Nächster Halt: Bahnhofcity

7. April 2007, 14:00
9 Postings

Die Tage des bescheidenen Kiosks in der Haupthalle sind gezählt. Wer künftig am Bahnhof einkauft, kommt nicht unbedingt als Reisender zum Zug

Nachdem Deutschland, Frankreich und die Schweiz die Weichen schon vor längerer Zeit auf Shopping gestellt haben, will man auch hierzulande mehr als nur Wurstsemmel und Sonntagszeitung.

***

Ein Semmerl als Reiseproviant, ein Schokoriegel für zwischendurch und eine Packung Batterien für den Walkman – mehr war nicht drin, wenn man am großen Tor zur Welt unbedingt Geld ausgeben wollte. Bahnfahren anno dazumal, das waren noch Zeiten. Doch die Tage des bescheidenen Kiosks in der Bahnhofs-Haupthalle sind gezählt.

Schaut man sich heute auf den europäischen Hauptbahnhöfen um, erscheint der schienengebundene Anschluss an die weite Welt bald wie eine nette Beigabe zur immer stärker dominierenden Konsumlandschaft. Besonders konzentriertes Anschauungsmaterial bieten die Hauptbahnhöfe in Leipzig und Zürich. Der eine gilt flächenmäßig als Europas größter Kopfbahnhof, Letzterer ist mit seinen annähernd 3000 Zugfahrten pro Tag gar der meistfrequentierte Bahnhof weltweit. Eines haben sie außerdem gemein: Im Taumel zwischen Shops und Labels verliert man die eigentliche Funktion des Bahnhofs glatt aus den Augen. Bereits in den Neunzigerjahren sind sie im Zuge einer rigorosen Modernisierung zu waschechten Einkaufszentren mutiert.

Verjüngungskuren

Auf Österreichs Bahnhöfen sah es eine ganze Zeit so aus, als sei der Zug ins 21. Jahrhundert schon längst abgefahren. Tatsächlich wartete man so lange, bis es nicht mehr anders ging: "Die Erkenntnis, dass das Zugnetz nicht nur aus Schienen, sondern auch aus Bahnhöfen besteht, ist eine sehr junge. Der Immobilienschwerpunkt der ÖBB ist daher erst vor einigen Jahren gesetzt worden", gesteht Norbert Steiner, Prokurist der ÖBB Immobilienmanagement GmbH, gegenüber dem STANDARD. Diesem Versäumnis wirkt man seit bald einem Jahrzehnt mit der groß angelegten "Bahnhofsoffensive" entgegen. Nach ersten Verjüngungskuren in Graz, Innsbruck, Wels und Klagenfurt möchte man sich nun der großen Bahnhöfe in der Donaumetropole annehmen.

Am Beispiel Wien lassen sich laut Steiner allerdings auch Gründe aufzeigen, warum der Vergleich zu den Nachbarländern teilweise hinkt. Zum einen führe hier keine Zugstrecke "so richtig ins Herz der Stadt", zum anderen spiele Wien auch in Sachen Passagierfrequenz in einer anderen Liga. Nicht zuletzt liegt das an der Tatsache, dass es den einen Hauptbahnhof nicht gibt – stattdessen ist die Schienenmobilität auf einige strategische Punkte verteilt. Doch eines wolle man ganz gewiss nicht: Einkaufszentren, "in denen man vor lauter Geschäften den Bahnhof nicht findet".

Richtiger Branchenmix

Frischer Wind hält Einzug, die jüngsten ÖBB-Pressemitteilungen sprechen nämlich eine andere Sprache. Was Österreichs erste "Bahnhofcity" – gemeint ist die Generalsanierung des denkmalgeschützten Wiener Westbahnhofs – angeht, stehen die Weichen eindeutig in Richtung Verkaufsflächenzuwachs. Mit der Entscheidung für die Hamburger ECE Europa Bau- und Projektmanagement GmbH wurde als Kompetenzpartner Europas Marktführer in Sachen Shopping-Malls hinzugezogen. Der Grund liegt auf der Hand: Für die rund 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche möchte man den richtigen Branchenmix finden. "Damit der Wiener Westbahnhof auch wirklich zu einem florierenden Shopping-Center wird", wie es seitens der ÖBB heißt. Unterm Strich entspricht der Ausbau einer Vervierfachung der bestehenden Shop- und Gastronomieflächen.

Bei der ECE, die ihr bahnhöfliches Know-how bereits in Leipzig, Köln und Hannover unter Beweis stellen konnte, ist man von der Einkaufsmeile mit Gleisanschluss überzeugt. Den Trick, Verkehrsimmobilien mittels Einkaufszentren neues Leben einzuhauchen, habe man sich von den Flughäfen abgeschaut. "Die Einnahmen aus dem Retail sind bei Flughäfen viel höher als die Einnahmen aus Start- und Landegebühren", erklärt Martin Lepper, Geschäftsführer der ECE Consulting. Entsprechend soll das bald auch für Bahnhöfe gelten.

Konkurrent für die Shopping Mall

Welche Vorteile der Standort Bahnhof für den Endverbraucher mit sich bringt, weiß jeder, der am Sonntagabend schon mal vor dem leeren Kühlschrank stand. Dank Ausnahmeregelungen bei den Öffnungszeiten ist man den Einkaufsstraßen trotz vergleichbarer Mieten weit voraus. Und so wird die Bahnhofcity von morgen nicht nur ein flüchtiger Stützpunkt für Proviant und Batterien sein, sondern auch ein ernst zu nehmender Konkurrent für die umliegenden Geschäftsstraßen. (Christoph Warnke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8./9.4.2007)

  • Die Zeiten trister Proviantshops sind bald vorbei. Die großen ÖBB-Bahnhöfe werden mit einem besonderen Zuckerl aufwarten: Shopping en masse.
    fotos: öbb, standard/hendrich; collage: michaela pass

    Die Zeiten trister Proviantshops sind bald vorbei. Die großen ÖBB-Bahnhöfe werden mit einem besonderen Zuckerl aufwarten: Shopping en masse.

Share if you care.