Heunt raucht der Vesuvius, poz bliz

13. April 2007, 13:49
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Dieter Richter hat die Geschichte(n) des Vesuvs aufgeschrieben: Ein großes, geisterhebendes Schauspiel", "das schönste Schauspiel, das Europa zu bieten hat"

Besucher der südlichen Hälfte Italiens wie der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe oder der französische Diplomat Charles de Brosses waren im 18. Jahrhundert hingerissen von der majestätischen Wucht des nahe Neapel gelegenen Vesuvs. Dieser Vulkan riss die weit gereisten Europäer, die die Theorieschulen jenes Säkulums, die Empfindsamkeit, das Erhabene und das Sublime sowie etwas später die stets neugierige, unablässig forschende Aufklärung durchlaufen hatten, zu emphatischen Reaktionen hin. Der vierzehnjährige Mozart berichtete seiner Schwester aus Neapel: "Cara sorella mia, heunt raucht der Vesuvius, poz bliz und ka nent aini."

Selbst ein so notorisch zurückhaltender Autor wie Franz Grillparzer bekannte 1819 in für ihn geradezu exaltiertem Ton: "Habe Dank, Natur, daß es ein Land gibt, wo du heraus gehst aus deiner Werkeltags-Geschäftigkeit und dich erweisest als Götterbraut und Weltenkönigin, habe Dank!" Und noch Mitte des 20. Jahrhunderts bekannte der französische Schriftsteller Roger Peyrefitte in Vom Vesuv zum Ätna schwärmerisch: "Italien ist das letzte Land auf Erden, in dem man noch das Glück zu leben genießt." Um allerdings den kritischen Nachsatz hinterherzuschieben: "Das zeigen uns die Menschen, auch wenn sie selbst schon nicht mehr daran glauben."

Das zeigt uns aber auch die Landschaft, wie Dieter Richter mit Der Vesuv. Geschichte eines Berges, seiner geokulturellen Monografie des 1944 letztmals aktiven Vesuvs demonstriert. Der italophile Hochschullehrer aus Bremen ist ein ausgewiesener Kenner Neapels und seiner Umgebung. In den vergangenen Jahren gab er eine literarische Einladung nach Kampanien heraus, edierte August Kopischs Bericht über die Blaue Grotte auf Capri sowie Berichte von Reisenden und Briganten, veröffentlichte ein Buch über Pinocchio und eine prägnante, informative Geschichte Neapels, jener Stadt, in der, folgt man der pointierten These des italienischen Journalisten und ironischen Spötters Beppe Severgnini, ein "kollektiver Individualismus" regiert, "ein Oxymoron, zu dem anderswo auf der Welt nicht viele fähig sind".

Der Vesuv, der "schönste aller Berge Kampaniens", so schon der römische Historiker Florus, kann auf rund 27.000 Jahre Geschichte zurückschauen. An der so genannten Subduktionszone der afrikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte entstand als Folge vulkanischer Aktivitäten der "Paläo-Somma". Regelmäßig verheerte der ausbrechende Vulkan die Umgebung und zerstörte die umliegenden Siedlungen. So geschehen, wie Ausgrabungen ergaben, bereits im Jahr 1775 v. Chr.

Dank der Aufzeichnungen des römischen Naturforschers Plinius des Älteren ist der Vesuvausbruch im August '79, über den der Engländer Robert Harris einen historischen Action-Bestseller verfasste und bei dem Pompeji und Herculaneum verschüttet wurden, tausende von Menschen umkamen und diese bei wohlhabenden Römern beliebte Region der Wärme, des Müßiggangs, des Lasters und des Weinanbaus jahrelang brach lag, gründlich dokumentiert.

Richter schildert lebendig, wie der Vesuv im Lauf der Jahrhunderte immer wieder für Staunen und Schrecken sorgte. Und auch für Bewunderung, wie die Literatur seit dem Barock wortmächtig demonstriert. So titulierte ihn der Dichter Giovanni Apolloni in "Vesuvio ardente" als "des Bacchus Thronsitz, der Pomona Schatzhaus, der Venus Lustgemach, der Flora Garten, der Chloris Brautgemach, Parthenopes ja aller Wunderdinge Theater". Gerhart Hauptmann nannte den Berg einen "majestätischen Verbrecher". Walter Benjamin hoffte 1924 während seines Aufenthalts auf einen Ausbruch - vergeblich. Für Friedrich Nietzsche war der Vulkan ein Monument vitalistischer Aufladung. "Baut eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in unbekannte Meere!", schrieb der Philosoph während der sechs Monate, die er in Sorrent lebte und den Vulkan vor Augen hatte.

Zugleich wurde der Vesuv ob seiner Zugänglichkeit zur Geburtsstätte der Vulkanologie. Der Seismograf wurde hier entwickelt, die älteste wissenschaftliche Forschungs- und Überwachungsstation auf ihm errichtet. Richter geht ebenso ein auf die Gefahren, die trotz Latenz noch immer vom Vesuv ausgehen und die aufgrund der urbanistischen Verdichtung, der sich ihm immer stärker annähernden Bebauung und Ausdehnung der Orte rings um ihn akut verschärfen. Schön schildert Richter auch die religiösen Kulte um Neapels Schutzheiligen San Gennaro, dem mehrfach die Errettung der Stadt zugeschrieben worden ist.

Wem ist schon bekannt, dass Pompeji täglich zwei Besucherströme empfängt, zum einen die an Archäologie interessierten Touristen, zum anderen Gläubige, die diesen prominenten Ort der Marienanbetung aufsuchen. "Der Vesuv ist die Magmakammer der Erinnerung der Neapolitaner": Sein feinsinniges Bonmot bestätigt Dieter Richter auf jeder Seite seines mit sichtbarem Vergnügen gestalteten und mit vielen schönen Illustrationen ausgestatteten Bandes, bei dem man sich nur eines wünscht - dass er etwas umfangreicher wäre. (Alexander Kluy / RONDO/DER STANDARD, Printausgabe, 07/08/09.04.2007)

Dieter Richter, "Der Vesuv. Geschichte eines Berges". € 25,20/224 Seiten mit zahlreichen Abb. Wagenbach Verlag, Berlin 2007.
  • Ewige Faszination: Goethe, Grillparzer und Nietzsche zog es in seine Nähe - und manchen Maler, wie unlängst im Museum Liechtenstein zu sehen. 
Michael Wutky (1739-1822), "Der Ausbruch des Vesuv über dem Golf von Neapel gesehen".
    abb.: museum liechtenstein

    Ewige Faszination: Goethe, Grillparzer und Nietzsche zog es in seine Nähe - und manchen Maler, wie unlängst im Museum Liechtenstein zu sehen. Michael Wutky (1739-1822), "Der Ausbruch des Vesuv über dem Golf von Neapel gesehen".

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