Grundbirnen und Sackgeld

13. April 2007, 13:49
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Stephan Alfare erzählt in "Das Schafferhaus" von einer Kindheit in Vorarlberg als Bub, dem man es nicht rechtmachen kann, dem nichts gefällt, was Buben sonst gefällt

Kindheitsgeschichten gibt es wie Sand am Meer. Man neigt daher dazu, von einem neuen Buch dieses Genres das ganz Besondere und Noch-nie-Dagewesene zu erwarten. Dabei sind eine eigene Stimme und eine authentische Form schon sehr viel.

Stephan Alfare erzählt in Das Schafferhaus einerseits von einer ziemlich normalen Kindheit in Vorarlberg – der Ich-Erzähler Paul Eva Schaffer wächst als Sohn eines Arztes zunächst in Dornbirn, dann in Götzis auf. Andererseits, und das ist das Eigenwillige an diesem Buch, lädt er nicht zur Identifikation ein, ja, er agiert geradezu als Antiheld: Das ist ein Bub, dem man es nicht rechtmachen kann, dem nichts gefällt, was Buben sonst gefällt: Er mag nicht fischen und nicht auf einer Berghütte übernachten, er freut sich nicht einmal über den Hund, den der Vater nach Hause bringt. Auf Paul Eva (welch ein Name!) lastet die öde Freizeitgestaltung seiner Eltern wie ein über ihn verhängtes Urteil. Viel ist von Hass die Rede, so etwas wie Glück empfindet er nur auf dem rostigen Fahrrad eines kleinen Mädchens. Wenn im Klappentext die Schuldzuweisung klar erscheint – da sind die "Grausamkeit" und "Lieblosigkeit" der Erwachsenen, die "Repressalien von Großfamilie, Dorfverband und Kirche" – so verweigert der Autor in Wahrheit die Stilisierung des Protagonisten zum Opfer.

Nicht die Eltern sind an seiner allumfassenden Lustlosigkeit schuld, schließlich pflegt Paul Eva seine Wünsche nicht zu artikulieren: "Ich sagte nichts, ich sagte nie etwas." Gewiss, Vater und Mutter zwingen den Buben handgreiflich, sie beim sonntäglichen Messbesuch zu begleiten. Das ist aber auch schon das Repressivste, was ihnen einfällt. Der Vater ist ein weicher Mann, der sich ab und zu besäuft, ohne aggressiv zu werden, ein Pfeifenraucher, Fischer, Geiger und Hobbyfilmer, der eine Geistergeschichte seines zehnjährigen Sohnes immerhin ernst genug nimmt, um sie zu verfilmen. Die Mutter ist mit den vier ihrer Kontrolle zusehends entgleitenden Kindern offenbar überfordert, als gutes Zureden nicht mehr hilft, besprengt sie sie, wenn sie das Haus verlassen, aus der mit Weihwasser gefüllten Schnapsflasche.

Alfares Sprache ist schmucklos und von dokumentarischem Ernst, manchmal wirkt sie ungeschickt. Dass sich jemand eine Zigarette ins Gesicht "schraubt", verliert durch Wiederholung an Wirkung. Überzeugend dagegen ist die regionale Färbung: Da heißt es "Grundbirnen" statt "Erdäpfeln" oder "Sackgeld" statt "Taschengeld". Dieses Ländle ist freilich nur von außen sauber und adrett. Vorarlberger Leser werden bei der Schilderung der Rheintaler Alternativszene ihre Déjà-vu-Erlebnisse haben.

Stephan Alfare zeigt, dass es für ein Kind keiner besonderen Erfahrungen von Gemeinheit bedarf, um unglücklich und einsam zu sein. Es ist die landesweite Atmosphäre von Ordentlichkeit und Bigotterie, die in diese Familie diffundiert, eine Familie, deren Mitglieder einander so fremd und unverständlich bleiben wie die Eingeborenen dem Missionar. Auch zu seinen Brüdern und seiner Schwester scheint der Erzähler jahrelang keine Beziehung gehabt zu haben. Dem Bild des bürgerlichen Hauses kann das "Schafferhaus" nicht mehr genügen, es kracht im Gebälk und das Fundament hat Risse: Der respektable Herr Doktor verursacht alkoholisiert einen Autounfall mit einem Verletzten. Die Söhne haben sehr bald ein Drogenproblem, Paul Eva beginnt mit Alkohol und Haschisch, macht mit LSD weiter, verlässt das Gymnasium, sucht die Gesellschaft von Sandlern, absolviert halbherzig eine Buchhandelslehre und entwickelt einen einzigen Zukunftsplan: bald mit dem konsequenten Trinken zu beginnen.

Alfare erzählt, ähnlich wie Thomas Glavinic in seinem Antiratgeber Wie man leben soll, von den Streichen und Abenteuern eines jugendlichen Versagers, aber nicht als Farce, sondern als Tragödie. Dabei versagt er sich jedes Pathos, scheinbar ungerührt berichtet er von großen und kleinen Niederlagen, von der öffentlichen Blamage als Liedermacher, von tristem Sex und anderen unappetitlichen Dingen und von der Unfähigkeit, dem Mädchen, das auf ihn steht, zu signalisieren, dass es willkommen ist. Bukowski in Dornbirn: Das Konzept birgt die Gefahr des Lächerlichen. Von all den Bemühungen, ein "verfluchter Kerl" zu werden, bleibt schließlich nur ein starker Abgang.(Daniela Strigl - ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 07/08.04.2007)

Stefan Alfare, "Das Schafferhaus". € 21,70/326 Seiten, Luftschacht, Wien 2006
  • Stefan Alfare, "Das Schafferhaus". € 21,70/326 Seiten,  Luftschacht, Wien 2006
    buchcover: luftschacht

    Stefan Alfare, "Das Schafferhaus". € 21,70/326 Seiten, Luftschacht, Wien 2006

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