Alte Sünden - Neue Einfachheit - Lukratives Gewerbe - Kurze Meisterwerke

13. April 2007, 13:49
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Benajamin Blacks(a.k.a. John Banville): "Nicht frei von Sünde" - Thomas Askan Vierichs: "Tödliche Delicatessen" - Roberto Mistrettas: "Die dunkle Botschaft des Verführers" - Håkan Nesser: "Aus Doktor Klimkes Perspektive"

Alte Sünden

Hinter dem Pseudonym Benjamin Black verbirgt sich niemand anderer als John Banville, der sich einen Seitensprung ins Krimi-Metier erlaubt. Der Mann mit der mysteriösen Biografie heißt Quirke und ist Pathologe in Dublin. Die junge Frau, die er obduziert, hat einen gefälschten Krankenakt und eine unglaubwürdige Todesursache. Quirke ist neugierig, und das bekommt ihm schlecht. Er scheucht eine fanatische, religiöse Vereinigung auf, die einen schwunghaften Handel mit Babys "gefallener" Frauen treibt und diese an die irische Society in Boston weiterreicht. Black entwickelt seine schillernden Charaktere mit Bedacht und bleigrauer Melancholie; hier befindet sich einer auf der Suche nach sich selbst und verliert sich. Nicht frei von Sünde (Deutsch: Christa Schuenke, € 20,50, Kiepenheuer & Witsch) ist ein Familiendrama, das sich jeder Schablone entzieht.

Neue Einfachheit

Der gefürchtete Gastrokritiker Pompl fällt mit dem Gesicht in den Lieblingspudding und ist tot. Kein guter Start für das Berliner Nobelrestaurant, in dem eine Trendwende weg vom aufgemotzten Fress-Event hin zur schlichten, aber hochprofes-sionellen Küche ausgerufen werden sollte. Pompls Frau bleibt gefasst, der junge Journalist Alfred, Pompls Kolumnen-Nachfolger, scheint vom Ableben des scharfzüngigen Ungustls zu profitieren. Die nachgelassenen Papiere Pompls bergen Überraschungen und sorgen für unerwartete Entwicklungen. Thomas Askan Vierichs Tödliche Delicatessen (€ 20,50, Europa Verlag) sind überaus amüsant und boshaft, wenn es um Köche, Küchen und Schwarzgeld geht, aber eher patschert, was die Dialoge zwischen Alfred und seiner betuchten Zukünftigen betrifft. Das Pärchen wird im nächsten Krimi nach Wien übersiedeln.

Lukratives Gewerbe

Der cholerische Maresciallo Bonanno, von seiner Frau verlassen und von seinem unerzogenen Köter geplagt, ist nicht aufgeschreckt, als ein kleiner Zuhälter zusammengeschlagen wird. Der Ganove hatte in seiner Wochenendabsteige vorwiegend dunkelhäutige Prostituierte beherbergt, und nicht wenige örtliche Honoratioren hatten zufällig in der Gegend zu tun. Ein darauf folgender Mord und kompromittierende Fotos machen Bonanno mehr zu schaffen. Was zuerst wie eine gewöhnliche Erpressung aussieht, entpuppt sich als abscheuliches Verbrechen. Roberto Mistrettas Die dunkle Botschaft des Verführers (Deutsch: Katharina Schmidt, € 18,50, edition Lübbe) ist überaus drastisch und dazu angetan, einem Albträume zu verschaffen. Mistretta ist eine weitere kräftig lokal gefärbte Stimme aus Sizilien, sein einsamer Maresciallo Bonanno ein Original.

Kurze Meisterwerke

Über die Schwierigkeit, eine Novelle zu schreiben, reflektiert Håkan Nesser in der ersten Geschichte aus der hinreißenden Sammlung Aus Doktor Klimkes Perspektive (Deutsch: Christa Hildebrandt, € 20,60, btb). Im morbiden Venedig will sich ein Schriftsteller Anregungen für sein nächstes Werk holen. Er trifft auf ein unsterblich verliebtes Paar, das gemeinsam Selbstmord begehen will. Das klappt nicht ganz, und der Schriftsteller gerät in eine mehr als missliche Lage. In der titelgebenden Erzählung geht es um ein gemein ausgedachtes moralisches Dilemma zwischen Vater und Sohn. "Das Leben steckt so voller beunruhigender und schrecklicher Ereignisse, dass es vollkommen ausreicht, daneben zu stehen und zuzusehen", meint eine der Figuren. Zum Glück schaut Håkan Nesser zu und schreibt es auf - meisterlich, vor allem in der kurzen, konzentrierten Novelle.

(Ingeborg Sperl / ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 07/08/09.04.2007)

  • Benjamin Black: "Nicht frei von Sünde", Deutsch: Christa Schuenke, € 20,50, Kiepenheuer & Witsch
    buchcover: kiepenheuer & witsch

    Benjamin Black: "Nicht frei von Sünde", Deutsch: Christa Schuenke, € 20,50, Kiepenheuer & Witsch

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