Das Buch, das keines sein will

  • Auf "Lust" und "Gier" folgt "Neid" als dritte der Todsünden. Im Bild: "Invidia" von Pieter Brueghel d. Ä.
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    Auf "Lust" und "Gier" folgt "Neid" als dritte der Todsünden. Im Bild: "Invidia" von Pieter Brueghel d. Ä.

Elfriede Jelinek nennt ihren lange erwarteten jüngsten Roman "Neid" einen "Privatroman". Und veröffentlicht ihn fern des Verlagssystems auf ihrer Homepage. Derzeit 63 Seiten – Kapitel 1

Wien – Was macht eine Nobelpreisträgerin, die sich längst selbst über den Kopf gewachsen ist? Elfriede Jelinek, die Riesentheaterpuppe und Autorgottheit, schrumpft sich zu menschlicher Größe und alles Monumentale zur kleinen Lebenswelt und schreibt einen "Privatroman", aber öffentlich, auf ihrer Homepage.

Was sie ins Netz stellt, ist nicht das liebe Tagebuch von Krethi und Plethi, aber es redet mehr von der Privatperson E. J. als die meisten ihrer früheren Texte, mehr auch als Die Kinder der Toten. Neid ist, nach Lust und Gier, das dritte ihrer Bücher (um bei dem Hilfsausdruck zu bleiben) zu den Sieben Todsünden.

"Cave cave deus videt" steht im Zentrum des Bildes von Hieronymus Bosch, das hier als "Cover" dient: Hüte dich, Gott und die Autorin sehen alles. Mit dem Neid wird die über die Maßen Ausgezeichnete wohl auch so ihre privaten Erfahrungen gemacht haben.

Von Anfang an war der Roman, wie die Autorin, noch privater, mitteilt, als reines Netzwerk geplant, ein ästhetisches Experiment, aber schon auch ein Ausfallschritt gegen den Literaturbetrieb, in dem der Verlag sich zwischen Produzentin und Konsumenten drängt. Neid ist weit gediehen, aber noch nicht fertig, im fünften und letzten Kapitel schlägt der Text "sozusagen einen Haken".

Was bis jetzt "vorliegt", ist das erste Kapitel, 63 Seiten, auch einzeln abrufbar. Es tut sich auf: eine Stadt wie Eisenerz, ein Berg wie der Erzberg, ein See wie der Grüne See, einmal mehr die Welt als Steiermark. Die heimelige Atmosphäre einer fast verlassenen Goldgräberstadt: Politisch ist der Bezirk immer noch rot, wirtschaftlich ist er tot. Es geht um das Überleben des Menschen in der arbeitslosen Zeit, auch der Berg wird abgebaut, anders als früher, aber ausgedient hat er nicht (Schaubergwerk!), selbst Tote versprechen Profit und: "Gestorben wird immer" – E. J. sieht, so viel ist klar, Six Feet Under. Ein Facelifting zur Fremdenverkehrsmustergemeinde soll helfen, die ober-steirische Tristesse verblühter Betriebe und Arbeiter(innen) stört. Zwischen Spaßfaktor und Substandard, Golfklub und AMS, haben die meisten keine Wahl.

Brigitte K.

Beim Zitieren aus dem Buch, das keines ist, versteht die Autorin jedenfalls keinen Spaß, es ist verboten, halt, da steht ja auch ein Schild: "Privat". Schließlich wurde sie selbst geklagt, von verletzten Persönlichkeiten, weshalb sie sich hütet, Berg und Flur mit Namen zu nahe zu treten. Da ist also die Stadt und in der Stadt Brigitte K. (von ihrem Mann verlassen wegen einer Jüngeren, eindeutig ihre Privatsache), eine Lehrerin, nicht fürs Klavier, sondern für die Geige. Da ist das Strukturproblem, das Landesproblem, das Weltproblem der Wirtschaft, die Wert schöpft von den Mühlen der Ebene, aber die am Berg oben oder in den Galeeren unten durstig lässt, hungrig, auch tatendurstig, arbeitshungrig, das sage ich jetzt so – wie E. J. das sagt, das müssen Sie auf S. 2 nachlesen oder meinetwegen auf S. 23, tut mir Leid. Pech für Sie, wenn Sie keinen Computer haben.

