Klimabericht durch die USA und China verwässert

6. April 2007, 18:56
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Delegationsteilnehmer berichten vom Streichen einiger kritischer Passagen - SPD-Politiker kritisierte "wissenschaftlichen Vandalismus" - UN-Bericht zu den Folgen des Klimawandels mit Verspätung veröffentlicht

Brüssel - Nach tagelangem Ringen um einzelne Formulierungen hat sich der Weltklimarat (IPCC) am Freitag auf einen neuen Bericht geeinigt, demzufolge durch die globale Erwärmung bis zu 30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Die Verhandlungen in Brüssel über einzelne Passagen währten bis zur letzten Minute. Vor allem die USA, aber auch China und Saudi-Arabien meldeten Änderungswünsche an. Der deutsche Umweltminister und EU-Ratsvorsitzende Sigmar Gabriel kritisierte den Beitrag der USA und Chinas in der Debatte um den zweiten UN-Klimabericht als skandalös. "Wir sind froh, dass wir diese Art des wissenschaftlichen Vandalismus am Ende haben verhindern können", sagte der SPD-Politiker gegenüber Reuters TV.

Einige Wissenschafter und Delegationsteilnehmer kritisierten jedoch, der Bericht sei durch politische Einflussnahme insbesondere der USA und Chinas verwässert worden. So seien letztlich einige kritische Passagen, zum Beispiel erwartete Klimaschäden in Nordamerika, aus dem Bericht gestrichen worden. Im Entwurf war von Wirbelstürmen, Trockenheit, Überflutungen und Bränden auf dem Kontinent als Folge des Klimawandels die Rede.

Streitfrage

Der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri sprach von einer "schwierigen Übung". Strittig waren während der Beratungen nach Angaben von Teilnehmern weiters das Ausmaß der erwarteten Ausrottung von Tier- und Pflanzenarten sowie die Frage, ob eine Schätzung zu den finanziellen Kosten der Klimakatastrophe in den Bericht aufgenommen werden soll. Einige Wissenschafter widersetzten sich den Änderungen, die Regierungsvertreter an dem Entwurf vornehmen wollten und kündigten an, sie wollten an einem weiteren Klimabericht nicht mehr mitarbeiten.

Artenauslöschung

In dem von Wissenschaftern erstellten Entwurf für den Bericht hieß es, dass etwa 20 bis 30 Prozent aller Arten von unumkehrbarer Auslöschung bedroht sind, wenn die globale Durchschnittstemperatur um 1,5 bis 2,5 Grad steigt. Diese Stelle sei bei den Beratungen für die Endfassung abgeschwächt worden, kritisierte Ian Burton vom Stockholmer Umweltinstitut, der an den Beratungen teilnahm.

Der IPCC-Report sei dennoch "ein sehr, sehr deutliches Signal" für die Regierungen, erklärte der Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer. Hans Verolme von der Naturschutzorganisation WWF erklärte, auf die wissenschaftlichen Ergebnisse des Berichts müsse eine ähnlich dringende Antwort folgen. "Nichts zu tun ist keine Option", sagte Verolme. EU-Umweltkommissar Stavros Dimas sagte, die IPCC-Ergebnisse verstärkten die Entschlossenheit der Europäischen Union, die Emission von Treibhausgasen zu verringern.

Dramatische Auswirkungen

Von den Folgen der globalen Erwärmung sind dem Weltklimarat zufolge Milliarden Menschen betroffen. Am dramatischsten sind die Auswirkungen demnach für Afrika, wo bis 2020 vermutlich bis zu 250 Millionen Menschen unter Wassermangel zu leiden haben. In einigen Ländern werden die Ernten um die Hälfte zurückgehen.

In Nordamerika drohen dem Bericht zufolge vermehrt tödliche Wirbelstürme, Überschwemmungen, Hitzwellen und Buschbrände mit enormen wirtschaftlichen Folgen. Asien ist ebenfalls von heftigen Überflutungen durch Gletscherschmelze bedroht.

Kosten

Wie der österreichische Vertreter an der Sitzung, Klaus Radunsky vom Umweltbundesamt, schilderte, drohen der Welt durch den Klimawandel und Naturkatastrophen hohe Kosten. In diesem Jahrhundert müssten global gesehen jährlich ein bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Schäden aufgebracht werden. Für Österreich würde dies rein rechnerisch Ausgaben von bis zu zehn Milliarden pro Jahr bedeuten.

Krankheiten

Mit-Autor Osvaldo Canziani warnte vor der Ausbreitung von Malaria und anderen Fieberkrankheiten. "Wir müssen weniger verbrauchen, weniger Abfall produzieren und nachhaltiger leben", forderte er. Die Ressourcen der Erde seien begrenzt: "Wenn alle Menschen in der Welt etwa auf dem Niveau meines Landes - Argentiniens - leben wollten, bräuchten wir vier Mal die Erde." Über einzelne Passagen des Berichts hatten die Delegationen eine Nachtsitzung lang gestritten.

Dramatischer erster Bericht

Mit den dramatischen Ergebnissen seines ersten Berichts, der im Februar in Paris vorgestellt wurde, hatte der Weltklimarat international Bestürzung ausgelöst. Der Bericht sagt einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von bis zu 6,4 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts vorher. Im zweiten Teil sollen nun die Regionen vorgestellt werden, die in den kommenden Jahrzehnten besonders unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden werden. Befürchtet werden Dürren, Überschwemmungen und zunehmender Mangel an Trinkwasser in jetzt schon heißen Regionen, die stärkere Verbreitung von Krankheiten und das Aussterben diverser Tier- und Pflanzenarten.

Den dritten und letzten Teil ihres Weltklimaberichts wollen die Forscher Anfang Mai präsentieren. Dann wollen sie Lösungsvorschläge unterbreiten, um die Folgen des Klimawandels abzumildern. (APA/Reuters/dpa/AP)

  • IPCC-Bericht zu den Folgen des Klimawandels
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    IPCC-Bericht zu den Folgen des Klimawandels

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