDARD print, 7./8./9.4.2007)

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at
Share if you care.