Und da ist eben die Frau Autorin, die sich ein bisschen kokett in Selbstbezichtigung übt, die sagt, was sie schon oft gesagt hat, und dass sie es schon oft gesagt hat und man es ihr vorgehalten hat und dass sie schweigen wird, aber das eh nicht kann, tut ihr Leid. Nicht schweigen kann vom Sport, vom Geschlechtsunterschied, von den Toten. Ja, auch an der Eisenstraße, am Präbichl, hat es einen Todesmarsch gegeben, nach Mauthausen, im April 1945 haben Volkssturmzornige 200 Menschen umgebracht. Immerhin ist in der Erzstadt jetzt die Jugend am Erinnerungswerk, das bringt aber auch kein Leben in den toten Winkel. Österreich habe gewonnen, meinte die Dichterin einmal zu ihrem Lebenskampf, aber offenbar war das noch nicht die letzte Runde.

Himmelsmächte

Der private Netzroman ersetzt die Zeitungsglosse, ist stets topaktuell; die Böhler-Voest-Fusion kommt noch nicht vor, dafür die Heuschrecken-Fonds, die Industrieruinenbaumeister, die dreifach vergessliche Mutter aus Linz, der politische Ironman Karl-Heinz G. (Kitzbühel erhält einen Kosenamen, der assonant auf eine magenentleerende Körperfunktion anspielt), Paris Hilton und Angelina Jolie, wobei das Problem des Verfallsdatums der Autorin bewusst ist, gleich mehrfach.

Haltbar sind nur Himmelsmächte, an die sie nicht glaubt, ausgenommen die Musik, die allein sogar Eisenmenschen zum Schmelzen bringt, weshalb die Geisterstadt an ihrer Musikschule nicht sparen dürfte, nicht nur wegen Brigitte K.! Überhaupt: Die Kinder sollen nicht bloß Griffe lernen, sondern Musik begreifen. Ganz ernst ist es der Diplomorganistin mit der seelenveredelnden Wirkung des Zusammenspiels, mit einer Utopie der strengen Kammermusik.

Beim Schreiben ist sie ein bisserl lockerer. Gebraucht ein exaktes Futur exakt, unterbricht jedoch ungeniert Kausalketten, um sich darin zu verheddern, überprüft bewährte Sätze (auch bewehrte) im Crash-Test, bedient sich literarischer Eigenblutkonserven und frischt mit Fremdem auf, von Artmann bis Bernhard. Haben wollen, was andere haben, so sind wir. Manchmal weiß man aber nicht, ob man das haben will, was man hat. Die Hauserbin als Rächerin der Enterbten bleibt unverdrossen und gäbe doch wohl zu: Jesus war anders.

Auf Privatgrund

Angesichts von so viel souveräner Selbstbelächlung müssten Kritiker vor Neid erblassen. Wer E. J.s Privatgrund betritt, trifft auf eine eher rührende als aufrührerische (und gewiss nicht ang’rührte) Hausfrau, die ihren Sarkasmus gleich mit der Heilsalbe appliziert.

Die "private" E. J. lässt einen Schleier fallen (aber nur einen) und zeigt sich dabei weder kunst- noch kopflos. Schwach riecht man die Blaue Blume. Ein waidwundes Klavier, eine todgeweihte Kuh machen die Erz-Schelmin echt traurig. Ließe man sie nur, hielte sie es mit Gottfried Keller: "Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt."

Der Text, wie er da steht, immateriell, kostenlos, flüchtig, mit ein paar Tippfehlern, eignet sich immerhin zur romantischen Ironie – er selbst erinnert die Netzleserschaft an ihre Lizenz zum Schließen und Löschen. Jedoch: Fortsetzung folgt. (Daniela Strigl / DER STANDARD, Printausgabe, 07/08.04.2007)

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