Bauern ohne Ausdünstung

13. April 2007, 13:38
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Liechtenstein Museum und Albertina widmen sich unabhängig voneinander dem Wiener Biedermeier: Die Gleichzeitigkeit von Weltverklärung und visionären Vorgriffen auf die Moderne findet ein Publikum

Wien – Biedermeier zeigt sich stets als Nebeneinander von Genre und Karikatur, von verklärendem Zauber und Vorgriff auf die Moderne. Die Fürsten von und zu Liechtenstein waren davon durchaus angetan. Alois Josef I. etwa unternahm, getrieben von einer damals recht modernen vagen Sehnsucht nach dem Einfachen, viele Reisen durchs Salzkammergut gemeinsam mit Joseph Höger und erwarb infolge dessen überhöhte Ansichten der beliebten Seenlandschaft bei jeder Witterung.

Dass jenes ersehnte Einfache so gut wie immer wider jede Realität war, hinderte niemanden daran, es dennoch in situ zu finden. Ideal musste Ideal bleiben. Weil den Reiz am anderen Alltag, an dem der Bauern und Handwerker, will man sich ja nun wirklich nicht durch womöglich sehr üble Gerüche oder gar den Schorf auf der Haut der Magd vermiesen lassen. Und so lieferten Georg Ferdinand Waldmüller & Co Ansichten von Idealbauern samt den ihnen dankbar untergebenen Idealmägden, von pausbackigen Idealkindern, von wettbewerbstauglichen und treuen Wachrüden, von tadellos schicksalsergebenen Familienverbänden in tadellos sitzenden, unbefleckten Trachten. Und lieferten, so ganz nebenbei, malerisches Handwerk vom Feinsten.

Den Kern der eben im Wiener Liechtenstein Museum präsentierten Biedermeiersammlung der Familie wurde direkt bei den wesentlichen Künstlern der Zeit beauftragt und angekauft. Johann Kräftner, der Direktor der Sammlungen, war und ist zudem in der glücklichen Lage, diesen Kern um das Beste zu erweitern, was der Markt hervorbringt.

Die Wiener Albertina schreibt parallel dazu dem Biedermeier gleich die Erfindung der Einfachheit zu, die sofort als Stil wie auch als "ethische Haltung" nach dem Wiener Kongress von der Haupt- und Residenzstadt aus in andere Kunstzentren Mittel- und Nordeuropas gestrahlt hat. Dieser für den Aufbruch der Moderne um 1900 so einflussreiche Stil des frühen Wiener Biedermeier mit seiner Reduktion und Materialästhetik wird im Rahmen der Ausstellung als internationales Phänomen präsentiert – mit den Parallelerscheinungen in Goethes Weimar, in München, Berlin und Kopenhagen. Mit 450 Exponaten von fast 100 Leihgebern behandelt die Schau die Frühgeschichte des Biedermeier als "modernen" Stil, dessen Entstehung tief in den bedeutendsten Fürstenhäusern Europas wurzelt. Zu den wichtigsten Leihgebern zählen das Danske Kunstindustrimuseet Kopenhagen, das Museum für Angewandte Kunst Prag, die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg Potsdam sowie das Wiener Hofmobiliendepot. Dem nicht genug, lockt die Albertina zusätzlich mit einer Auswahl von 140 Werken des Künstlerkreises um Peter Fendi, einem der bekanntesten Aquarellisten und Impulsgeber der Genremalerei, hin zum Sittenbild des Biedermeier. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Printausgabe, 07/08.04.2007)

  • Peter Fendi, "Das vorsichtige Stubenmädchen", Öl auf Holz, 1834
    foto: liechtenstein museum

    Peter Fendi, "Das vorsichtige Stubenmädchen", Öl auf Holz, 1834

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