Niederwieser: "Warum Container anschaffen, wenn die Hauptschulen halb leer stehen?"

16. Juli 2007, 11:10
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SPÖ-Bildungs­sprecher Erwin Niederwieser im derStandard.at- Interview über seine Idee, AHS-Klassen in Zukunft in "halb leeren" Hauptschulen unterzubringen

Die SPÖ will angesichts der Platzprobleme an vielen Gymnasien, Hauptschulen für die Führung von AHS-Klassen öffnen. Die gesetzliche Grundlage dafür sei vorhanden, sagte der SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser im derStandard.at-Interview zu Katrin Burgstaller. Außerdem sprach er sich für neue Formen der Leistungsdifferenzierung in allen mittleren Schulen aus.

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derStandard.at: Wie stellen sie sich das Modell "Gesamtschule light" vor?

Niederwieser: In einzelnen Regionen sind AHS-Plätze sehr knapp, zugleich soll die Klassenschülerhöchstzahlen in den ersten Klassen reduziert werden. In diesem Fall benötigen wir zusätzliche Raumkapazitäten. Viele wollen lieber in die AHS statt in die Hauptschule, daher meine Überlegung, auch Klassen der AHS-Unterstufe an Hauptschulstandorten zu führen, denn die sind ja oft sozusagen ums Eck. Warum sollte man Container anschaffen, wenn zugleich die Hauptschulen halb leer stehen? Sowohl Hauptschul- als auch AHS-LehrerInnen könnten dort gemischt unterrichten.

derStandard.at: Die SchülerInnen werden also in den Räumlichkeiten der Hauptschule untergebracht, würden aber trotzdem einem Gymnasium angehören?

Niederwieser: Genau, es handelt sich nur um eine räumliche Verlegung der AHS-Klassen.

derStandard.at: Gibt es in den Hauptschulen genügend Platzressourcen, stehen denn so viele Klassen leer?

Niederwieser: Ja, speziell in den Ballungszentren Wien, Graz, Linz und Innsbruck ist der Andrang in die AHS sehr groß. Hier stehen einige Hauptschulklassen leer.

derStandard.at: Dass HauptschullehrerInnen dann zugleich auch in AHS-Klassen unterrichten sollen, darin sehen sie kein Problem?

Niederwieser: Nein, denn auch die HauptschullehrerInnen haben die entsprechende Ausbildung, um SchülerInnen in der AHS-Unterstufe zu unterrichten. Die AHS-Unterstufe und die Hauptschule haben idente Lehrpläne und die ersten Leistungsgruppen stehen auf dem selben Leistungsniveau wie die AHS.

derStandard.at: Sehen Sie die Chance, dass HauptschülerInnen der betreffenden Schulen auch leichter in das Gymnasium wechseln können? Welche Möglichkeiten zur Kooperation gibt es zwischen der Hauptschule und AHS einer solchen Schule?

Niederwieser: Wir wollen in allen mittleren Schulen, also sowohl in Hauptschulen als auch in der AHS, neue Formen der Leistungsdifferenzierung versuchen. Das bedeutet individualisierter Unterricht und Zusammenfassung in temporäre Leistungsgruppen, anstatt fixierte Leistungsgruppen. Das kann man in diesen Schulen gut ausprobieren.

Muttersprachlicher Zusatzunterricht und ganztägige Angebote könnten sicher gemeinsam genutzt werden. Durch die räumliche Nähe wäre der Wechsel von der Hauptschule in das Gymnasium vermutlich leichter möglich.

derStandard.at: An welche neuen Formen der Leistungsdifferenzierung denken Sie konkret?

Niederwieser: Das muss ausprobiert werden. Derzeit werden HauptschülerInnen in den Hauptfächern in fixe Leistungsgruppen geteilt. Jemand, der in die dritten Leistungsgruppe eingestuft ist, bleibt meist dort, ist oft demotiviert und hat Probleme, einen Lehrplatz zu finden. Wir sollten versuchen, die Kinder nach differenzierteren Kriterien in kleinere Gruppen zusammenzufassen. Die Aufteilung sollte in vielen Gegenständen stattfinden. Es gibt bereits Hauptschulen die, die Leistungsgruppen abgeschafft haben und diese innere Differenzierung ausprobieren, generell stehen wir diesbezüglich jedoch noch ziemlich am Anfang.

derStandard.at: Sind für Ihren Vorschlag zusätzliche Lehrer notwendig?

Niederwieser: Das glaube ich nicht, denn die Beschäftigung der Hauptschullehrer, die ja durch den Schülerrückgang in den Hauptschulen in Frage gestellt wird, könnte so sicher gestellt werden.

derStandard.at: Welche Reaktionen erwarten Sie von Eltern, Lehrern und Schülern?

Niederwieser: Die Alternative ist, nicht in die AHS zu kommen und in die Hauptschule gehen zu müssen. Derzeit kommt teilweise nur in die AHS-Unterstufe, wer lauter "Sehr Gut" vorweisen kann. Wer dies nicht erreicht, muss in die Hautschule gehen. In diesem Fall ist eine AHS-Klasse in einer Hauptschule sicher die bessere Alternative.

Speziell unter jungen Hauptschullehrern gibt es eine gewisse Innovationsbereitschaft. Viele machen sich Sorgen, ob sie weiter beschäftigt werden, für die gebe es dann einen Platz.

derStandard.at: Was sagt die ÖVP dazu? Denken Sie, ist ihre Idee durchzusetzen?

Niederwieser: Von der ÖVP habe ich dazu noch keine Rückmeldung bekommen. Um AHS-Klassen in Hauptschulen unterzubringen, ist keine Gesetzesänderung notwendig. Das wäre einfach eine sehr pragmatische Form der innovativen Schulverwaltung.

derStandard.at: Vielen Landesschulräte waren bisher dagegen ...

Niederwieser: Ich glaube, dass der Druck, der durch die mangelnde AHS-Plätze entsteht, innovative Lösungen erfordert. Die Landesschulräte haben bisher versucht mehr AHS-Plätze zu schaffen, strengere Ausleseverfahren wurden eingeführt. Aber das ist für die Kinder unbefriedigend. Mein Vorstoß ist zugegeben neu, aber außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Überlegungen.

(Katrin Burgstaller, derStandard.at, 6. April 2007)

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    SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser will die Hauptschulen für AHS-Klassen öffnen.

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