Auf hunderten Umwegen zum Ich

13. April 2007, 13:49
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Rolf Dobelli schrieb einen Fragenkatalog, der sich von selbst verlängert

Fast wäre er in einem Schema gelandet. Nach drei Romanen meint man, Rolf Dobelli als Porträtisten von Managern in Krisen zu kennen. Möglicherweise autobiografisch gefärbt, hat sich der Schweizer Ex-Finanzmann und derzeitige Buch-Digest-Unternehmer (getabstract.com) mit den Bruchstellen in Schweizer Unternehmerkarrieren befasst.

Doch nun hat er sich eines sehr anderen helvetischen Vorbilds angenommen. Die Fragebögen aus Max Frischs Tagebuch 1966-1971 mit insgesamt fast 300 Denkanstößen für die Leser inspirierten Dobelli zu einer Variante - für das neue Jahrtausend, für eine neue Generation, teilweise, wie bei Dobelli gehabt, für mitteleuropäische Aufsteiger. Aber nicht nur.

In 23 Kapiteln, vom Leben bis zum Tod, stellt Dobelli dem Leser 777 indiskrete Fragen, vom Offensichtlichen (Liebe, Gefühle, Freunde: "Fällt es Ihnen leichter, sich in Ideen oder in Menschen zu verlieben?") zum Metaphysischen (Gott: "Glauben Sie, dass Gott mit Ihnen fühlt?") und zum nicht Kategorisier-baren (Ohne Titel, zum Beispiel: "Kennen Sie Tiere, die weinen?").

Nun waren Fragenkataloge als mehr oder weniger ernsthaftes Mittel der Selbsterkenntnis bereits im 19. Jahrhundert beliebt. Doch so leicht wie bei einem Gesellschaftsspiel macht es einem der Verfasser hier nicht, und so schnell wie bei Marcel Prousts berühmten Fragen kommt man auch nicht zum Ende. Im Gegenteil, wer die Fragen auch nur ein wenig ernst nimmt, gerät bald ins Sinnieren und Zögern und mag manchmal froh sein, bei der Beantwortung nicht unter Beobachtung zu stehen.

Dobelli listet nicht Probleme auf, denen jeder sich mindestens ein Mal im Leben stellen muss, wie das bei Frisch erwartet wird. Vielmehr nutzt er den einen oder anderen saloppen Anlauf ("Lieben Sie sich noch, oder mögen Sie sich schon?"), um den Leser auf Fragen zu stoßen, die zu beantworten so schwierig wie unumgänglich sein mag: "Wieviel Wahrheit verträgt eine gute Ehe?" Gelegentlich gibt er selbst fast zehn Antwortmöglichkeiten vor. Und in den meisten dieser Fälle führen seine Fragen zu weiteren im Kopf des Lesers, auf vielen Umwegen und mit Glück gelangt er zu deren - und seinem - Kern.

So verlängert sich Wer bin ich? im Lauf der Lektüre. Es in einem Aufwasch durchlesen zu wollen ist nicht ratsam, ist fast unmöglich. Umso mehr bietet sich an, das Buch irgendwo aufzuschlagen und sich auf die plötzlichen Tiefen einzulassen, durchaus mit einem risikobereiten Partner. (Michael Freund - ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07/08/09.04.2007)

Rolf Dobelli, "Wer bin ich? 777 indiskrete Fragen". € 15,40/144 Seiten. Diogenes, Zürich 2007.
  • Rolf Dobelli, "Wer bin ich? 777 indiskrete Fragen". € 15,40/144 Seiten. Diogenes, Zürich 2007.
    buchcover: diogenes verlag

    Rolf Dobelli, "Wer bin ich? 777 indiskrete Fragen". € 15,40/144 Seiten. Diogenes, Zürich 2007.

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